Weltkriegsmine oder Waschmaschine? Das ist für Timo Voß eine ernste Frage. Die Antwort kann über Leben und Tod entscheiden, wenn der 28-Jährige in die Ostsee hinabtaucht. Sein wichtigstes Werkzeug da unten seien seine Hände, sagt der Minentaucher der Bundesmarine. Sehen könne er in der grünen Suppe wenig. Und gleichzeitig könne ein falscher Handgriff das Ende bedeuten. Berufsrisiko. Von erfolgreichen Einsätzen erzählt Voß hingegen gern, wie von diesem in der Kieler Förde.

Auf dem Sonarbild hatte sich das Ding am Meeresgrund noch klar und scharf abgehoben, aber in der trüben Brühe kann Voß kaum die eigenen Hände sehen. Langsam nähert er sich dem sogenannten "Kontakt" in etwa 19 Meter Tiefe. Er tastet sich vor, dann berühren seine Finger etwas. Behutsam fährt er die dicht überwucherte Oberfläche ab, um einen Hinweis darauf zu erhaschen, was er da vor sich hat. Ein Haushaltsgerät heimlich entsorgt? Oder doch Kriegsmunition? Britisch oder deutsch? Scharf oder nicht? Bloß nicht zu fest anfassen! Denn selbst nach mehr als 70 Jahren im Meer ist mancher Zünder noch vollkommen intakt und könnte eine Explosion auslösen, würde die Mine zu stark bewegt. Voß legt den Unterarm vorsichtig auf das stählerne Ungetüm und vermisst dessen Länge und Breite. Eine Armlänge, zwei Armlängen, drei Armlängen. Dann schwebt er aus der Dunkelheit empor.

Oben an Bord geht dann alles schnell, erzählt Voß, die genaue Position wird berichtet und das Ding am Meeresgrund beschrieben: Grundmine, britischer Typ, elektrischer Zünder. Wahrscheinlich ungefährlich. Kurz darauf ist es an einem Kollegen des Kampfmittelräumdienstes, hinabzutauchen und eine kleine Sprengladung am sogenannten Gerätekasten zu platzieren, dem Zünder der Mine. So lässt sich der Gerätekasten aus sicherer Entfernung absprengen. Entschärft. Dann kann Voß ein weiteres Mal hinabtauchen, um einen Spezialballon an der Mine zu befestigen. Dieser dient dazu, die Mine ganz langsam vom Grund zu heben und, im Wasser schwebend, aus der Schifffahrtslinie vor Kiel zu schleppen.

Das sind die alltäglichen Heldentaten, von denen Timo Voß gern berichtet. Er liebe den Nervenkitzel, sagt er. Doch selbst ihm als Minentaucher wird manchmal mulmig. Denn sein Job wird zusehends gefährlicher.

In den Meeren vor Deutschlands Küsten verbergen sich 1,6 Millionen Tonnen Altlasten aus zwei Weltkriegen: Seeminen der Briten und der Deutschen, fälschlich abgeworfene Bomben, Waffen und Munition. Es ist ein nasses, aber kein ruhiges Grab. Denn der Kriegsschrott rostet – und wird damit zur Zeitbombe. Die Minen und Bomben zu entschärfen und zu bergen wird zusehends riskanter. Und zugleich treten immer häufiger giftige Stoffe aus dem maroden Kriegsgerät aus.

Verschärft wird das Problem dadurch, dass nach dem Zweiten Weltkrieg massenweise übrig gebliebene Munition verklappt wurde. Fischer fuhren mit unscharfen Bomben und anderen Waffen hinaus aufs Meer, um diese über Bord zu schmeißen. Zwar hatten die Alliierten dafür Gebiete bestimmt, gleichsam Sondermülldeponien am Meeresboden ("Unrein-Gebiete"). Wo jedoch der Ballast damals tatsächlich versunken ist, blieb oft unklar. "Für viele Gebiete wissen wir immer noch nicht sicher, ob und wie viel Munition dort liegt", sagt Jens Sternheim vom Umweltministerium in Kiel. Zum einen sind die Archive der damaligen Kriegsmächte löchrig. Teilweise fehlen Einträge ganz, teilweise sind sie zu ungenau, und manche der Entsorgungsaktionen wurden lange geheim gehalten. Zum anderen haben die mit der Verklappung beauftragten Kapitäne offenbar regelmäßig geschlampt. Hinweise darauf geben ihre alten Logbücher: wenn dort zum Beispiel Fahrtzeiten eingetragen sind, die gar nicht ausreichten, um in ein ausgewiesenes Unrein-Gebiet zu gelangen. Dann haben die Seeleute ihre gefährliche Fracht stattdessen wohl näher an der Küste ins Meer geworfen und früher kehrtgemacht. Denn bezahlt wurden sie von den Besatzungsmächten pro Verklappungsfahrt, nicht pro zurückgelegter Seemeile – und Treibstoff war damals so knapp wie teuer.

Heute verursacht der Kriegsschrott horrende Kosten. Seefahrtsstraßen in Nord- und Ostsee müssen immer wieder von Minen geräumt werden. Weil moderne Technik Munition auch in Fahrwassern aufspürt, die bereits als geräumt galten. Oder weil selbst große Bomben von Strömung und Fischernetzen bewegt werden. Allein vor Kiel haben Voß und seine Kollegen im vergangenen Jahr 36 Minen aus einer Fahrrinne entfernt, die schon als minenfrei galt. Gekostet hat dieser Einsatz den Bund 1,3 Millionen Euro. Und auch beim Ausbau der Windkraft liegen die Überreste der Weltkriege regelmäßig im Weg. Der berühmteste Fall ist wohl der Offshore-Windpark Riffgat vor der Küste Borkums. Erst mit mehreren Monaten Verspätung wurde das Prestigeprojekt fertig, weil weit mehr und problematischere Munition am Meeresgrund lag als gedacht. Der vorübergehende Baustopp soll den Energieriesen EWE bis zu 100 Millionen Euro gekostet haben, auch weil absurderweise die Windräder während der Wartezeit mit Dieselmotoren am Laufen gehalten wurden – die Ingenieure fürchteten, die Rotoren könnten sonst in der Seeluft einrosten. Jens Sternheim und sein Kollege Claus Böttcher vom Umweltministerium in Kiel glauben, dass Probleme wie in Riffgat zur Regel werden, wenn immer mehr Windräder vor deutschen Küsten aufgestellt werden. Böttcher berichtet: "Gerade erst ist wieder die Meldung reingekommen, dass elf Minen in einem Windpark vor der Küste gefunden wurden."