Es ist, als betrete man ein verwunschenes Reich. Oder eine Schatzkammer. Oder als begebe man sich mit dem Schritt über die Türschwelle in eine Zeitmaschine. Jedenfalls glaubt man sich plötzlich nicht mehr mitten im heißen, verkehrsdröhnenden Moskau. Hier, im dritten Stock eines unscheinbaren Klinkergebäudes an der sechsspurigen Smolenskaja Uliza, nicht weit von den stalinistischen Türmen des russischen Außenministeriums, befindet sich das Herz des russischen Kinos. Oder sollte man eher sagen: das Herz der Kinogeschichte?

"Dieser Ort gehört nicht uns oder Russland, sondern der Welt", sagt Naum Klejman, als er die Wohnungstür hinter der Besucherin schließt. Der weißhaarige Filmwissenschaftler mit der sanften Stimme und dem tadellosen Deutsch ist der Hüter des Sergej-Eisenstein-Apartments. In der Zweizimmerwohnung befinden sich die Bücher und Bilder, die Möbel, Kunst- und Kulturschätze des großen russischen Regisseurs, der bis heute einer der einflussreichsten Filmkünstler der Welt ist. Eisenstein, 1898 in Riga geboren, Weltreisender und Kosmopolit, stammte aus großbürgerlichem Hause und wurde zum überzeugten Kommunisten. Eisenstein war der führende Regisseur der frühen Sowjetunion und doch ein zutiefst eigenständiger Künstler, der sich der Vereinnahmung entzog. Mit seiner auf Rhythmuswechseln, harten Kontrasten und Schockeffekten beruhenden "Montage der Attraktionen" erfand Eisenstein für das Kino den Schnitt als Sprache. Seine im Spannungsfeld von Kunst und Propaganda entstandenen Schriften prägen bis heute die Filmtheorie.

Es war der Film Panzerkreuzer Potemkin über den 1905 von der zaristischen Marine brutal niedergeschlagenen Matrosenaufstand in Odessa, der Eisenstein 1925 in die ewige Avantgarde des Kinos katapultierte. Noch heute hält der sich dramatisch steigernde, mitreißende Rhythmus den Zuschauer in Atem. Unzählige Male wurde die berühmte Treppenszene mit dem erschossenen Kindermädchen und dem die Stufen herabpolternden Kinderwagen von anderen Regisseuren zitiert.

In Oktober zeichnete Eisenstein 1928 ein dialektisches Bild der russischen Revolution. Die Dramaturgie des Films wurde von der sowjetischen Kritik als zu intellektuell kritisiert, seine wie Marionetten an den Fäden des Schicksals hängenden Figuren als nicht vereinbar mit dem entschlossenen Geist der kommunistischen Revolution empfunden. Sergej Eisenstein verfilmte in Iwan der Schreckliche das Leben des Zaren als Geschichte eines idealistischen Aufbruchs, der in Blut, Verrat, Unterdrückung und Terror endet – und führte damit die dunkle, fürchterliche Seite des Stalin-Regimes vor. Den zweiten Teil von Iwan der Schreckliche ließ Stalin verbieten, den dritten vernichten. Kurz: Wer etwas über die russische Kultur und das Verhältnis von Kunst und Macht in Russland erfahren will, der tut nicht schlecht daran, sich in diese kleine Wohnung zu begeben, in der Naum Klejman und seine Tochter Vera, ebenfalls Filmwissenschaftlerin, fast täglich über Eisenstein forschen, die von ihm gelesenen Bücher samt Anmerkungen katalogisieren, weltweite Kontakte halten – und nebenbei Besucher empfangen.