Forschung braucht einen langen Atem, besonders die Kometenforschung. Zehn Jahre, fünf Monate und vier Tage lang hat Rosetta gebraucht für ihre Reise zum Kometen Tschurjumow-Gerasimenko. Viermal musste die Sonde die Sonne umkreisen und sich von Erde und Mars zusätzlichen Schwung holen, dann flog sie quer durch den Asteroidengürtel – um am Mittwoch (nach Redaktionsschluss) ihr Ziel zu erreichen.

Es ist eine der ehrgeizigsten und mit Kosten von mehr als einer Milliarde Euro auch eine der teuersten Raumfahrtmissionen Europas. Monatelang wird Rosetta den Kometen nun in Richtung Sonne begleiten, ihn aus nächster Nähe untersuchen und die Entstehung seines Schweifs beobachten. So etwas gab es noch nie, zu Recht feiert die europäische Raumfahrtbehörde Esa ihren Erfolg.

Und doch hat sie sich schon beim Anflug Ärger eingehandelt. Die zunächst verschwommenen Bilder des Kometen wurden zwar stündlich schärfer, doch ins Internet stellte die Esa nur ein Bild pro Woche. In einem offenen Brief beklagten Raumfahrtfans, dass "die Öffentlichkeit bei Rosetta nur durchs Schlüsselloch lugen darf".

Mit etwas Fachkenntnis und viel Geduld basteln Enthusiasten aus dem kargen Material Panoramen und Animationen, die sich rasant im Netz verbreiten. An solche Hingucker sind wir gewöhnt, spätestens seit die süßen Rover der Nasa, Opportunity und Curiosity, reichlich Material von der Marsoberfläche lieferten. "Wir sind süchtig nach Informationen aus dem All", schreiben die Fans und werfen der Esa "Öffentlichkeitsarbeit aus dem letzten Jahrtausend" vor.

Das stimmt insofern, als die Rosetta- Mission ja bereits Mitte der achtziger Jahre geplant worden ist. Als die Sonde am 2. März 2004 startete, sammelte ein verhuschter Student namens Mark Zuckerberg gerade die ersten Mitglieder für sein vier Wochen zuvor gegründetes Facebook. Und die Esa sicherte damals ihren Mitstreitern zu: Alle Bilder und Daten, die Rosetta zur Erde schickt, stehen sechs Monate lang exklusiv jenen Teams zur Verfügung, mit deren Instrumenten sie aufgenommen wurden. Das sollte den beteiligten Forschern ausreichend Zeit für die gründliche Prüfung, fachliche Aufbereitung und Publikation der Daten geben. Eine Onlineveröffentlichung in Echtzeit, wie die Fans sie fordern, ist damit ausgeschlossen.

Zugegeben: In Zeiten von Facebook, Twitter und YouTube klingt das ziemlich altmodisch. Richtig ist es trotzdem. Über den Mars war schon vor Curiosity und Opportunity sehr viel bekannt. Die Auflösung ihrer Fotos ist zwar hoch, die daraus zu gewinnende Erkenntnis aber klein. Bei Rosetta ist das anders. Ihre Daten zeigen uns erstmals die Details eines Schweifsterns. Auf den ersten Blick aber sind sie unverständlich oder gar irreführend. Sie sinnvoll aufzubereiten ist eine knifflige Arbeit. Das braucht Zeit, und die soll sich die Wissenschaft auch nehmen dürfen.