Der Mann weiß nicht, wie er heißt. Er haust in der New York Public Library. Er ist Freischärler. District Attorney Rosenblatt versorgt ihn mit Drogen und Liquidierungsjobs. Wenn der Mann nicht für Rosenblatt unterwegs ist, sortiert er die Bibliothek nach der Dewey-Dezimal-Klassifikation. Deshalb wird er Dewey Decimal genannt. Er ist eine der faszinierendsten Figuren der aktuellen Kriminalliteratur. In 2/14 betritt er erstmals die Bühne.

Diese Bühne ist New York, im "ersten Sommer nach der Katastrophe vom 14. Februar", irgendwann nach 2010. Worin diese Katastrophe bestand, wird nur schemenhaft klar: Börsencrashs, Bombenanschläge, Super-Flu-Epidemien, marodierende Milizen haben die Hauptstadt der Welt plattgemacht. So, wie die Bibliotheksbestände verwüstet sind, sind die Informationen fragmentiert. Dewey Decimal tritt uns als ein Ich-Erzähler entgegen, der nicht weiß, ob er im Walter-Reed-Hospital, den "ehemaligen National Institutes of Health", neu programmiert worden ist, ob seine Erinnerungen und Albträume implantiert sind oder ihm gehören, wieso er Ukrainisch und Serbisch spricht und zeitweilig das Bewusstsein verliert. Orientierung gibt ihm sein Regelsystem: "Vor elf Uhr vormittags bieg ich nur links ab." Mundschutz, Hut, ein Schlüssel und Gummihandschuhe gehören zur Ausrüstung. Im Central Park erschießt er einen Jungen mit Downsyndrom, den er für einen Angreifer gehalten hat. Er behauptet aber, "dass ich niemandem etwas tue, bis ich die Gründe kenne, warum ich es soll".

Jerome Charyn, der alte Magier der Kriminalliteratur, sagte einmal, Dashiell Hammett habe mit seinen Romanen einen neuen Raum geschaffen. Von Nathan Larson, dem Filmkomponisten und Musiker, der mit 2/14 Schriftsteller geworden ist, wird man vielleicht sagen, er habe die Kriminalliteratur in die Fläche zurückgeführt. Dewey Decimal bewegt sich im zerstörten New York wie in einem zweidimensionalen Raum: ohne Zukunft und Vergangenheit, wie ein wanderndes Signal auf einer schadhaften elektronischen Karte.

Figur und Handlung wirken wie ein Patchwork der Anspielungen auf Hard-boiled-Detektivliteratur oder Post-Nine-Eleven-Filme. Im New York nach 2/14 sind die Überlebenden der Balkankriege versammelt, Kriegsverbrecher, Massenmörder, orthodoxe Christen. Weshalb Dewey den Baulöwen Yakiv Shapsko töten soll, weiß er nicht, aber als ihm dessen Frau Iveta begegnet, verfällt er ihr und tut es nicht. Cherchez la femme – ein "dummes altes Pulp-Klischee", wie er weiß. Und so schlägt er sich, vormittags immer links abbiegend, angeschossen und wieder aufgepäppelt, schießend, tricksend durch die Straßen, ein Mann ohne Zeit, nicht wissend, wieso, nicht wissend, warum – ein von fremden Mächten codiertes lebendes und leben wollendes Zitat. Kommt einem irgendwie vertraut vor.