Die Vereinigten Staaten von Google

Einmal im Jahr ist Austin in Texas der Mittelpunkt der Welt, jedenfalls der digitalen. Immer im März strömen Software-Entwickler, Programmierer und Hacker zu Tausenden zur South by Southwest, einer der größten Technologiekonferenzen der Erde. Durch die Straßen der Stadt flanieren Frauen in Astronautenkostüm und Männer mit Cowboyhut. Es werden Vorträge über Cyberkriege und die neuesten Start-ups gehalten, Edward Snowden schaltet sich live aus Moskau zu, die Schwester des Facebook-Gründers Mark Zuckerberg interviewt den Produzenten der angesagten Fernsehserie House of Cards. Das Ganze wirkt wie eine bunte, zukunftsfreudige Vollversammlung der Digitalkultur.

Mit seinem gescheitelten aschgrauen Haar, seiner runden Brille und seinem altrosa Pullover sieht Eric Schmidt nicht aus, als passe er gut hierher. Trotzdem wird Schmidt empfangen wie ein Rockstar. Mehr als tausend junge Menschen sind in den Ballroom D im vierten Stock des Konferenzzentrums von Austin geströmt, in dem an diesem Nachmittag der 59 Jahre alte Verwaltungsratschef des Internetkonzerns Google auftritt, gemeinsam mit seinem Mitarbeiter Jared Cohen.

Schmidt könnte Cohens Vater sein: Er hat den dunkel gelockten Politikexperten vor fünf Jahren auf einer Reise nach Bagdad kennengelernt und später aus dem amerikanischen Außenministerium abgeworben. Heute leitet der erst 32-jährige Cohen den Thinktank von Google, Google Ideas.

Schmidt und Cohen haben gemeinsam ein Buch geschrieben, über das sie jetzt auf der Bühne des Ballrooms sprechen. Es trägt den Titel Die Vernetzung der Welt. Es ist ein Manifest.

Die beiden Autoren haben für ihr Buch mehr als 35 Länder bereist, aber davon, wie die Menschen in Afghanistan, Kenia oder Nordkorea derzeit leben, erfährt man kaum etwas. Die Gegenwart scheint Schmidt und Cohen nicht zu interessieren. Sie beschäftigen sich mit der Zukunft. Ihr Buch ist fast ausnahmslos im Futur geschrieben. Es beschreibt eine politische Utopie, die sich von fast allen bisherigen politischen Utopien dadurch unterscheidet, dass sie vermeintlich unpolitisch ist. Staaten, Regierungen, Parlamente? Spielen in dieser Utopie nur noch eine kleine Rolle. Sie werden ersetzt durch etwas, das nach Ansicht der beiden Männer kraftvoller, zuverlässiger, kurz: besser ist als Politik in ihrer herkömmlichen Form. Durch Technik.

In Schmidts und Cohens Buch und auch in ihrem Vortrag in Austin wird deutlicher als je zuvor, was Google so einzigartig macht. Das Unternehmen stellt bisherige politische Mechanismen infrage – und unterscheidet sich zugleich von den meisten anderen Unternehmen dadurch, dass es mehr will, als bloß seinen Umsatz zu erhöhen, seinen Aktienkurs zu steigern, seinen Gewinn zu maximieren. Google will weit mehr. Google will eine Ideologie verbreiten.

Aus der Sicht von Google sind Staaten etwas Gestriges. Nichts, womit sich die Probleme des 21. Jahrhunderts lösen ließen, Klimawandel, Armut, Gesundheitsversorgung. Nur technische Erfindungen könnten die Erlösung bringen, sagen Schmidt und sein Kompagnon Cohen.

Die Staaten schaffen es nicht, ihre CO₂-Emissionen zu reduzieren? Dann baut sich Google eben eigene Solarparks. Inzwischen bezieht die Firma bereits ein Drittel ihres Stromes aus regenerativen Energiequellen, in Amerika insgesamt sind es nur rund zehn Prozent. Sogar von Greenpeace wird der Konzern gelobt.

Den Staaten gelingt es nicht, den Autoverkehr so zu organisieren, dass es auf den Straßen keine Toten und Verletzten mehr gibt? Dann konstruiert Google eben ein Auto, das sich ohne Fahrer – und damit ohne menschliches Versagen – bewegt. Derzeit lässt Google eine Flotte von 100 solcher Autos bauen. Kleinwagen ohne Lenkrad, Gaspedal, Bremse, Gangschaltung. Ein Klick auf die Karte im Smartphone, und das Auto fährt an den ausgewählten Ort, während der Passagier schläft oder Zeitung liest.

Die Staaten bringen es nicht fertig, die teuren, überregulierten Gesundheitssysteme zu reformieren? Dann entwickeln eben Internetkonzerne digitale Patientenakten und Kontaktlinsen für Diabetiker, die einfach und schnell den Blutzuckerwert messen. Oder sie erdenken Methoden, die eigene DNA zu durchleuchten, damit jeder Mensch erfahren kann, wie er länger gesund bleibt.

Die Staaten scheitern daran, unterentwickelte Regionen in Afrika, Asien und Lateinamerika mit der Moderne zu verbinden? Dann sorgt die Branche eben dafür, dass jeder Mensch Zugang zum Internet erhält. Im Moment experimentiert Google mit Antennen, die, an Ballonen befestigt, 20 Kilometer über der Erde schweben. Vor einigen Wochen brachte ein solcher Ballon das Internet in eine Schule in dem kleinen, abgelegenen brasilianischen Ort Campo Maior.

Die Erde wird regiert von Funktionären, Bürokraten, Delegierten? Auf Konferenzen, Parteitagen und Gipfeltreffen entwerfen sie Gesetze, schreiben Verordnungen und Verträge, ringen um Kompromisse, die unser Leben bestimmen? Das ist die alte Welt, die Welt der Politik, die Welt vor Google.

Die neue Welt, die Welt der Technik, wird bestimmt von eher schweigsamen Ingenieuren, Programmierern, Tüftlern. Von Computer-Nerds, die viele Science-Fiction-Romane lesen. Man könnte diese Welt die Vereinigten Staaten von Google nennen.

Die Frage ist: Welche Welt ist besser?

Oder: Welcher dieser beiden Welten gehört die Zukunft?

Eine eigene, neue Wirklichkeit für die Mitarbeiter

Schon heute ist Google mächtiger als alle anderen Konzerne der Erde. Es ist – eine Weltmacht. Eine Weltmacht, die in keinem Atlas eingetragen ist. Eine Weltmacht ohne Grenzen. Eine Weltmacht, mit der sich gerade deshalb große Ängste und große Hoffnungen verbinden. Sicher, Google besitzt keine Flugzeugträger, keine Polizei, keine Gerichte und keine Gefängnisse. So etwas haben nur althergebrachte Staaten. Google schreibt auch keine Gesetze. Dennoch hat Google Macht, viel Macht. Denn Google formuliert andere Regeln, die unser Leben bestimmen: Codes.

Diese Codes, Computerprogramme also, entscheiden beispielsweise darüber, was wir von der Welt erfahren. Sie registrieren, mit wem wir kommunizieren, was wir kaufen. Sie machen uns Vorschläge, wie wir besser schlafen und gesünder essen können. Längst sind es Programme, die in vielen Ländern darüber bestimmen, wer welche Krankenversicherung bekommt und wer einen Kredit zu welchen Bedingungen erhält.

Der Jurist Lawrence Lessig, Professor an der Harvard-Universität und einer der angesehensten Verfassungsrechtler weltweit, sagt, Code sei das neue Gesetz: "Code is law."

An jenem Nachmittag im Konferenzzentrum von Austin entwerfen Eric Schmidt und Jared Cohen eine Zukunft, in der die Macht des Codes noch wachsen wird.

In zehn Jahren werden mehr als sieben Milliarden Menschen Zugang zum Internet haben, fast die gesamte Weltbevölkerung. In den Industrieländern wird man in denkenden Häusern leben, in denen Waschmaschinen selbstständig anspringen, wenn der Strom am billigsten ist. Nicht mehr Polizisten, sondern Computer und Roboter sollen dann nach Terroristen und Straftätern fahnden – soeben hat Google einen Amerikaner angezeigt, weil er eine Mail mit kinderpornografischen Bildern verschickt hatte. Arme Länder werden zu Wohlstand kommen, weil sich Bauern und Fischer mithilfe des Internets neue Märkte erschließen können, autoritäre Regime immer stärker unter Druck geraten, weil das Netz es ihnen erschwert, die öffentliche Meinung zu steuern.

Das ist die Wirklichkeit, wie die beiden Google-Manager sie mit großen Gesten und schönen Worten beschreiben. Sie stehen auf der Bühne wie zwei Missionare, die vom Paradies erzählen.

Nach dem Vortrag meldet sich ein Mann aus dem Publikum. Er stamme aus Syrien, sagt er. "Ich habe eine Frage an Eric und hoffe, dass Sie mich nicht enttäuschen werden."

Im Saal wird es still. Dann sagt der Mann: "Ich würde Sie sehr gern einmal in Ihrem Hauptquartier besuchen." Er schaut erwartungsvoll in Richtung Bühne. Google-Chef Schmidt lächelt gütig. "Ich bin sicher, dass wir da etwas tun können", sagt er.

Jubel im Publikum. Es ist, als hätte Mick Jagger seinem größten Fan einen Backstagepass versprochen.

Noch gibt es die Vereinigten Staaten von Google nicht. Aber es gibt viele Menschen, die gerne in dieser neuen Welt leben würden. Googles Utopie ist auch deshalb so populär, weil sie auf eine weitverbreitete Stimmung trifft, nicht nur unter Programmierern und Informatikern.

Fast überall in der westlichen Welt wächst die Skepsis gegenüber der traditionellen Politik mit ihren Ritualen der Konsensbildung, ihren gebrochenen Wahlversprechen und halbherzigen Kompromissen.

Wie anders, wie verführerisch sieht dagegen Googles Versprechen aus, die Menschheit mithilfe von Technik von ihren Problemen zu erlösen. Und funktioniert es nicht prächtig? Stimmt es nicht, wenn die Tech-Giganten aus dem Silicon Valley verkünden: Seht her, wir sind smart. Wir sind cool. Was wir anfassen, funktioniert. Und über uns scheint die ewige Sonne Kaliforniens.

Inmitten der Gebäude mit ihren großen Glasfassaden stehen rote, blaue, grüne und gelbe Sonnenschirme – die Google-Farben. Die Dächer der Büros sind mit Solarzellen gepflastert, eine Skulptur stellt zwei Figuren dar, die auf einer Weltkugel balancieren. Es gibt auch ein Dinosaurier-Skelett wie im Naturkundemuseum, gedacht als Warnung vor dem technologischen Aussterben.

So sieht er aus, der sogenannte Googleplex, das Hauptquartier des Konzerns in der kleinen Stadt Mountain View im Silicon Valley, rund 60 Kilometer von San Francisco entfernt. Eine Hightech-Insel, für deren Bewohner das schöne neue Leben schon begonnen hat: Überall stehen Fahrräder bereit. Die Speisen und Getränke in den vielen Restaurants und Cafeterias sind kostenlos, es gibt Salat und Burritos, mehrere Sorten Seafood, gegrilltes Gemüse, vegetarische und vegane Gerichte.

Die Google-Mitarbeiter können Gewichte stemmen, Klavier und Volleyball spielen, zum Friseur gehen, ihre Fingernägel lackieren und ihre Kleidung waschen lassen. Eigentlich ist das nur ihr Arbeitsplatz. Aber in Wahrheit ist es mehr. Es ist ihre Welt. Außer zum Schlafen ist es nicht nötig, den Googleplex zu verlassen. Vielleicht ist es auch gar nicht erwünscht.

Es geht in Googles Hauptquartier um die Verwirklichung einer neuen Idee vom Leben. Das Hobby geht in die Arbeit über, das Spielerische in das Notwendige.

Google ist nicht allein. Apple hat vor einiger Zeit Pläne für ein neues Hauptquartier vorgestellt, einen gigantischen, hermetisch verschlossenen Gebäude-Ring in einem riesigen Park. Eine Kritikerin schrieb, die Konstruktion wirke, als solle sie den Kontakt mit Menschen außerhalb des Unternehmens verhindern.

Die Abschottung ist Absicht. Den Internetkonzernen geht es nicht darum, Architekturpreise zu gewinnen, sondern eine eigene, neue Wirklichkeit für ihre Mitarbeiter zu erschaffen.

Ein Morgen in San Francisco. Die Menschen, die in der Valencia Street beisammenstehen, frösteln in ihren Kapuzenpullis. Plötzlich drängen ein Dutzend Demonstranten in gelben Neonwesten auf die Straße, umzingeln einen großen weißen Bus, der soeben vorgefahren ist.

Sie rufen: "San Francisco – not for sale!" San Francisco ist nicht käuflich! Sie halten Plakate hoch, auf denen steht: "Achtung, illegaler Gebrauch öffentlicher Infrastruktur!" Ein paar der Wartenden ziehen die Stöpsel ihrer Kopfhörer aus den Ohren und versuchen, in den Bus zu gelangen, aber die Protestierer versperren die Tür. Eine halbe Stunde lang verhindern sie die Abfahrt des Busses.

Auf dem Bus steht "GBus to MTV". GBus steht für "Google-Bus". MTV ist die Abkürzung für "Mountain View".

Für die weißen Busse gibt es keine Fahrpläne und keine ausgeschilderten Haltestellen, sogar ihre Routen werden geheim gehalten. Aus Sicherheitsgründen. Doch jeder in San Francisco kennt diese Busse. Sie fahren für Google, Tag für Tag sammeln sie morgens die Mitarbeiter des Unternehmens ein und bringen sie zum Googleplex. Die Busse sind luxuriöse Modelle, mit glitzerndem Chrom und getönten Scheiben, Klimaanlage und WLAN. Wer einsteigt, packt den Laptop aus und fängt an zu arbeiten.

Google versucht, autark zu sein

Viele der jungen Googlianer leben in San Francisco, in den Kulissen der alten Welt des Staates, zwischen ihren Yogastudios und Lieblingsrestaurants. Die Autobahnen rings um die Stadt aber sind überfüllt. Deshalb bietet Google seinen Angestellten diesen kostenlosen Shuttle-Service. Rund 4.500 Mitarbeiter lassen dank der Busse täglich ihr Auto stehen. Mehrere Tausend Tonnen CO₂ würden so jedes Jahr eingespart, hat der Konzern errechnet. In der Logik von Google ist das eine weitere technische Problemlösung, ein nächstes Stückchen Fortschritt.

Viele Menschen in San Francisco sehen das anders. Dort, wo morgens und abends die Busse halten, mitunter im Minutentakt, sind die ohnehin hohen Mieten weiter gestiegen, weil die Google-Mitarbeiter viel Geld verdienen. Alteingesessene Bewohner müssen ausziehen. Es ist ein Beispiel dafür, dass technische Lösungen manchmal politische Folgen haben.

Auch blockieren die Busse die öffentlichen Haltestellen. Eigentlich ist das verboten. Wer mit seinem Privatwagen dort steht, muss exakt 271 Dollar Strafe zahlen. Bisher aber verzichten die Behörden darauf, Google und anderen mächtigen Internetkonzernen wie Apple und Facebook, die ebenfalls eigene Buslinien betreiben, Strafzettel auszustellen.

Die privaten Busse an öffentlichen Haltestellen sind längst zu einem vielschichtigen Symbol geworden: Sie stünden für Googles Engagement im Umweltschutz, sagt der Konzern. Wohl eher für die Gentrifizierung San Franciscos, sagen Stadtplaner. Für die Spaltung der Gesellschaft, sagen Sozialarbeiter. Für die Entmachtung der Politik, sagen die Bürger.

Eigentlich sind es nur ein paar Busse. Eine Bagatelle. Aber das vermeintlich kleine Beispiel und seine große Wirkung zeigen, dass man Googles Versprechen, die Welt zu einem besseren Ort zu machen, auch anders verstehen kann. Als Forderung an den Staat, vielleicht sogar als Drohung. Sie lautet: Kontrolliert uns nicht! Kommt uns nicht in die Quere! Sonst zeigen wir euch, wie stark wir sind!

Google hat früh damit begonnen, sich dem Staat zu entziehen und eine eigene Infrastruktur aufzubauen. Der Konzern mit seinen rund 50.000 Mitarbeitern betreibt eine der größten Ansammlungen von Computern weltweit. Google hat Rechenzentren in zahlreichen Ländern gebaut und Unterseekabel gekauft, um die Zentren zu verbinden. Es ist, als sei diese Rechnerarmee ein einziger, gigantischer Computer. Mit ihm steht jeder Mensch in Verbindung, der Google Search, Google Maps, Googlemail und YouTube nutzt. An ihn sind alle Telefone mit Googles Betriebssystem Android angeschlossen, jedes zweite Smartphone weltweit.

So ein weltumspannender Computer ist teuer, der Strombedarf riesig. Was, wenn in den Vereinigten Staaten mal wieder der Strom ausfällt? Was, wenn Russlands Präsident Wladimir Putin die Energiepreise vervielfacht? Was, wenn die Deutschen mit ihrer visionären Energiewende scheitern?

Google hat schon vor Jahren begonnen, seine Stromversorgung selbst zu organisieren. Der Konzern investiert weltweit in Solaranlagen, Windparks und Geothermie. Google versucht, autark zu sein. In Deutschland gehören dem Konzern 49 Prozent eines großen Solarparks in Brandenburg.

Google unternimmt viel, um sich den Staat vom Leib zu halten. Der Verwaltungsratschef Schmidt reist um die Welt, redet mit Regierungsvertretern und dirigiert seine Lobbytruppen, um die Abwehrschlacht gegen staatliche Behörden zu führen.

In der Logik von Google ist der Staat nicht nur unzuverlässig, sondern auch gierig. Das Resultat ist das europäische Steuerrecht. Aus der Sicht von Google verlangt der Staat von dem Konzern weit mehr Geld, als ihm zusteht.

Aber auch hier hat Google eine Lösung gefunden, dafür haben ausnahmsweise nicht die Techniker des Konzerns gesorgt, sondern dessen Anwälte. Sie spielen die deutschen gegen die niederländischen und irischen Gesetze aus. Google zahlt dort, wo die geringsten Steuersätze anfallen. Gewinne werden als Lizenzgebühren getarnt und so aus Europa herausgeschleust. Milliarden werden auf den Bermudas verbucht, einem Land, das dem steuerrechtlichen Ideal von Google recht nahe kommt.

Staaten machen Schulden. Google macht Profit. Allein von April bis Juni 2014 hat der Konzern einen Gewinn von 3,4 Milliarden Dollar erzielt. Google hortet ein gigantisches Vermögen von mindestens 61 Milliarden Dollar.

Mit Erfolg haben Google und andere Technologiekonzerne in den vergangenen Jahren die Legende gefördert, das Internet sei etwas Körperloses, fast schon Kosmisches, jedenfalls Globales und damit jenseits dessen, was Nationalstaaten regeln könnten. So hat Google nicht nur viel Steuergeld gespart, sondern sich auch den internationalen Datenschutzregeln entzogen.

Der Weg zu Billy Hawkes führt aus der irischen Hauptstadt Dublin hinaus in eine abgelegene Hügellandschaft. Die letzten Kilometer geht es in Kurven an Bauernhöfen vorbei, bis das Dorf Portarlington auftaucht. Hier arbeitet Billy Hawkes, ein schmächtiger älterer Herr. Sein Büro liegt an der einzigen großen Kreuzung des Ortes, über einem Supermarkt.

Hawkes ist Irlands oberster Datenschützer.

Als er vor zehn Jahren seinen Job antrat, passte seine Aufgabe noch zu seinem Büro. Sie war überschaubar. Hawkes kümmerte sich um die Frage, ob irische Firmen zu aggressive Werbemethoden anwandten, ob Banken ihre Kunden in die richtigen Risikoklassen einteilten und ob Arbeitgeber die Computer ihrer Mitarbeiter ausspionierten. Es waren irische Angelegenheiten. Nichts, was die Welt bewegte.

Dann tauchten auf einmal Google, Apple, Facebook und andere amerikanische Technologiefirmen in Irland auf. Sie eröffneten hier ihre Europazentralen, weil sie auf der Insel weniger Steuern zahlen mussten als in Frankreich oder Deutschland. Auf einmal war der Datenschützer Billy Hawkes nicht nur für die Rechte von etwa 4,5 Millionen Iren zuständig, sondern für die von rund 500 Millionen Europäern.

Trotzdem sitzt Hawkes mit seinen 30 Mitarbeitern immer noch in Portarlington.

Einmal durfte Hawkes ein Rechenzentrum besuchen, das Google in Dublin betreibt. Er hat versucht, sich dort ein wenig umzusehen. Aber was erkennt ein Mensch, der auf Maschinen blickt? Mehr hat ihm Google nicht erlaubt. Der Konzern hat seine Europazentrale bei Hawkes nie offiziell registriert. Die Manager behaupteten, das sei nicht nötig, denn alle Daten würden in Kalifornien verarbeitet. "Bis vor Kurzem war das europäische Recht nicht eindeutig", gibt Hawkes zu, "ich habe Google nicht zu fassen bekommen."

Der Traum vom Silicon Valley als eigener Mini-Bundesstaat

Das könnte sich in Zukunft ändern: Der Europäische Gerichtshof hat kürzlich entschieden, dass Google sich an die jeweiligen nationalen Gesetze halten muss. Aber bis aus diesem Urteil europäisches Recht wird, werden noch Jahre vergehen. Der Staat ist eben langsam.

Doch er ist auch stark, noch und zumindest theoretisch. Vor wenigen Monaten war es ebenfalls der Europäische Gerichtshof, der Google erstmals gezwungen hat, sensible Daten wie ehrabschneidende Behauptungen oder Vergehen, die so lange zurückliegen, dass sie in keiner Polizeiakte mehr auftauchen, zu löschen. Die Richter haben ein "Recht auf Vergessen" im Internet etabliert. Das ist eine Zäsur. An den Folgen wird Google lange zu arbeiten haben. Mehr als 91.000 Löschanfragen hat der Konzern inzwischen erhalten.

Widerstand gibt es auch gegen die Steuerflucht von Google. Industrie- und Schwellenländer haben verabredet, gemeinsam gegen große Steuervermeider wie den Konzern aus Kalifornien vorzugehen, auf einer G-20-Konferenz haben Finanzminister und Notenbankgouverneure einen ersten Aktionsplan beschlossen.

Im Feuilleton der Frankfurter Allgemeinen Zeitung schrieb Sigmar Gabriel, der deutsche Wirtschaftsminister und Vizekanzler, die Bundesrepublik werde sich von nun an "dem Diktat der Internetmonopolisten widersetzen".

Und in den USA macht ein Roman des Schriftstellers Dave Eggers Furore, eine düstere Satire auf die Internetfirmen im Silicon Valley: Eggers zeigt in Der Circle, das soeben auf Deutsch erschien, wie ein fiktiver Datengigant die Macht im Staat an sich reißt und ein diktatorisches Regime errichtet.

Literatur - Lesetipp von Iris Radisch: "The Circle" Der neue Roman von Dave Eggers spielt mit unserer Angst vor einer schleichenden, totalen Überwachung. Das sei keine Science Fiction, sondern unsere unmittelbare Zukunft, sagt Iris Radisch.

Es sind dies Indizien dafür, dass die neuen Datenmächte ihren Einfluss nicht mehr ungehindert ausbauen können. Dass sie auf Widerstand stoßen. Dass Spannungen entstehen, je mehr sich die Einflussbereiche alter und neuer Macht überschneiden. Es sind Indizien dafür, dass beide Seiten ein paar Fragen beantworten müssen.

Codes oder Gesetze?

Computer oder Kompromisse?

Algorithmen oder Absprachen?

Sind Staaten ein Problem oder die Lösung?

Tim Draper glaubt, die Antworten zu kennen. Der 56-jährige Investor hat mit Beteiligungen an den Internetunternehmen Hotmail und Skype ein Vermögen gemacht. Schon seit Jahren schimpft er über die Inkompetenz, mit der Kalifornien regiert werde. Deshalb finanziert er jetzt ein Volksbegehren, mit dem der Bundesstaat zerschlagen werden soll – in sechs Kleinstaaten, mit je eigenem Gouverneur, eigenem Parlament und je zwei Senatoren in Washington. "Six Californias" heißt die Initiative, im Herbst 2016 sollen die Bürger abstimmen. Der Geschäftsmann Draper verspricht sich davon mehr Mitsprache, weniger Regulierung, weniger Schulden. Ob der Vorschlag eine Mehrheit finden wird, ist ungewiss.

Abspaltung statt Reform. Sezession, nicht Kooperation. Was man auf den ersten Blick für Einmischung in die Politik halten könnte, ist in Wahrheit eine Abkehr.

Hätte Draper Erfolg, wäre das Silicon Valley zusammen mit San Francisco ein eigener Mini-Bundesstaat. Der mit Abstand reichste in den USA. Klar, wer dort das Sagen hätte: die Tech-Industrie.

Es ist typisches Valley-Denken. Ein Traum für große Jungs. Und die Träume werden größer.

Wenn es ausnahmsweise mal keinen Stau gibt, braucht man eine knappe Stunde, um aus dem Silicon Valley nach Oakland zu gelangen, am Hauptquartier von Facebook in Menlo Park vorbei, durch die Salzmarschen der South Bay, wo Pelikane und Reiher herumstolzieren. Oakland ist San Franciscos hässliche Schwester, eine arme Stadt mit einer der höchsten Mordraten der USA. Aber auch hier wird die Welt gerade neu erfunden.

In einer stillen Vorstadtstraße, in einem einstöckigen Holzhaus, das schon bessere Zeiten gesehen hat, sitzt der Politaktivist Randolph Hencken. Er trägt ein schwarzes T-Shirt mit dem Logo des privaten Seasteading Institute, das er leitet. Hencken plant Großes. Etwas, das die Geschichte der Menschheit radikal verändern würde: die Besiedlung der Ozeane.

"Sieben Milliarden Menschen leben auf der Erde", sagt Hencken. "190 Staaten, oder ein paar mehr, haben die gesamte Landmasse des Planeten unter sich aufgeteilt. Es ist wie ein Monopol."

Nirgendwo sei mehr Platz für Experimente mit alternativen Regierungsmodellen. Nirgendwo lasse sich noch erproben, wie andere Formen des gesellschaftlichen Zusammenlebens aussehen könnten. Außer auf dem Meer.

Daher erforscht das Seasteading Institute seit sechs Jahren, wie sich auf dem Ozean schwimmende Städte bauen ließen, künstliche Inselstaaten, deren Bewohner von vorn beginnen können, um alles anders, alles besser zu machen.

Schon seit Langem pilgern Tausende Technologie-Arbeiter einmal im Jahr, Ende August, aus dem Silicon Valley in die Black-Rock-Wüste in Nevada, wo sie für acht Tage eine provisorische Stadt mitten im Sand errichten und feiern, trinken, Drogen nehmen. Burning Man heißt das Spektakel. Die einen erinnert es an die Festivals aus den Siebzigern. Den anderen erscheint es jetzt wie der Probelauf für Randolph Henckens Pläne autarker Städte auf dem Meer.

Ein Wunschtraum? Eine Science-Fiction-Fantasie? Eine Utopie?

"Nun", sagt Hencken und blickt ernst, "wir würden das Wort Utopie eher nicht benutzen. Was wir machen, ist real. Wir wissen, wir können es schaffen." Es wäre eine technische Lösung für das Problem, das in der Google-Ideologie das größte Problem von allen ist: das Staatsproblem. Die schwimmenden Städte würden keinem Staat der Welt mehr angehören. Es würde zur Ideologie von Google passen, dorthin sein Hauptquartier zu verlegen.

Der Risikoinvestor Peter Thiel, der zu den ersten Geldgebern von Facebook zählte, hat Seasteading 1,25 Millionen Dollar zur Verfügung gestellt. Es gibt Datenbanken, in denen die Namen von Freiwilligen gesammelt werden, die gern aufs Meer umziehen würden. Architekten haben erste Entwürfe gezeichnet. Man kann sie im Internet ansehen, mehr oder weniger kühne Konstruktionen, irgendwo zwischen Bohrinsel und schwimmender Raumstation. Die Pläne erinnern ein wenig an die tollkühnen Visionen aus einer anderen technologiebegeisterten Zeit, den zwanziger und dreißiger Jahren des vorigen Jahrhunderts, als Ingenieure und Architekten von riesigen Brücken, Tunneln und Staudämmen träumten. Oder davon, große Teile des Mittelmeeres trockenzulegen und zu besiedeln.

Konzernzentralen sind die Kommunen des neuen Jahrtausends

Hencken sagt, er führe konkrete Verhandlungen, "auf höchster Ebene". Mit wem, will er nicht verraten. Nur so viel: Die erste schwimmende Stadt werde noch vor Ende des Jahrzehnts fertig sein. In der Karibik, vor der Küste Afrikas oder im Mittelmeer. Wer wolle, könne dann seine Sachen packen und kommen, um auf den Wellen zu wohnen.

Mit anderen Menschen zusammenleben, aber keiner Regierung unterworfen sein, draußen auf dem Meer: Man kann diese Idee größenwahnsinnig nennen oder vernünftig, absurd oder überzeugend. Auf jeden Fall ist sie sehr populär im Silicon Valley. Vielleicht weil sie typisch für das Denken der Ingenieure, Programmierer und Informatiker ist: Das, was bisher die Macht verkörperte, der Staat, wird mit Macht infrage gestellt.

Woher das staatsferne Denken rührt, das das Silicon Valley prägt, versteht man vielleicht am besten in Stanford, zwischen den frisch bewässerten Rasenflächen und den duftenden Rosen der mitten im Valley gelegenen Eliteuniversität.

An einem Junitag strömen junge Männer und Frauen in die Basketballhalle der Universität, sie haben ihre Eltern dabei, in ihren Gesichtern stehen Stolz und Erwartung. Aus den Lautsprechern dröhnen die Beatles.

"You say you want a revolution,
Well, you know
We all want to change the world."

Es ist ihre letzte Vorlesung in Stanford. Am nächsten Morgen werden sie in schwarz-roten Talaren ihre Abschlussurkunden erhalten und vor den Fotografen ihre Hüte in die Luft werfen. Bill Gates, der Gründer von Microsoft, und seine Frau Melinda werden ihnen zum Abschied zurufen: "Lasst uns die Pessimisten überraschen!" Dann werden sie in die Welt hinausgehen, um sie neu zu erfinden.

"We all want to change the world."

Stanford ist so etwas wie das Klassenzimmer von Google: Ein Großteil der Studenten, die hier Computerwissenschaften studieren, arbeiten anschließend für den Netzkonzern. Die Besten unter ihnen werden mit Einstiegsgehältern um 150.000 Dollar anfangen, plus Aktienoptionen und Umzugsbeihilfen.

Auf dem Campus von Stanford steht der erste Server, den die Google-Gründer Sergey Brin und Larry Page benutzten. Der Präsident der Universität gehörte zu den frühesten Geldgebern von Google und sitzt heute im Aufsichtsrat des Konzerns.

Und nun lauschen die Absolventen in der Basketballhalle Fred Turner, ihrem Professor für Kommunikation. Turner forscht über die kulturellen Folgen der digitalen Innovation. Er trägt einen blauen Anzug mit offenem Hemd, einen Armreif aus Kupfer und eine fein gerahmte Brille. Turner sieht nicht aus wie ein Computerfreak, aber er kennt die Geschichte der Technik-Euphorie.

Vor 40 Jahren, sagt Turner, sei Stanford schon einmal das Epizentrum einer Revolution gewesen. Auch damals hätten junge Leute die Welt neu erfinden wollen.

Turner zeigt alte Fotografien: Menschen mit Schlaghosen, wüsten Bärten, bunten Autos. Die Hippies, sagt der Professor, hätten sich irgendwann in zwei Gruppen geteilt. Die eine, die Neue Linke, habe sich politisiert, habe demonstriert, gegen Vietnam und Nixon und Watergate.

Die andere Gruppe habe sich aus der Gesellschaft zurückgezogen, in die Wüsten und Wälder Amerikas. Zehntausende Menschen gründeten Kommunen auf dem Land, neue Gemeinschaften, ohne Geld, ohne Institutionen, oft dominiert von charismatischen Anführern. Staaten, Regeln, Gesetze, Bürokratie – all das waren Käfige für sie, in denen Menschen gefangen gehalten wurden.

Von diesen Kommunen existierten bloß noch ein paar, ruft Turner, aber der Geist der Bewegung sei heute wieder lebendig: "Im Silicon Valley!" Dort, wo seine Studenten demnächst arbeiten werden: bei Start-ups, die um eine weltverändernde Idee herum organisiert sind. In Konzernzentralen, die wie sonnenverwöhnte Dörfer gebaut sind, Kommunen des neuen Jahrtausends, in sich gekehrt, weltabgewandt. Bei Datenmultis, die von Charismatikern oder genialen Einzelgängern wie Mark Zuckerberg geführt werden. Steve Jobs, der verstorbene Gründer von Apple, hat einige Zeit selbst in einer Kommune gelebt und später betont, das habe sein Leben verändert.

Turner hält inne.

"Warum erzähle ich Ihnen das alles?", fragt er. Und antwortet sogleich.

"Weil wir wieder in einer Zeit leben, in der viele glauben, mit Technologie lasse sich eine bessere Welt bauen. Deshalb müssen wir uns daran erinnern, was mit den Kommunen passiert ist."

Turner macht eine Kunstpause.

"Ohne politische Struktur, ohne Regeln und Institutionen sind sie – gescheitert! 1973 waren von den ursprünglich 6.000 Kommunen nur noch eine Handvoll übrig." Weil sie, sagt Turner, mit Meinungsverschiedenheiten nicht umgehen konnten. Weil sie von Politik nichts wissen wollten.

Es gleicht einer Provokation, was Turner seinen Studenten da zuruft, in Stanford, im Herzen von Google-Country: "Vertraut nicht darauf, dass Technologie das harte Geschäft der Politik ersetzen kann!"

Und dann ziehen sie hinaus in die Welt, die Stanford-Absolventen des Jahres 2014. Sie werden hart arbeiten, sie werden das nächste große Ding ersinnen, Tag und Nacht. Einige von ihnen werden reich werden, sehr reich. Und am Ende wird es von ihnen abhängen, ob sich der Code mit dem Gesetz arrangiert. Ob sich die Algorithmen an Absprachen halten. Ob die Staatsfernen sich damit abfinden, in Staaten zu leben. Ob sie ihren Frieden schließen mit der alten Welt.

Oder ob der Kampf weitergeht.