DIE ZEIT: Herr Mollat, Sie haben als Jugendlicher das Schuljahr 1980/81 auf einer Highschool in Minnesota verbracht. Erinnern Sie sich noch an den Aufbruch von zu Hause?

Dietrich Mollat: Meine Großmutter, meine Eltern und mein kleiner Bruder haben mich zum Bahnhof begleitet. Ich war sehr aufgeregt, weil es in die große, weite Welt hinausging – Amerika hat man damals ja so wahrgenommen. Angst hatte ich aber keine, es war ein Abenteuer.

ZEIT: Jetzt ist Ihr 15-jähriger Sohn nach Indien aufgebrochen. Machen Sie sich Sorgen?

Mollat: Von meinen drei älteren Kindern bin ich das schon fast gewohnt. Mein erster Sohn war beim Schüleraustausch in Kanada, eine meiner Töchter war für ein Jahr in Chile. Außerdem gibt es ja heute zahlreiche Kanäle, über die man Kontakt halten kann: Snapshot, Tumblr, Facebook, Instagram ... Mein Jüngster führt auch ein Blog, da schreibt er fast jeden Tag ein paar Sätze. Und bei WhatsApp haben wir eine Familiengruppe. Wir sind also bestens informiert.

ZEIT: Das war bei Ihnen früher sicher anders.

Mollat: Oh ja! Während meines Austauschjahres gab es ganze drei Telefongespräche: zu Weihnachten, zum Geburtstag und einmal zwischendurch. Telefonate waren teuer, eins kostete zwischen 50 und 100 Mark für ein paar Minuten. Das war ein Ereignis! Ich habe jeden Tag einen Brief nach Hause geschrieben. Mein Vater hat meine Briefe gesammelt, per Schreibmaschine abgetippt, kopiert und an meine Freunde geschickt. Dadurch bekam ich auch Antwortpost in die USA. Heute würde man einfach E-Mails weiterleiten.

ZEIT: Wie erleben Sie den Unterschied?

Mollat: Die schnelle Kommunikation schafft mehr Transparenz. Wenn meine Luftpostbriefe damals bei meinen Eltern ankamen, war mein Erlebnis schon lange wieder vorbei. Heute erlauben die Sozialen Netzwerke auch spontane Äußerungen. Mein Sohn hat zum Beispiel kurz geschrieben, als er in Indien vor dem Haus ein paar Affen auf einem Motorroller gesehen hat. Und es ist auch leicht, bei kleinen Dingen um Rat zu fragen.

ZEIT: Aber lernen die Kinder so überhaupt noch, sich alleine durchzuschlagen? Das ist doch die wichtigste Erfahrung bei einem Austausch!

Mollat: Das glaube ich schon. Mein Sohn muss ja trotzdem selbst klarkommen. Neulich hat ihm eine Maus die Zahnbürste angefressen, das hat er uns zwar mitgeteilt, aber vor Ort helfen konnten wir ihm nicht. Man kann auf den neuen Kommunikationswegen natürlich schneller mal nachfragen, aber die Bewältigung der Alltagsprobleme bleibt gleich.

ZEIT: Verhindern Smartphone und Co. nicht womöglich, dass sich Austauschschüler auf die neue Umgebung einlassen?

Mollat: Wir haben unseren Kindern gesagt: Klebt nicht am Gerät, erlebt was! Kommunikation ist wichtig, aber sie darf nicht stören. Das tut ja auch der Gastfamilie nicht gut. Die bekommen kein Geld dafür, sondern nehmen die Schüler aus Interesse auf. Wir haben als Familie in den späten Neunzigern in den USA gelebt und dort einen Gastschüler aus Norwegen aufgenommen. Damals war das Internet großes Thema. Mit ihm haben wir dann auch besprochen: Wie viel Zeit verbringt man mit den Medien? Wenn man Abend für Abend im Chat hängt, dann erlebt man ja nichts. Und für die Sprachkenntnisse ist das auch nicht gut.

ZEIT: Mindert der vermehrte Kontakt eigentlich das Heimweh?

Mollat: Er kann es sicher lindern – die Briefe meiner Eltern haben mir damals auch sehr geholfen. Allerdings kann ein Anruf zur falschen Zeit das Heimweh überhaupt erst provozieren. Besonders Videoanrufe haben für beide Seiten einen aufwühlenden Effekt, weil man sich quasi gegenübersitzt. Deshalb haben wir als Eltern beschlossen, erst nach Ablauf der ersten zwei Monate mit unserem Sohn zu skypen. Typischerweise verläuft die Anpassung in der Fremde ja in Zyklen: Erst mal ist alles Abenteuer. Dann geht es einem auf die Nerven. Dann kommt man klar. Gerade die erste Phase sollte man die Kinder ungestört genießen lassen.

ZEIT: Juckt es Sie als Eltern manchmal in den Fingern, sich einzumischen?

Mollat: Wenn man Kinder in die Welt schickt, muss man als Erwachsener auch damit umgehen können. Natürlich wäre es schön, alles noch genauer zu wissen. Es ist aber wichtig, den Jugendlichen die Chance zum Selbstständigwerden zu geben. Sie müssen ihr eigenes Ding machen. Rückblickend bewundere ich da meine Eltern. Der Abstand war damals ja viel größer.

ZEIT: Was hat Ihnen der damalige Austausch für Ihr Leben gebracht?

Mollat: Ich habe seither in vielen Ländern gelebt und immer in einem internationalen Umfeld gearbeitet. Das Auslandsjahr hat sicher mein Interesse dafür geweckt. Man muss raus aus der eigenen Komfortzone, sich mit den Dingen auseinandersetzen. So lernt man auch, sich selbst infrage zu stellen. Oder Gewohnheiten: Warum mache ich in Deutschland etwas so und nicht anders? Die heutigen Kommunikationsmöglichkeiten können vielleicht helfen, Dinge schneller zu verarbeiten oder zu verstehen. Aber die Erfahrungen macht man trotzdem selbst.

ZEIT: Ist ein Schüleraustausch heute auch noch ein Abenteuer?

Mollat: Die Welt ist tatsächlich viel kleiner geworden – in Delhi ist man ja in knapp sieben Stunden! Deswegen finden Jugendliche heute vielleicht andere Länder spannend als wir damals. Aber auch wenn das Reisen einfacher geworden ist: Das Abenteuer im Alltag ist für die Jugendlichen gleich geblieben. Und von solchen Erfahrungen profitiert man ein Leben lang.