Kingston ist ein beliebter Vorort von London: gute Schulen, grüner Park, tolles Einkaufszentrum, schnelle Zugverbindung zur Waterloo Station – und Einfamilienhäuser, die jedes Jahr zehn Prozent teurer werden. Inzwischen kosten sie rund eine Million Pfund. Die Chinesin Liwei hat ihr Heim renoviert, mit Steinfußboden aus rosa Marmor, und sie hat lange überlegt, ob sie es verkaufen soll, bevor sie nach Shanghai zurückzieht.

Die Nachbarn sind gespannt. Sollte Liwei ihr Haus für eine Million Pfund loswerden, wären das umgerechnet mehr als 8.000 Euro pro Quadratmeter. Also wartete die ganze Straße: der Perser, dessen Familie schon zu Zeiten des Schahs nach England gezogen war, der französische Fotograf mit seiner südamerikanischen Frau, die sich die Gegend kaum mehr leisten können, der indische Unternehmer mit seiner Familie aus Mumbai, die neue Familie aus dem Irak und der englische Rentner, dem alles nicht mehr englisch genug ist.

In Kingston lässt sich erleben, warum für viele Engländer ein Haus unerschwinglich geworden ist. Immer mehr wohlhabende Interessenten aus Osteuropa oder Asien legen sich eine Bleibe zu. Nach einer Studie sind die Hauspreise in London im Vergleich zum Vorjahr um 26 Prozent gestiegen, auch landesweit legen sie stark zu. Wer nicht zu den neuen Reichen zählt, braucht einen verständnisvollen Hypothekenmakler. Großzügig wird dann das Gehalt berechnet. Und am Ende findet sich ein Geldhaus, das den Hauskauf finanziert. Selbst wenn der Kunde sich bis zur Halskrause verschuldet.

Genau das soll jetzt aufhören. Die Bank von England und das britische Finanzministerium sind alarmiert, dass sich schon wieder so viele Engländer hoch verschulden, um am britischen Immobilienmarkt überhaupt noch zum Zuge kommen zu können. Deshalb haben sie kürzlich Maßnahmen ergriffen, die den Überschwang bremsen sollen; am Dienstag dieser Woche hat die Finanzaufsicht nun Details der neuen Regeln veröffentlicht. Zu oft hat das Land diesen Kreislauf von boom and bust erlebt: Erst geht es der Wirtschaft besser, die Hauspreise steigen, die Banken vergeben immer waghalsigere Hypotheken – und dann kommt die Rolle rückwärts. Wenn die Bevölkerung sich die höheren Zinsen kaum noch leisten kann und verzweifelt spart oder wenn die Hypotheken gar platzen. Schnell ist dann die Bankenkrise da, die Rezession.

Derzeit werden steigende Immobilienpreise international mit Sorge beobachtet. Auch in Deutschland. Vor der Finanzkrise galten in vielen Ländern nur die Notenbankzinsen als Hebel, um Exzesse auf dem Immobilienmarkt zu verhindern. Mit dem Platzen der Blase in den USA und der Finanzkrise, die folgte, hat sich das geändert. Aufseher weltweit arbeiten an neuen Instrumenten, um Blasen vorzubeugen. Großbritannien und Deutschland unterscheiden sich, doch der Blick über den Kanal lohnt.

Direkt in die Preise am Immobilienmarkt eingreifen will keiner. "Das ist gar nicht unsere Aufgabe", sagte Mark Carney, der Chef der britischen Notenbank. Sollen sich die Superreichen doch am Hyde Park Apartments für 120 Millionen Pfund zulegen und ihre Nanny in ein Einzimmerapartment für sieben Millionen Pfund stecken. Soll Liwei doch ihr Haus für eine Million Pfund verkaufen.

Wichtiger ist den Aufsehern, dass sich die Normalbevölkerung keine Schulden aufhalst, die sie nicht mehr bedienen kann, wenn das Zinsniveau steigt. Aktuell sind die Zinsen niedrig wie nie, doch wenn der Wind dreht und die Kreditkonditionen angepasst werden, ist eine Immobilie schnell ein Problem. In Großbritannien wird noch in diesem Jahr mit einer ersten Zinserhöhung gerechnet – vor den USA und der Euro-Zone.

Damit die Bürger und mit ihnen das Finanzsystem nicht unter einer Last von faulen Krediten zusammenbrechen, hat die Bank von England den Banken nun erstmals strengere Vorgaben gemacht: Künftig dürfen waghalsige Hypotheken nicht mehr als 15 Prozent des Neugeschäftes ausmachen. Als "waghalsig" gilt eine Hypothek, wenn der Darlehensbetrag mehr als das 4,5-Fache des Jahresgehalts ausmacht. Solche Schulden bürden sich vor allem junge Familien auf. Mittlerweile ist der Anteil der riskanten Hypotheken höher als kurz vor der Finanzkrise. Manche wünschten sich daher noch strengere Vorgaben. Laut britischer Finanzaufsicht soll die neue Regel am 1. Oktober in Kraft treten.