Überall ist Blut. Auf dem Fußboden des Kunstraums, auf Majas weißem Frackhemd, das sie aus dem Schrank ihres Vaters geklaut hat. Es spritzt ihrem Freund Enzo ins Gesicht, der vor Entsetzen in Ohnmacht fällt, und es tränkt das T-Shirt ihres Lehrers, der Majas Daumen endlich verbindet.

Wer Jenny Jägerfelds Roman Der Schmerz, die Zukunft, meine Irrtümer und ich lesen will, muss zunächst eine wahre Splatter-Klippe nehmen: Im Kunstunterricht säbelt sich die siebzehnjährige Maja mit einer elektrischen Stichsäge ein Stück ihres linken Daumens ab. Die zurückbleibende Verstümmelung wird mit quälender Genauigkeit beschrieben: "pinkfarbenes Fleisch", weiß hervorblitzender Knochen, Blut, das sprudelt wie ein "kleiner Geysir".

Maja muss im Laufe der Geschichte viele Schmerzen durchleiden: Von einem Mitschüler wird sie niedergeschlagen, auf der Holzterrasse ihrer Mutter bohrt sich ein Riesensplitter tief in ihre Fußsohle. Dann bekommt Maja einen Stein an den Kopf, den sie selbst geworfen hat, und schon klafft eine Wunde auf ihrer Stirn.

Die 1974 geborene schwedische Autorin hat einen Hang zum Splatter-Genre. Neben Romanen – dies ist ihr zweiter – schreibt sie Skripte für die Zombie-Comic-Reihe The Walking Dead. Jägerfeld selbst sagt, dass sie einen explosiven Start kreieren wollte, um ihre Leser zu fesseln. Doch all das Blut, die ratternden Metallzähne der Säge und die Wunden stehen bildhaft für das nicht sichtbare Leid, das Maja in sich trägt. Was sie wirklich quält, sie zu Boden drückt und bluten lässt, ist eine tief verletzte Seele.

Außer Enzo hat Maja keine Freunde. Ihre Eltern haben sich getrennt, als sie drei Jahre alt war. Seitdem lebt Maja in Stockholm bei ihrem Vater, einem verschrobenen Musikjournalisten, der sich bereitwillig von jüngeren Frauen umschwärmen lässt und dem seine eigene Tochter seltsam fremd zu sein scheint. Maja nimmt diesen sich ewig jugendlich gebenden Vater nicht ernst. So wie er seine ständigen Affären vor ihr verbirgt, überschreitet sie die Grenze seiner Privatsphäre. Völlig selbstverständlich loggt sie sich in seinen Mail- und Facebook-Account ein, liest seine Nachrichten und schreibt in seinem Namen Antworten, die jede seiner Liebschaften vergraulen.

Mutter Jana lebt im eineinhalb Stunden entfernten Norrköping, jedes zweite Wochenende verbringt Maja dort. Und diese Tage sind immer wieder aufs Neue verstörend. Jana will nicht "Mama" genannt werden, und sie benimmt sich auch wenig mütterlich. Schon mit einer Umarmung ist sie überfordert: "Ihre Arme landeten immer an der falschen Stelle, ihr Gesicht war entweder zu nah oder zu weit weg. Meistens zu weit weg." Zwischen Mutter und Tochter herrscht eine bedrückende Sprachlosigkeit, oft sitzen sie zwei Tage lang nur nebeneinander, lesend, schweigend.

Anders als der Leser, der den Klappentext kennt, weiß Maja nicht, dass ihre Mutter unter dem Asperger-Syndrom leidet, einer psychischen Entwicklungsstörung, die ihre Fähigkeit zu Kommunikation und sozialer Interaktion beeinträchtigt. Maja weiß nur, dass Jana "speziell" ist und sich ihr Vater deshalb von ihr getrennt hat. Sie fühlt sich alleingelassen, unbehütet: "Das Dach, das meine Eltern bildeten, war brüchig und voller Löcher."

Majas Reaktion ist radikal: Sie färbt sich das Haar schwarz und rasiert es an den Seiten kurz. Sie pflegt einen exzentrischen Klamottenstil, richtet sich in ihrer Außenseiterrolle ein und blickt mit Spott auf Gleichaltrige herab. Voller Verachtung beschreibt sie zum Beispiel die Online-Aktivitäten ihrer Mitschüler: "Ich nutzte das Internet nicht, um Bilder von mir in unterschiedlichen Stadien der Selbsterniedrigung zu posten. Ich hatte keinen onanistischen Blog, um zu berichten, was ich soeben gegessen oder gekauft hatte, und mir vorzumachen, irgendjemand sei daran echt interessiert." Doch Majas Gnadenlosigkeit und ihre Derbheit sind bisweilen auch schwer zu ertragen. Etwa wenn sie an einem Morgen die Platzwunde an ihrer Stirn blutrot überschminkt und mit diesem vermeintlichen Kopfschuss die Schule betritt. Und natürlich hat dieses Verhalten etwas Selbstzerstörerisches, was Jägerfeld uns mit dem verletzten Daumen den gesamten Roman hindurch vor Augen führt: Je weiter die Geschichte voranschreitet, desto entzündeter die Wunde, desto dreckiger der Verband.

Maja kümmert sich nicht um die Verletzung, verpasst einen Nachsorgetermin, weil plötzlich ihre Mutter verschwindet. Am Wochenende nachdem sie sich im Kunstunterricht den halben Daumen abgetrennt hat, ist ihre Mutter nicht zu Hause. Nicht mal eine Nachricht hat sie der Tochter hinterlassen. So wandert Maja verloren durch das leere Haus und ertränkt die Sorgen darüber, wo Jana stecken könnte, bei einem Gelage mit dem Nachbarsjungen. Schmerzhaft pochen Majas Daumen und die Frage: "Was ist wichtiger als ich, Mama?"

Auf dem Höhepunkt der Geschichte erfährt Maja schließlich von der Krankheit ihrer Mutter. Plötzlich fügt sich alles logisch zusammen: die Sprachlosigkeit zwischen ihnen, die fehlende körperliche Nähe. "Ich dachte immer, all das wäre Mama. Und dann war es nur ein Syndrom. Eine Diagnose." Die Erkenntnis bringt Maja keine Erleichterung, denn schon stellt sich die nächste, auch für ihre Mutter existenzielle Frage: Was bleibt von ihr übrig, wenn man die Symptome der Asperger-Krankheit abzieht?

Für dieses Buch braucht man starke Nerven, nicht wegen des Gemetzels, sondern weil Jägerfeld die seelische Not ihrer Heldin so eindrücklich und authentisch beschreibt, dass es einen als Leser nicht unberührt lassen kann. Dies gelingt sicher auch, weil die Autorin auf realistische Beobachtungen und Erfahrungen zurückgreifen kann. Jägerfeld hat Psychologie und Sexualwissenschaften studiert und arbeitet zwei Tage in der Woche als Psychologin, berät Erwachsene und Jugendliche in Krisensituationen. Daher weiß sie, dass Krisen meist vorübergehen, und seien sie noch so niederschmetternd.

Auch Maja richtet sich am Ende des Romans wieder auf und nimmt die Krankheit ihrer Mutter an. "Sie ist so oder so, wie sie ist, mit oder ohne Diagnose." Von einer Freundin lässt sich Maja die Fäden in ihrem Daumen ziehen, die Heilung kann beginnen.

Jeden Monat vergeben DIE ZEIT und Radio Bremen den LUCHS-Preis für Kinder- und Jugendliteratur. Am 7. August, 15.20 Uhr, stellt Radio Bremen das Buch vor. Das Gespräch dazu ist abrufbar unter www.radiobremen.de/funkhauseuropa.