Warum ist Tove Jansson nicht viel berühmter? In Deutschland, anders als in England, Japan und natürlich Skandinavien, gibt es immer noch Kindheiten, in denen die Mumins nicht auftauchen. Das muss nicht sein, das ist doch wie eine Jugend ohne Hasch – also der unnötige Verzicht auf eine starke Erfahrung! Die Trolle-Welt der Mumins, diese eigensinnige Privatmythologie der großen finnlandschwedischen Malerin, Schriftstellerin, Grafikerin und Comiczeichnerin Tove Jansson, sind perfekte Bücher für die generationenübergreifende Lektüre: Die Erwachsenen lesen dasselbe Buch wie die Kinder, aber jeder denkt sich seinen Teil.

Der Muminkosmos ist eindringlich, aber nie platt. Er wirkt archetypisch, aber doch individuell verspielt. Er ist geheimnisvoll, aber auf die L’art-pour-l’art-Art: Es gibt da keine geheime Botschaft, keine pädagogische Absicht. Die Muminwelt ist geheimnisvoll, weil man sich einfach damit abfinden muss, dass sie sich dem vollen Verstehen entzieht. Im Zentrum stehen der Mumintroll mit Muminmutter, zu der er eine sehr enge Beziehung hat. Auch Muminvater ist ein reizender Herr (stets mit Zylinder), aber quälendes Fernweh hat ihn schon einmal dazu bewogen, die Familie im Stich zu lassen und mit den nomadischen Hatifnatten auf Wanderschaft zu gehen.

Die ersten Mumins tauchten bei Tove Jansson in ihren Gemälden auf, bevor sie begann, illustrierte Kinderbücher über die Mumins zu schreiben. Später wurden daraus die Mumincomics. Diese Welt hat genau die richtige Mischung aus Idylle und Grusel: Das Düstere durchweht die Seiten, kann aber durch beherzten Spieltrieb immer noch rechtzeitig vertrieben werden. Immer wieder sind es die elementaren Naturgewalten, Wetter und Landschaft (Berge, Meer), die für erhabenen Schrecken und jauchzende Geborgenheit sorgen: "Oh, ein morgenmunterer Mumin zu sein und in glasgrünen Wellen zu tanzen, während die Sonne aufgeht!"

Am 9. August vor 100 Jahren wurde Tove Jansson in Helsinki in eine Künstlerfamilie geboren; 2001 starb sie. Dass ihr 100. Geburtstag zusammenfällt mit dem Gastlandauftritt Finnlands auf der Frankfurter Buchmesse im Herbst, wird ihrer Rezeption in Deutschland hoffentlich auf die Sprünge helfen. Denn wir müssen sie entdecken: als Malerin und als hervorragende Schriftstellerin, die etwa im Roman Die Tochter des Bildhauers von der Selbsterfindung des Künstlers erzählt. Tove Jansson war eine große, verehrungswürdige Frau – auch als Lebenskünstlerin, die mit der Unerschrockenheit echten Eigensinns bisexuell lebte, als man für diese Lebensform noch einen Preis zu zahlen hatte.