Immerhin 220 Szenen stehen für die Regie im Angebot – eine Materialsammlung menschlicher Dummheiten und unmenschlicher Gemeinheit; und das Scheußlichste dabei: dass noch das Gemeinste meistens "gar nicht so gemeint" ist. 220 Szenen aus der Zeit und der Atmosphäre des Ersten Weltkriegs montierte der Wiener Sprachsezierer Karl Kraus noch während des Schlachtens und kurz nach "Friedensschluss" in rabiaten, disparaten Schnitten hintereinander, um uns – wenigstens im Nachhinein – zu demonstrieren, wie schon in der Verluderung unsrer Sprache (und des Dialekts!) in Zeitungen, auf Kanzeln, in Casino und Caféhaus das Verwildern aller Moral greifbar war. "Die unwahrscheinlichsten Gespräche sind wörtlich gesprochen worden, die grellsten Erfindungen sind Zitate", schrieb Kraus im Vorwort.

Wie serviert ein Regisseur nun solch ein Schlachtfeld aufblitzender Schlaglichter, vom Wiener Straßeneck zum Schützengraben, jetzt ein siechender Franz Joseph und hier ein Fleischermeister in seinem Laden; diesen Hauruck-Wechsel von Front zu Café, vom Krüppel zum jodelnden Ganghofer und rüber ins Kriegskabinett? Na, wie wohl? Heute kein technisches Problem mehr, da braucht’s kein "Marstheater" (wie Kraus noch meinte), da haben wir tolle Mikros für jede Ecke, können intim flüstern und krachend kommandieren, haben eine Beleuchtungsanlage, dass es nur so blitzt, Projektoren, Video, das alles gibt’s gewiss doch auch am Salzburger Landestheater – und hernach am Burgtheater sowieso; schließlich dreht es sich um eine Koproduktion, die noch vom rasch gestürzten Burgdirektor Hartmann begonnen wurde. Übernommen hat es dann Georg Schmiedleitner.

Und das ist nun leider ein rechtes Elend geworden. Denn Schmiedleitner verzichtete auf jede szenische Fantasie und etwaige bühnenbildnerische Einfälle, verteilte zwar Mikroports an manche Sprecher, nutzte sie aber nicht. Er gab offenbar die Parole aus, so ein Krieg über vier Jahre ist eine einzige Hetz, und laut ist er eh, also bitte: Plärrt’s euch an, wie’s grad geht! Lauft’s vor und retour, und wenn wo ein szenisches Loch sein könnte, schrauben wir einfach die Drehbühne mit den 50 Blechbläsern von der "Postmusik Salzburg" aus dem Keller in die Höh und lassen sie beim Blasen marschieren. Auch werden wir gelegentlich eine Riesendetonation zünden – was braucht’s mehr, um die Wirklichkeit des Kriegs zu malen? Aber es geht bei Karl Kraus nicht um das Kriegsgeschehen. Sondern um Ignoranz, Borniertheit, Eitelkeit, um Vertrottelung und Verlotterung.

Dafür wäre zuerst mal eine vernünftige Szenenauswahl nötig gewesen; weg mit all dem Mono- und Dialogzeug über die wirtschaftlichen Verheerungen und Gschäftlmachereien (weiß heute jedes Kind), weg mit den eitel-selbstgerechten Suaden zwischen dem (blöden) "Optimisten" und dem "Nörgler" (der Kraus scharf vertritt); weg mit allen längst in der Historie versunkenen Anspielungen und obsolet gewordenen Dialektausdrücken. Stattdessen hinein mit allen Genreszenen in ihrer wilden Groteske. Das Ganze ist ja eh kein Drama, sondern eine große Kabarett-Wurstel-Orgie, das Kaleidoskop entgleister Charakterschweine. Und nun geht also der Vorhang hoch, und wir starren in eine große, dunkle Bühnenhöhle, aus deren Tiefe ein Mann an die Rampe tritt und uns Parolen aus dem Vorwort um die Ohren schreit.

Von den Seiten quillt Nebeldampf herein (er wird noch oft die schwarze Bühne vergrauen), schon bläst sich die Kapelle kreisend in die Höh, spielt, eh klar, zackige Märsche.

Jetzt stakelt von hinten eine bepelzte Dame, frisch von der Theatertournée aus St. Petersburg zurück in Wien und fällt unter die Reporter, die ihr jedes Interviewwort im Mund umdrehen, alles im Stehen, alles auf der leeren Bühne; Kaiser Wilhelm kommt von links, Ganghofer von hinten, er plattelt Schuh vorm Kaiser und frisst Hendl ("Essen Sie, Ganghofer!"); dann fährt aus dem Bühnendunkel eine Schulklasse vor und wird vom Lehrer über Kriegsanleihen belehrt (Elisabeth Orth im Bratenrock ist ganz vorzüglich, eine Original-Wienerin halt, wie später auch Peter Matic als debil ergreifender Hampelmann-Kaiser und Christoph Krutzler als feister, vor Zorn aus dem Unterhemd platzender Viktualienhändler) – ja, das sind ein paar kostbare Dialektszenen, bei denen man weinend an Helmut Qualtinger denkt.