Schmerz verbindet. Wer wehrlos ist und ohnmächtig vor Angst, sucht Nähe. Wer nicht weiß, wie er mit der Trauer umgehen soll, der klammert sich an den Nächsten.

Vier Frauen auf engstem Raum. Eine hat ein Kind im Arm, eine hält fassungslos ihren Kopf, eine verschließt sich mit der Hand den Mund, als wollte sie einen Schrei unterdrücken. Gesichter, gezeichnet von Leid: Die Frauen haben ihre Männer verloren, Bangladescher, 1971 im Kampf um Unabhängigkeit vom pakistanischen Militär erhängt.

Der Tiefpunkt einer Biografie, Magnum-Fotograf Marc Riboud hält ihn mit seiner Kamera fest. Sein Blick auf diese Szene maßlosen Leids ist intim, wahrt aber in der Draufsicht eine respektvolle Distanz. Wir schauen in einen Abgrund des Kummers, sind Außenstehende und Zeugen zugleich.

Das Foto der trauernden Frauen eröffnet die Ausstellung Das engagierte Bild. Es ist eine kleine Ausstellung im Museum für Kunst und Gewerbe. Ein langer Gang, 40 Fotos. Viele in Schwarz-Weiß, ihre Entstehungszeit sind meist die sechziger Jahre.

Es ist eine eindringliche Ausstellung, und auf tragische Weise ist sie trotz ihres dokumentarischen Bezuges zur Vergangenheit hochaktuell. Denn sie wirft Fragen auf, die wir Bewohner einer von Schreckensbildern durchfluteten Welt immer aufs Neue stellen müssen: Welche moralischen Kriterien gelten für Aufnahmen von Leid und Verlust? Welche Perspektiven sind legitim? Und wie verwerten die Medien jene Bilder eines Gequältseins, das einerseits privat ist, andererseits zum Teil einer allgemeinen, als News geltenden Schreckenschronik wird?

In den Nachkriegsjahren entwickelte sich die Reportagefotografie zu einer eigenen Form des Geschichtenerzählens. In Deutschland waren es Magazine wie der stern und das 1966 eingestellte Springer-Blatt Kristall, die mit langen Bilderstrecken ihre Artikel ergänzten. Die Fotografen wagten sich hinaus in eine Welt, die sie nicht kannten, sie dokumentierten und porträtierten, was sie sahen. Das war ihr Anspruch: mit Bildern überzeugen, etwas erreichen, bewirken.

Der Berliner Robert Lebeck war einer der Vorreiter. Anfang der Sechziger flog er nach Hongkong, zog durch die Straßen und fotografierte die alltägliche, mühsam kaschierte Armut. Eine Familie, aus China in die britische Kolonie geflohen, die sich einen Unterschlupf auf der Straße zusammengeschoben hat. Das Dach ist aus Pappe, Stühle und Koffer liegen auf ihm, der Sperrmüll der Nachbarn. Die Familie hockt vor dem gedrungenen Eingang im Kreis. Die Köpfe gesenkt, den Blick auf den Boden geheftet. Schamhafte Verlierer.

Lebeck zog als politischer Ethnograf durch die Kontinente. In Kalkutta ging er in Mutter Teresas Krankenstation und fotografierte vom nahenden Tod zerstörte Gesichter. Jürgen Heinemann flog nach Brasilien, sah zu, wie Helfer Brot verteilten und schuf exemplarische Bilder des existenziellen Verteilungskampfs. Der Japaner Ryuichi Hirokawa lief nach einem Massaker an palästinensischen Flüchtlingen durch Beirut und machte schockierende Aufnahmen von aufgedunsenen Kinderleichen. Frauen, in Tücher gehüllt, stehen neben den Toten, rudern verzweifelt mit den Armen. Aufnahmen maßloser Erschütterung.

Die Fotos hängen dicht gedrängt. Eine Galerie des Weltschmerzes. Denn egal, in welcher Region die Fotografen zum Einsatz kamen, ihre Bilder hatten ein klares Ziel: Zeugnis abzulegen vom Bedrohtsein des Menschen.

Die Bildsprache entwickelte sich über die Jahre weiter. Thomas Hoepker war einer der Ersten, der das Leiden ästhetisierte – nicht im Sinne der Effekthascherei, sondern einer politisch-moralischen Dialektik: Manchmal muss man das Hässliche so festhalten, dass das Gezeigte nicht Schaden nimmt, nicht bloßgestellt wird. In Äthiopien begleitete er Leprakranke. Menschen, die ihren Körper aus Scham verhüllen, die ihre Hand vors zerfressene Gesicht halten. Der Körper, sagen diese Aufnahmen, will seine Würde wahren, selbst in Situationen ohne Ausweg.

Alle Fotografen sind auf der Suche nach dem einen zentralen Motiv, das Ereignisse verdichtet, das zur Ikone des geschichtlichen Moments werden kann. Das war früher, zu Zeiten des Kalten Krieges, als die Profis noch die Herrscher über Technologie und Bildauswahl waren, nicht anders als heute, da die Fotografie demokratisiert ist und Bilder Massenware sind.

Vier Motive, die die Ausstellung beschließen, verweisen auf den Weg, den die Reportagefotografie nach der Jahrtausendwende genommen hat. Nicht mehr nur Männer, die aus dem Westen aufbrechen, formen das Bild der fremden Welt. Sondern auch Fotografen, die vor Ort leben, die ihre Gesellschaft kennen und die Ereignisse in ihrer Bildsprache deuten.

Der Ägypter Aly Hazza’a begleitete 2011 eine Demonstration von Frauen. Sie ziehen durch die Straßen, schreien Parolen, ein Motiv wiederholt sich auf ihren Plakaten: Polizisten zerren eine Frau, bis auf den blauen BH ausgezogen, über die Straße.

Ein Reporter fotografiert eine Menge, die ein Foto als Emblem ihres Protests in die Höhe reckt: Besser kann der Anspruch, den die Nachkriegspioniere für ihre Arbeit formulierten, nicht umgesetzt werden.

"Das engagierte Bild", Museum für Kunst und Gewerbe, bis 15. Januar 2015