Kaum etwas plagt Menschen mehr als die Angst, ob sie wirklich Menschen sind und nicht doch wilde Tiere. Die jüngste Version dieser mythischen Angst ist die Geschichte vom Planeten der Affen. Sie geht auf einen Roman des Franzosen Pierre Boulle zurück und erzählt, wie die Evolution von ihrem Musterschüler, dem Menschen, plötzlich nichts mehr wissen will. Mit der Gattung geht es rapide bergab; die amerikanische Freiheitsstatue liegt als Symbol des großen Scheiterns zerbeult am Strand und rostet vor sich hin. Nun führen kluge Affen das Kommando. Sie betrachten Menschen als dumme Tiere und sperren sie in den Zoo.

Der Planet der Affen ist ein fantastisch spekulativer Stoff, der in allen möglichen Filmen genial weitergedacht oder bloß breit ausgewalzt wurde. Jetzt kommt wieder ein Nachfolgefilm in die Kinos, und weil sich Hollywood derzeit für nichts lebhafter interessiert als für den Untergang der Menschheit, bildet Planet der Affen – Revolution den Auftakt zu einer ganzen Reihe von Fortsetzungen. Matt Reeves, der Regisseur, knüpft dort an, wo Rupert Wyatts The Rise of the Planet of the Apes 2011 aufgehört hatte: Der Affe Cäsar ist erwachsen geworden und regiert als Primus inter Pares ein kleines Reich in den amerikanischen Wäldern. Cäsar, das nur zur Erinnerung, ist jener Laboraffe, der von einem Forscher gerettet und großgezogen worden war. Weil er ein Anti-Alzheimer-Serum im Blut hat, ist er rasend intelligent und verwandelt sich – das ist die beste Szene – in einen linken Rebellen. Cäsar organisiert einen Sklavenaufstand gegen die Herrenmenschen der Zivilisation und befreit seine Artgenossen. Danach bricht weltweit eine Pandemie aus; das Alzheimer-Medikament setzt ein für Menschen tödliches Virus frei, das die Krone der Schöpfung fast vollständig dahinrafft.

Nun könnte Matt Reeves die Weltgeschichte noch einmal neu beginnen und die goldene kalifornische Sonne schön und kitschig über dem Primatenreich aufgehen lassen – alles zurück auf Anfang, diesmal ohne Grausamkeit, ohne Geldgier und Dekadenz. Doch Reeves malt kein rousseauistisches Idyll, seine sprechenden Affen sind nicht die besseren Menschen. Sie wollen auch nicht nur Biobananen fressen, sondern jagen durch den Wald und machen Beute. Auch im paradiesischen Affenreich, so macht gleich die erste Szene brutal klar, ist Selbsterhaltung das erste Gesetz der Natur. Aber immerhin gilt ein strenges ethisches Gebot: "Affen töten keine Affen." Aber vielleicht Menschen?

Eines Tages passiert es dann. Ein paar überlebende Altmenschen dringen mit Jeep und Unimog in die Wildnis ein; sie führen nichts Böses im Schilde und wollen lediglich ein kaputtes Elektrizitätswerk wieder flottmachen. Cäsar (Andy Serkis) ist beunruhigt, aber anders als sein traumatisierter, von Wissenschaftlern misshandelter Mitstreiter Koba (Toby Kebbell) vertraut er den Fremden – nicht alle Menschen hätten animalische Absichten. Es sind diese Szenen, in denen der Film eine beachtliche intellektuelle Fallhöhe gewinnt. Reeves lässt Gewalt nämlich nicht wie bei konservativen Kulturanthropologen aus dunklen Instinkten entstehen, sondern aus Erinnerungen und Projektionen, und zwar sowohl bei den Kulturaffen im Wald wie bei dem Häuflein Überlebenden in den Ruinen von San Francisco. Einmal stößt der misstrauische Koba auf herumlungernde Exsoldaten, die zum Zeitvertreib auf einen alten Jeep ballern – für den mit Narben übersäten Koba der Beweis dafür, dass alle Menschen Killer sind und die Affen ausrotten werden. Tatsächlich ist er das Opfer seiner traumatischen Erinnerung; Koba fühlt sich bedroht und schießt die "Feinde" über den Haufen. So gibt es auf dem Planeten der Affen keinen neuen Anfang, denn die Zukunft wiederholt nur den Schrecken von gestern. Nachdem Reeves dies erzählt hat, fällt ihm leider nichts mehr ein, und sein technisch perfekter Film mündet in der zweiten Hälfte in eine Schlacht um die Weltherrschaft, bei der sich Menschen wie Affen aufführen und Affen wie Menschen.