Den Krieg versucht Yotam zu verbergen. Der Unternehmer aus Tel Aviv hat sich drei Ausreden zurechtgelegt, wenn ihn seine ausländischen Kunden fragen, warum ihre Aufträge noch nicht fertig sind. Ausrede eins: Wir haben noch nicht genug Daten beisammen. Ausrede zwei: Wir liefern nächste Woche. Ausrede drei: Einer unserer Programmierer ist Vater geworden.

Yotam führt ein Start-up in Tel Aviv. Seine Firma produziert Kommunikationssoftware, die sie anderen Unternehmen verkauft. Viele von Yotams Kunden kommen aus Deutschland. Auf gar keinen Fall, sagt Yotam, dürften sie herausfinden, wie sein Unternehmen oder er selbst wirklich heißen. Sie würden das nicht verstehen mit ihm und dem Krieg. Und wie soll das auch irgendjemand verstehen außerhalb Israels, wo Unternehmer und Angestellte fast immer auch Soldaten sind? Wo die Grenzen verschwimmen zwischen Arbeit und Krieg, zwischen Militär und Gesellschaft, sagt Yotam. Denn er ist nicht nur Unternehmer. Er ist auch Pilot der israelischen Luftwaffe.

Yotam, 35 Jahre alt, schlank, dunkelblond, groß, Elite seines Landes, geht durch den Seitenflügel einer Fabriketage, die er für seine 20 Mitarbeiter gemietet hat. Auf dem Boden liegen Sitzsäcke zwischen gläsernen Wänden.

Yotam hat sich schwarze Balken auf Arme und Unterschenkel tätowieren lassen, sein Bart ist drei Tage alt, er trägt ein weißes T-Shirt und eine schwarze Hose. Er sieht aus wie die Unternehmensgründer aus San Francisco, wo die Start-up-Szene noch größer ist als in Tel Aviv. Trotzdem würde man überall auf der Welt in Yotam einen Soldaten erkennen. Sein gerader Gang bringt den Körper in eine wehrhafte Haltung, und wenn er die Richtung ändert, dreht er den ganzen Oberkörper. Seine Bewegungen verraten viele Stunden soldatischen Trainings.

In den vergangenen Wochen, sagt Yotam, sei seine Firma nur halb so produktiv gewesen wie üblich. Die Hälfte der Mitarbeiter sei im Krieg, manche halbtags, andere in Vollzeit. Der Programmierer, dem Yotam Kunden gegenüber ein Kind andichtet, ist in Wahrheit Offizier und kommandierte drei Wochen lang Bodentruppen in Gaza. Die Kollegen bemühen sich nun, seine Arbeit mitzuerledigen. Sie kommen früher, bleiben länger, schaffen es aber trotzdem nicht.

Yotam selbst fliegt verwundete Soldaten aus dem Kriegsgebiet in nahe gelegene Krankenhäuser, zweieinhalb Tage die Woche. Ein Tag Büro, ein Tag Krieg. "Es ist hart, den Alltag aufrechtzuerhalten", sagt er. Seine Arbeit könne er im Moment schlecht planen.

Keine Institution prägt die israelische Gesellschaft mehr als das Militär, selbst wenn kein Krieg ist. Gleich nach dem Schulabschluss müssen alle Israelis zum Wehrdienst, Männer drei Jahre lang, Frauen zwei. Nur Araber, orthodoxe Juden und Selbstmordgefährdete sind ausgenommen. Wer nicht dienen will, kommt ins Gefängnis. Wer es im Militär weit bringt, steigert seine Chancen auf eine Karriere in Politik und Wirtschaft.

Viele derjenigen, die heute an der Spitze des Landes stehen, sind sich früher in Eliteeinheiten begegnet. So war das auch bei drei Männern, die gerade den Krieg gegen Hamas organisiert haben: Verteidigungsminister Ehud Barak, Premierminister Benjamin Netanjahu, und Naftali Bennett, der Vorsitzende der ultranationalistischen Partei HaBajit haJehudi. Sie haben alle in führenden Positionen in der Eliteeinheit Sajeret Matkal gedient. Deren Einsatzschwerpunkt: Terrorismusbekämpfung und nachrichtendienstliche Aufklärung.

Der Wehrdienst ist nur ein Teil einer fast das ganze Leben andauernden Beziehung zwischen dem Militär und den Israelis. Wer einmal gedient hat, männlich ist und Jude, ist zum Scherut Miluim verpflichtet, bis er 45 Jahre alt ist: maximal 36 Tage Reservedienst im Jahr, bei Spezialaufgaben auch länger. Das Militär kann Reservisten wie Yotam, den Piloten, jederzeit einberufen und in den Krieg schicken. Frauen zieht es nicht zum Reservedienst ein.

In der aktuellen Operation, wie das israelische Militär den Krieg im Gazastreifen nennt, haben die Streitkräfte 82.000 Reservisten eingezogen, darunter einige Studenten. Doch die höherrangigen Offiziere sind "Männer in ihren 30ern", sagt Grisha Alroi-Arloser, Chef der deutsch-israelischen Handelskammer. "Das sind alles im Berufsleben stehende Leute, sie arbeiten häufig in der Technologie." Die Armee auf Abruf schwäche die Produktivität der israelischen Volkswirtschaft. Aber daran denke jetzt keiner. "Im Krieg sind die Unternehmer keine Unternehmer mehr, sie sind Soldaten und Mütter und Väter von Soldaten. Man trifft sich im Panzer", sagt Grisha Alroi-Arloser. Das Land rücke zusammen, die Volkswirtschaft stecke Kriege mittelfristig ganz gut weg.

Die Armee hält Israels Gesellschaft zusammen. Sie ist eine gigantische Eingliederungsmaschine. In ihren Kasernen treffen häufig zum ersten Mal Aschkenasim-Juden, die aus Europa stammen, auf Misrachim, Juden aus muslimischen Ländern. Es gibt Agenturen, die unter Juden im Ausland dafür werben, als sogenannte "einzelne Soldaten", allein nach Israel zu kommen, um das Land aufzubauen. Jahr um Jahr folgen Tausende dem Ruf, und viele bleiben in Israel. Im Reservedienst kommt in den darauffolgenden Jahren jeder wieder mit jener Einheit zusammen, in der er einst gedient hat.