Amira Ahmad, Dolmetscherin, Mutter von zwei Kindern:

Ich wohne im Zentrum von Gaza, in einer kleinen Seitenstraße. Noch hat uns keiner aufgefordert, das Viertel zu verlassen. Ich stehe jeden Morgen gegen fünf Uhr auf, wasche mich und ziehe mir frische Kleidung an. Ich will sauber sein, wenn ich in den Dreck des Tages hinausgehe. Auch wenn ich zurückkomme, stelle ich mich kurz unter die Dusche. Wasser ist knapp, wir müssen es uns gut einteilen. Aber dies ist meine einzige ruhige Minute am Tag. Es ist dann so, als würde ich mir nicht nur den Staub und den Gestank des Krieges abwaschen, sondern auch die Bilder des Tages. Manchmal hätte ich gerne einen Tropfen edles Parfum, um den Geruch von Blut zu überdecken, der einem in der Nase kleben bleibt.

In unserer Zweizimmerwohnung und der Wohnung meiner Schwägerin wohnen jetzt knapp dreißig Personen: Ich, mein Mann, unsere zwei Kinder und unsere Verwandten. Meine Eltern mussten ihre Häuser in Beit Hanoun, im Norden Gazas, verlassen. Die Kinder langweilen und streiten sich. Überall sitzen, reden oder schlafen Menschen. Es ist laut. Man ist genervt und gleichzeitig froh, nicht alleine zu sein. Wir waschen unsere verschwitzte Wäsche per Hand. Abends lege ich mich zu den Kindern und hoffe, dass sie schlafen können.

Wie alle hier in Gaza horche ich in die Nacht. Ich weiß, wie sich eine heranfliegende Drohne anhört, und ich habe gelernt, die Art und die ungefähre Entfernung der Geschosse zu erahnen.

Den wenigen Strom, den unser Generator produziert, benutze ich, um mein Handy und den Computer aufzuladen. Mein Handy ist meine Lebensversicherung. Wenn ich unterwegs bin, telefoniere ich mit meiner Familie und Freunden, um zu erfahren, wo gerade wieder bombardiert wurde. Allerdings bricht das palästinensische Handynetz Jawwal immer wieder zusammen, deswegen telefoniert man nur kurz.

An einem Tag bin ich nach Dschabalija gefahren, dort sollte Markt sein. Es ist das Viertel, in dem israelische Flugzeuge eine Schule der Vereinten Nationen bombardiert hatten. Die Straßen waren voller Menschen, sie kampierten zwischen den zerschossenen Häusern. Später fuhr ich nach Beit Hanoun, auch hier wurde bombardiert. Ich traf dort zufällig meine Cousine auf der Straße, deren Mann in der Nacht zuvor getötet worden war. Er war für ein paar Tage aus Deutschland zu Besuch gekommen, um das Fest des Fastenbrechens mit ihr zu feiern. Danach wollte er zurückfahren. Irgendwann wollte er sie zu sich nach Deutschland holen, so hatte er es ihr versprochen. Ich versuchte meine Cousine zu trösten, aber sie hört nicht auf, zu weinen.

Wenig später rief mich eine Freundin an. Auch ihre Stimme war schmerzerfüllt. Aber sie hatte Wehen. Ich sollte zu ihr ins Krankenhaus kommen. In der Klinik, in der sie lag, konnte sie nicht bleiben, weil es dort zu wenig Blutkonserven gab, also wurde sie in das Al-Schifa-Krankenhaus verlegt, das größte Krankenhaus in Gaza.

Dieses Krankenhaus ist mittlerweile ein Flüchtlingslager. Es ist unbeschreiblich voll. Hunderte Menschen kampieren im Eingangsbereich oder haben sich in den Gängen mit Planen und Decken dürftig eingerichtet. Viele andere warten dicht gedrängt, um zu ihren verletzten Angehörigen zu kommen. Ich finde meine Freundin hinter einem Vorhang in einem abgetrennten Bereich, von wo aus man zum Glück keine Verwundeten sehen kann. Ein paar Stunden später bringt sie einen gesunden Jungen zur Welt. Sie nennt ihn Fady. Das ist arabisch und bedeutet: der Retter.