Bei Redaktionsschluss schwiegen die Waffen in Gaza. Die israelische Armee (IDF) zog sich zurück, doch sie bleibt in Kampfbereitschaft. Wenn die Waffenruhe hält, wird der Wiederaufbau beginnen, werden Israel und Ägypten die Blockade lockern. Hamas, die etwa die Hälfte ihrer Raketen verschossen oder verloren hat, wird wieder aufrüsten. Die Israelis werden zurückkommen – wie 2008, 2010 und in diesem Juli. Und sie werden abermals in die moralische Falle laufen – wie vergangene Woche, als ihre Granaten in eine UN-Schule einschlugen.

Richtig ist, dass Hamas die eigenen Mitbürger als "menschliche Schutzschilde" missbraucht. Richtig ist, dass die Genfer Konventionen solche Taktiken verbieten. Wer Truppen und Waffen in Wohngebieten versteckt, verliert den Schutz durch das Kriegsrecht. Richtig aber ist auch, dass Artillerie im Städtekampf Unbeteiligte umbringt, dass Israel sich schuldig macht. So wird es beim nächsten Mal wieder sein – ganz gleich, wie oft die IDF die Bevölkerung vorher warnt.

Beim nächsten Mal? Es müsste ein Wunder geschehen, um diese teuflische Kette zu kappen. Der Krieg um das schmale Handtuch zwischen Mittelmeer und Jordan geht seit 1948, als fünf arabische Armeen das junge Israel angriffen. Es folgten die Kriege von 1956, 1967, 1973 und 1982, die blutige Intifada von 2000 ff. Dennoch geschahen Wunder, und zwar gleich drei: Das erste war der Frieden mit Ägypten, das zweite der mit Jordanien, das dritte der Händedruck Rabin-Arafat. Warum ist da nicht auch ein kalter Frieden zwischen Israel und Hamas möglich?

Gaza entpuppt sich als Mikrokosmos innerislamischer Konflikte

Eine schlichte Antwort: Die Welt von 1979, als Israel den Sinai gegen die Anerkennung eintauschte, gibt es nicht mehr. Es war schon immer falsch, den Kampf um das Stückchen Land zwischen Haifa und Hebron als "den" Nahostkonflikt zu stilisieren. Nur auf den ersten Blick scheint der jüngste Waffengang zwischen Israelis und Palästinensern diese Lesart zu bestätigen. Diese Perspektive führt heute mehr denn je in die Irre.

Vergrößern wir den Ausschnitt. Die fünf Kriege seit 1948 waren klassische Duelle zwischen Staaten: hier Israel, dort die Araber. Dann brach deren Koalition auseinander. Kairo und Amman arrangierten sich mit Jerusalem; Syrien und der Irak zogen sich in den Nicht-Krieg zurück. Es ist die islamische Welt, die heute von den zentralen Konflikten der Region zerfleischt wird. In dem einen kämpfen Sunniten und Schiiten um die Vorherrschaft. Im zweiten bekriegen sich zwei Abarten des Autoritären – die Islamisten und die Alleinherrscher. Im dritten sind der Iran und die alten Regime von Kairo bis Riad verkeilt. Der Krieg in Syrien hat mehr Opfer gefordert als alle arabisch-israelischen zusammen. Der Irak zerfällt. Und Israel ist der heimliche Verbündete der sunnitischen Mächte.

Gaza ist eine humanitäre Tragödie. Blickt man aber genauer hin, entpuppt sich Gaza als Mikrokosmos innerislamischer Konflikte, die mit Israel allenfalls mittelbar zu tun haben. Die Times of Israel konstatiert: "Gewiss will Hamas nach wie vor Israel vernichten. Sie feuert Raketen auf Tel Aviv ab und schickt Terroristen durch Tunnel in den Süden. Doch das eigentliche Ziel ist Kairo." Jenes Kairo, wo kurz die Islamisten herrschten, das aber unter General Al-Sissi Tunnel gesprengt hat und den Streifen noch hermetischer abriegelt als Israel. Perdu war knapp eine halbe Milliarde Dollar an "Wegezöllen" pro Jahr, welche Hamas von den Schmugglern kassiert hatte. Die Bilder vom Leiden der Bevölkerung sind ein probates Druckmittel von Hamas, um vor allem den "Bruderstaat" Ägypten gefügig zu machen.

In Gaza bekämpft der Iran, der Waffenmeister von Hamas, die Sunniten-Regime. Katar, der zweite Hamas-Mäzen, will es Kairo und dem Nachbarn Riad zeigen. Ankara, wo Erdoğan seine antisemitischen Tiraden ausstößt, sieht den gefährlichsten Rivalen nicht im schiitischen Iran, sondern in Ägypten und Saudi-Arabien. Rätselhaft ist die Rolle Amerikas. Einst der treue Freund Israels und der konservativen Regime, wendet es sich unter Obama gegen beide. Washingtons Einfluss ist so nicht gewachsen.

Ein Waffenstillstand kann den Schrecken beenden, nicht aber den dreifachen innerislamischen Krieg – das ist die Tragödie hinter der Tragödie. Die meisten europäischen Regierungen haben das neue Nahost-Gebräu richtig analysiert. Stillschweigend haben sie für die Schwächung von Hamas optiert – und gegen die Extremisten ringsum, die in Gaza einen untergründigen Stellvertreterkrieg ausfechten. Gegen ihn war der Nahostkonflikt, wie wir ihn kannten, noch beherrschbar. Damals konnte Washington Kairo, Amman und Jerusalem zum Frieden treiben. Wer aber rettet jetzt Syrien, Libyen, den Irak und den Libanon?

Stellen wir uns vor, Israel und Hamas lernten, dass sie zwar die Schreckensbilder produzieren, aber andere das Drehbuch schreiben. Dass sie einander nicht bezwingen können und deshalb in einer "Auszeit" ihre Reflexe überdenken müssten. Hamas weiß längst, dass weitreichende Raketen auf die Städte Israels den sicheren Krieg bedeuten; die Israelis wissen, dass sie jeden Waffengang gewinnen können, aber ein Gaza, das halbwegs floriert, kein brennendes Interesse an einem vierten hätte. Die Logik läge auf der Hand, wenn nicht Israel und Hamas in einem Stellvertreterkrieg gefangen wären, der von Ankara bis Teheran reicht. Umso mehr müssten sie die Einsicht des Pariser Avantgardisten Francis Picabia (1878 bis 1953) beherzigen: "Unser Kopf ist rund, damit die Gedanken die Richtung ändern können."

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