Die Kirchensteuer ist überflüssig geworden, als Mittel zur Finanzierung hat sie sich überlebt. Darum sollte man sie abschaffen. Wären die Kirchen klug, würden sie selbst auf die Idee kommen und den Übergang auf eine Finanzierung durch Spenden von sich aus in die Hand nehmen.

Den Verantwortlichen sollte es zu denken geben, dass jede Diskussion über Kirchensteuern die Austritte sprunghaft steigen lässt. Die ersten katholischen Diözesen und evangelischen Landeskirchen melden auch für das laufende Jahr bereits hohe Austrittszahlen. Und dazu braucht es nicht einmal neue Missbrauchsskandale oder bischöfliche Prunkbauten. Es reicht schon, dass evangelische und katholische Christen einen Brief von ihrer Bank bekommen mit dem Betreff: "Einbehalt von Kirchensteuer".

Vom nächsten Jahr an ziehen die Geldinstitute von Zinserträgen und Dividenden automatisch die Kirchensteuer ab. Eine Reform, ein einfacheres Verfahren, argumentieren die Kirchen. Ein Versuch, an noch mehr Geld zu kommen, entgegnen die Kritiker. Dabei ist es gleichgültig, wer von beiden recht hat. Es ist auch gleichgültig, ob die Kirchen dadurch eine halbe Milliarde Euro mehr einnehmen, wie die Kritiker vermuten, oder ob alles beim Alten bleibt, wie die Kirchen behaupten.

Entscheidend ist die Wut, die an dieser wie an jeder Kirchensteuerdiskussion zutage tritt. Sie deutet auf ein grundlegenderes Problem: Die Kirchensteuer nehmen viele zum Anlass, einen lange erwogenen oder auch spontanen Austritt zu vollziehen. Die Steuer ärgert Distanzierte und Engagierte, weil sie sich nicht verträgt mit einer Kirche, die die Freiwilligkeit predigt.

Kirchensteuer wird den Leuten aus der Tasche gezogen und Bischöfen in den Schoß gelegt. Sie verpflichtet die Mitglieder zum Zahlen und die Bischöfe zu nichts. Erst unter dem Druck des Bauskandals des Limburger Bischofs Tebartz-van Elst hat sich die Mehrheit der katholischen Oberhirten entschlossen, den Gläubigen mehr Einblick zu geben in die Haushalte ihrer Kirchen. Die evangelische Kirche pflegt die Transparenz schon länger. Dort lagen die Austrittszahlen lange höher.

In der Vergangenheit mussten sich beide Kirchen jahrzehntelang nicht groß darum kümmern, dass jedes Jahr zwischen 100.000 und 200.000 Menschen ihre Mitgliedschaft kündigten. Wirtschaftlich betrachtet wurde der Ausfall durch steigende Steuereinnahmen lange überkompensiert. Denn die Kirchensteuer hängt an der Einkommensteuer, und die steigt oder fällt mit der Konjunktur.

Mehr als Austritte fürchten die Kirchen denn auch Rezessionen und Steuerreformen. In den vergangenen Jahren rechneten sie mit Einbußen. Aber jedes Jahr ließ das Wirtschaftswachstum ihre Einnahmen steigen: 5,5 Milliarden Euro wurden 2012 in die Kassen der katholischen, 4,8 Milliarden in die der evangelischen Kirche gespült. Die Steuer hat die deutschen Kirchen zu den reichsten der Welt gemacht. Trotzdem fehlt derzeit auf allen Ebenen Geld. Die Kirchen haben sich übernommen – das ist geradezu typisch, wenn einem die Einnahmen in den Schoß fallen.

Der Geldsegen verschafft Bischöfen Unabhängigkeit von den Gläubigen. Der Kölner Erzbischof konnte gewaltige Kirchenbauten im Heiligen Land bezuschussen, gebaute Machtansprüche. Die evangelische Kirche konnte ein Gender-Studienzentrum errichten und einen Werbefilm für Unisex-Toiletten fördern, ohne sich um die Meinung ihrer Mitglieder zu kümmern. Die Steuer bläht Verwaltungen auf und mildert den Problemdruck auf allen Ebenen. Ein Pfarrer kann seine Kirche leer predigen und ein Priester seine Schäfchen anherrschen, ohne dass ihnen etwas passiert.

Vor allem katholische Bischöfe beklagen gern und oft den Glaubensverlust unter denen, deren Geld sie gern einnehmen. Ihnen selbst fehlt es aber an Vertrauen gegenüber ihren Mitgliedern. Noch in den vergangenen Jahren hat die katholische Kirche Gerichtsprozesse um die Kirchensteuer geführt.

Dabei zeigen die Kirchen selber, dass es auch anders geht. Ihre Hilfswerke leben von freiwilligen Spenden. Die meisten gehören zu den großen in Deutschland. Die Hilfswerke haben es gelernt, sich bei den Menschen zu bedanken und ihr Engagement zu wecken – und sind deshalb nicht auf die vom Staat eingetriebenen Steuern angewiesen.