Die Homepage sagt alles, nämlich nichts. Man klickt auf einen grinsenden Glamrock-Typen vor der Zeichnung eines Lokals. Es ertönt ein Biereinschenkgeräusch, dann gackert ein Huhn. Man wechselt auf die Seite "Jim Laden", aber die ist "noch im Aufbau". Das "Jim Blog" enthält nur die Ermunterung "selber was schreiben", der bis jetzt niemand nachgekommen ist. In der Galerie finden sich Fotos vom Schäferstraßenfest 2009. Aber nirgends ein Hinweis darauf, dass man hier essen kann.

Seit 13 Jahren gibt es das Jimmy Elsass, womit schon mal bewiesen wäre, dass Marketing nicht alles ist. Man findet hin, wenn man vom Schlump an den Rand der Schanze spaziert. Die beiden nutzlosen Poller auf dem Bürgersteig hat jemand überhäkelt, so sind sie zumindest hübsch. Drinnen sieht das Ecklokal wie ein Amsterdamer Coffeeshop aus: abgedunkelt, viele Kissen, sperrmüllverdächtiges Mobiliar. Aber bei dem schönen Wetter sitzen ohnehin alle an den Biertischen vor der Tür. Kein typisches Schanzen-Publikum, eher studentisch und sehr entspannt.

Das Jimmy Elsass hat sich auf Flammkuchen spezialisiert, was eine gute Idee ist: schmeckt jedem, lässt sich günstig herstellen, aber mangels Flamme nur schlecht daheim. Die Karte verzeichnet 15 Varianten vom Klassiker bis zu Exoten mit Schwarzwälder Schinken und Preiselbeeren oder Schafskäse und Datteln. Hinter manchen stehen Zusatzstoffvermerke wie "(2)" oder "(3)". Was sie bedeuten, das muss man sich selber zusammenreimen.

Auch die Weinrubrik gibt Rätsel auf. Dass der Edelzwicker "sortentypisch ausgebaut" ist, klingt kennerhaft, bis man sich klarmacht, dass Edelzwicker ja gerade keine einzelne Rebsorte, sondern eine Mischung aus mehreren ist. Und was steht beim Cremant: "Perlt und zwickt in den Backen unserer Winzertöchter". Egal – die Weine schmecken, und sie sind so originell wie alles andere.

Es gehört offenbar zur Hauspolitik, im Service nur ungeschultes Personal einzusetzen. Ob der Lachs auf dem Lachs-Flammkuchen geräuchert oder frisch ist? "Tja ... pff ..." Der nette junge Kellner macht eine Miene wie die Kandidaten bei Günther Jauch. Man wäre nicht überrascht, wenn er jetzt den Telefonjoker einsetzen würde. Seine Kollegin im Jeanskleid fragt er aus gutem Grund nicht. Die ist auch nett, aber ein wenig entrückt. Wann immer sie aus der Eingangstür tritt, schwillt der Chor der vernachlässigten Gäste an. Die Kellnerin überhört es lächelnd, Multitasking ist nicht so ihr Ding. Sie muss jetzt erst mal die Frau am Nebentisch abkassieren: "Was hattest du denn?"

Irgendwann kommen die bestellten Flammkuchen auf XL-Tellern. Als Besteck dient ein Teigrad, mit dem man Ecken abrollt, damit jeder zulangen kann. Flammkuchen ist ja nicht wirklich ein Gericht, eher der flächigste Snack der Welt; natürlich muss man den teilen. Manche Ausführungen machen einem das leichter als andere. Der Klassiker schmeichelt erst mit seinem milden, fein geschnittenen Speck. Aber auf die Dauer überwiegt doch eine sahnige Süße. Beim Lachs-Flammkuchen ist vom versprochenen Meerrettich nichts zu spüren.

Am meisten Kraft hat die Version mit der Paprikawurst Chorizo und Jalapeño-Chilis – geschmacklich fast Pizza Diavolo, nur eben mit dem hauchdünnen Knusperteig, der den Bäckern im Jimmy Elsass bestens gelingt. Ob er für Desserts genauso gut taugt, ist fraglich. Der flambierte Flammkuchen mit Apfelkompott, Honig, Zimt und Calvados taugt wohl eher für Pyromanen. Mit dem Löschen ist es so eine Sache.

Wo bleibt der vor einer Viertelstunde bestellte Wein? Die Kellnerin nimmt Haltung an: "Der wird bei uns an der Bar frisch zubereitet."

An den Engpässen liegt es nicht, dass man hier länger bleibt, als man wollte. Eher daran, dass bei allem Chaos im Jimmy Elsass das Karma stimmt. Solche Worte fallen einem hier tatsächlich ein. Man lehnt sich zurück, genießt den Sommer und schnorrt vielleicht vom Tischnachbarn ein Stück Flammkuchen, bis der eigene eintrifft und man sich revanchiert.

Jimmy Elsass, Schäferstraße 26, Schanzenviertel. Tel. 44 195 965, www.jimmyelsass.de. Geöffnet täglich von 18 bis 1 Uhr, Küche bis 23 Uhr. Flammkuchen um 10 €. Nur Barzahlung, Reservierungen nur für große Gruppen