Diese Welt ist neu, ist sie auch schön?

Zeigt "Der Circle" eine reale Firma?

Von David Hugendick

Alles, was aus dem Inneren des Internetkonzerns Google berichtet wird, alles, was erleuchtete Heimkehrer aus dem Silicon Valley über die nahezu kultische Atmosphäre des wichtigsten Suchmaschinendienstes der Welt erzählen, findet sich auch in Dave Eggers’ fiktivem Konzern The Circle: Da ist zum Beispiel der Minigolfplatz, da ist das 24-Stunden-Buffet für alle Mitarbeiter, da ist diese professionalisierte gute Laune, die alle Arbeit wie ein Spiel aussehen lässt. Es ist eine hochmoderne Ent- und Verwirklichungsanstalt, die dem entgrenzten Kapitalismus ein menschliches Antlitz gibt. Tatsächlich ist im Roman einmal von Google die Rede. Als Eggers sein fiktives Unternehmen beschreibt, heißt es, dessen Macht habe die von "Facebook, Twitter, Google" überlagert, gleichfalls die der – ebenfalls fiktiven – Konzerne "Alacrity, Zoopa, Jefe und Quan". In der Firma Circle haben sich alle bekannten Internetdienste zentralisiert.

Es fällt leicht, Circle für ein literarisiertes Google zu halten. Doch bezieht sich der Roman auf Google höchstens als eine Chiffre. Er bezieht sich auf die gängigen, bedrohlichen Projektionen, hinter denen sich alarmistische Diskurse verbergen: über die allmähliche digitale Annexion sämtlicher Lebensbereiche, über den gläsernen Bürger und über eine Macht, die sich staatlichem Zugriff und staatlicher Kontrolle entzieht. Dieser Roman verdichtet alle Schreckensbilder, die über das vermeintliche Allmachtsstreben von Internetkonzernen kursieren.

Eggers fantasiert sie bloß aus: die Erlösungsvisionen von der technologischen Perfektibilität des Menschen und der Welt, die vom Silicon Valley aus verkündet werden. Die Wahlsprüche des Circle fassen sie gut zusammen: Geheimnisse sind Lügen, sharing is caring, Privatsphäre ist Diebstahl. Dass sich das Wesen der Menschheit durch permanente Kommunikation und allumfassende Transparenz zum Besseren wende, ist ein Dogma, das nicht nur Teile der realen Internetkonzerne (und die Piratenpartei) propagieren, sondern auch ihre – mehr oder weniger – intellektuellen Lobbyisten wie der Journalistikdozent Jeff Jarvis oder der Technikkreationist Kevin Kelly, aber auch Julian Assange von WikiLeaks ("Geheimnisse sind Lügen").

Für Eggers’ Darstellung des Silicon Valley gilt: Ein Gehirn wäscht das andere. Es ist die Hölle, die sich als Paradies verkleidet hat. Der gewöhnliche Circle-Mitarbeiter besitzt die brachial überzeichnete Mentalität des Digitaladventisten. Er will die hierarchielose Wertschätzung von Information, die Aufgabe des Privaten zugunsten der Gemeinschaft und besitzt ein vulgärhegelianisches Verständnis vom unaufhaltbaren Fortgang des Weltenlaufs, in dem gemacht wird, was (technologisch) gemacht werden kann und muss. Hinter seinem Komfortgequatsche verbirgt sich der Wunsch, die Welt in ein Panoptikum zu verwandeln, in dem jeder der Überwacher des anderen wird. All das zum Wohle der Gemeinschaft, in der das Individuum nur noch als auswertbarer Datensatz vorliegt.

Ob Google das in Wirklichkeit möchte, darf man bezweifeln – auch wenn sich in Die Vernetzung der Welt, dem Buch des Firmenchefs Eric Schmidt, Sätze finden wie dieser: "Transparenz und neue Chancen eröffnen unbegrenzte Möglichkeiten. Vernetzung und Technologien sind der beste Weg, um das Leben in aller Welt zu verbessern. Bekommen Menschen Zugang zu beidem, kümmern sie sich selbst um den Rest."

Macht Transparenz Gefühle erträglicher?

Macht Transparenz Gefühle erträglicher?

Von Marie Schmidt

Es ist eigentlich nicht einzusehen, warum Mae, die Hauptfigur dieses Romans, dermaßen naiv jede neue Technik annimmt, die der Circle ihr verkauft. Warum sie alles brav seinem Zweck gemäß verwendet, sich und ihre Umwelt total beobachtbar zu machen. Eggers geht nicht so weit, zu behaupten, dass physischer Zwang auf sie ausgeübt wird. Wir werden ja auch nicht bei Androhung von Strafen gezwungen, uns Smartphones zu kaufen und Profile in Sozialen Netzwerken anzulegen. Es gibt aber den Druck des praktischen Sozialverhaltens: Man soll für andere ansprechbar sein, für alle Möglichkeiten des Kontakts offen bleiben. Sonst könnte man von der Gesellschaft abgehängt werden.

Diese Angst materialisiert sich in Dave Eggers’ Roman in Form grotesker Mitarbeitergespräche des Circle, in denen Mae für Fehlverhalten zur Rede gestellt wird, dessen sie sich nicht bewusst ist, weil sie den entsprechenden News-Feed vernachlässigt hat: "Ich fang mal mit dem Offensichtlichen an. Mae, wir reden hier über Alistairs Portugal-Brunch." Zu dem sie automatisch eingeladen worden war, weil sie Urlaubsfotos aus Portugal auf ihrem Rechner gespeichert hatte. Der Kollege Alistair ist tödlich beleidigt, dass sie nicht gekommen ist.

Maes Reaktion darauf ist plausibel, denn sie ist eine junge Frau: Mädchen werden zu Verbindlichkeit als höchstem Wert erzogen. Sie hat sofort ein schlechtes Gewissen, kommt sich undankbar vor. Dieses Gefühl, wie auch jedes andere, weckt ihr Bedürfnis, alle Datenbanken, Kommunikations-Tools und Kameras zu nutzen, um künftig besser informiert zu sein. Sie macht sich Sorgen um ihren kranken Vater: Kameras werden im Haus ihrer Eltern installiert, damit sie jederzeit nachsehen kann, wie es ihnen geht. Sie verliebt sich: Mit ein paar Klicks findet sie alles, was man über den Mann wissen kann und wo er sich gerade aufhält. Ein anderer, der sich dem Netzwerk entzieht, ist dadurch zwar umso begehrenswerter, macht sich aber als Liebespartner unmöglich. Die einfachste Scham ("Ich meine, jeder macht allein oder im Schlafzimmer Dinge, für die er sich schämt"), räumt ihr Boss beiseite: "Die erste Möglichkeit wäre, zu begreifen, dass das Verhalten, über das wir reden, so weitverbreitet und harmlos ist, dass es nicht geheim sein muss. ... Wir bewegen uns Richtung Ehrlichkeit, und wir bewegen uns weg von Scham. Die zweite Möglichkeit wäre sogar noch besser, denn wenn wir alle, als Gesellschaft, beschließen, dass wir ein derartiges Verhalten unterlassen sollten, dann würde die Tatsache, dass jeder sofort weiß oder wissen kann, wer sich so verhält, verhindern, dass sich überhaupt jemand so verhält." Eggers behauptet hier, dass Informationstechnologie dazu angelegt ist, jede Ambivalenz auszuräumen. Damit ist unterstellt, dass Menschen nicht bereit seien, zu tolerieren, dass Liebe und Angst vor Verlust, Begeisterung und Scheitern, Hoffnungen und düstere Ahnungen oft zusammen auftreten.

Das ist nicht so. Tatsächlich sind wir vielleicht genau in solch ambivalenten Situationen für einen Moment lang hin und her gerissen, unfähig, uns zu äußern. Und gerade da kann der Wunsch nach Freiheit von der Tyrannei des Öffentlichen stark werden. Eggers’ Mae kennt aber auf die Frage nach der Bedeutung, die sie ihrem Leben geben will, nur eine Antwort: "Ich will gesehen werden. Ich will den Beweis, dass ich existiert habe."

Wie weltanschaulich ist das Netz?

Wie weltanschaulich ist das Netz?

Von Iris Radisch

Das Buch von Dave Eggers mag in mancherlei Hinsicht schlecht sein, gut daran ist aber, dass man sich, wenn man es gelesen hat, besser vorstellen kann, warum eine Firma wie Google nicht nur eine Suchmaschine, sondern eine Weltanschauung ist. Und gut daran ist außerdem, dass Dave Eggers es ein bisschen offenlässt, ob diese Weltanschauung wirklich nur Teufelszeug oder nicht doch ziemlich faszinierend ist. Man kann sich nämlich nicht ganz sicher sein, wer am Ende des Romans verrückter ist, die Transparenzkritiker, in denen wir uns selber wiedererkennen, oder die junge Heldin Mae, die daran glaubt, dass die total vernetzte und total transparente Weltgesellschaft den Planeten von allem Bösen erlösen wird.

Literatur - Lesetipp von Iris Radisch: "The Circle" Der neue Roman von Dave Eggers spielt mit unserer Angst vor einer schleichenden, totalen Überwachung. Das sei keine Science Fiction, sondern unsere unmittelbare Zukunft, sagt Iris Radisch.

Natürlich ist Eggers alles in allem auf der richtigen Seite, auf der wir hier in Europa alle sind: auf der Seite der widerspenstigen Traditionalisten, die ihre Privatdaten und ihr Privatleben vor dem Zugriff des Staates und der Großkonzerne schützen wollen. Aber er ist Schriftsteller und Amerikaner genug, um auch ein wenig der utopischen Anziehungskraft zu erliegen, die Jahr für Jahr Tausende von amerikanischen Elitestudenten dazu bewegt, um jeden Preis im Googleplex in Mountain View bei der digitalen Epochenwende dabei sein zu wollen.

Und man kann sie gut verstehen. Ganz abwegig ist es schließlich nicht, dass die beiden hochbegabten jüdischen Montessori-Schüler Larry Page und Sergey Brin, die Google erfunden haben und seither beteuern, mit ihrer Zauberwaffe aus der Welt "a better place" machen zu wollen, ihre Welterlösungsmission ernst meinen. Und dass die beiden dabei auf die Steigerung der Transparenz setzen, ist angesichts der Bilanz des intransparenten 20. Jahrhunderts, in dem beispielsweise so gut wie niemand gewusst haben will, dass im Herzen Europas Gaskammern betrieben wurden, vielleicht auch kein vollständig verrückter Gedanke.

Eggers lässt die Motive der Gründer seines dem Google-Konzern so ähnlichen Circle-Imperiums ein wenig im Dunkeln. Aber ihre Direktiven ähneln den Geboten der Religionsstifter der großen Weltreligionen. Auch ihnen ging es darum, Gewalt und Habgier zu besiegen und eine in egoistische Partikularinteressen zersplitterte Menschheit in einem gemeinsamen Ethos zu vereinen. Der Philosoph Karl Jaspers nannte die Epoche der großen monotheistischen Religionsgründungen die "Achsenzeit".

Nach der Lektüre des Romans kann man den Eindruck haben: Wir stehen an der Schwelle zu einer neuen Achsenzeit. Ihr erstes Gebot heißt: Teile alles mit allen. Das zweite: Sei durchsichtig für alle anderen. Wer dem Katechismus des digitalen Monotheismus gehorcht – das glauben die Circler ganz inbrünstig –, wird nicht mehr sündigen. Er wird nicht stehlen, nicht morden, nicht Steuern hinterziehen. Er wird keine Kinder missbrauchen und wird nicht begehren seines nächsten Weib, Haus, Auto und alles, was sein ist. Er wird rechtzeitig gewarnt von den Tumormarkern in seinen Gedärmen und den kleinsten Vorboten eines drohenden Infarkts in seinen Blutgefäßen. Er wird, sofern er ein gewählter Politiker ist, nie wieder geheime Absprachen in Hinterzimmern treffen. Und er wird, falls er Unternehmer ist, seine Bilanzen nicht mehr fälschen. Denn alles ist im digitalen Monotheismus für alle jederzeit einsehbar. Die Kameras der neuen Religion ersetzen die Beichtstühle. Die Chips besiegen das Schicksal. Die Rechner triumphieren über den Zufall.

So weit der Traum, der natürlich ganz schnell zu einem Albtraum aus Zahlenkolonnen, Likes und Frowns wird. Gegen Ende des Romans überwacht der Tugendterror des Circle jeden Winkel der Welt. Alles ist gut. Alles ist durchleuchtet. Alles ist friedlich und gesund. Das Paradies ist hell, freundlich und endlos kommunikativ. Aber es ist die Hölle, in der der Mensch überall in digitalen Ketten liegt.

Wir Leser sind entsetzt. Auch der Autor ist entsetzt. Und dieses Entsetzen ist ein bisschen erwartbar. Dennoch bleibt eine Irritation, die man nicht mehr loswird: Hier wird zum ersten Mal von einer zukünftigen Generation erzählt, die nicht mehr wissen wird, was unser Entsetzen einmal zu bedeuten hatte.

Überzeugt die negative Utopie?

Überzeugt die negative Utopie?

Von Adam Soboczynski

Kaum jemand, der Grundsätzliches zur Überwachung beitragen möchte, verzichtet auf die Referenzen 1984 und George Orwell. Und vielleicht ist es gerade der beharrliche Verweis auf den modernen Klassiker der negativen Utopie, der manch einen müde und ein bisschen achselzuckend auf die NSA-Überwachung und die Datensammelwut der Internetkonzerne blicken lässt. Im Roman 1984, abgefasst 1948, beherrscht eine unsichtbare Parteielite die westliche Welt. Mit "Teleschirmen" werden permanent alle Wohnungen inspiziert, Parolen werden im Sinne des "Neusprech", einer auf den Kopf gestellten Sprache, indoktriniert: "Krieg ist Frieden", "Unwissenheit ist Stärke", "Freiheit ist Sklaverei" und so weiter. Dass man überwacht wird, muss nicht verheimlicht werden: "Big Brother is watching you", heißt es allenthalben.

Womöglich hat die Fixierung auf das Orwellsche Szenario den Blick dafür verstellt, dass Überwachung und soziale Kontrolle auch ganz anders ablaufen können: auf den ersten Blick eben nicht repressiv, sondern ganz sanft und freundlich. Die Wohnungen müssen schon deshalb nicht mit Kameras zugestellt sein, da wir unsere Wünsche, unsere politischen Ansichten, unser Privatleben freiwillig ins Netz stellen und da wir es als positiv empfinden, uns zu vernetzen, auszutauschen, uns zu offenbaren. Dass sich unser Weltbezug damit schleichend wandelt, die Wand zwischen Privatem und Öffentlichem eher unbemerkt bröckelt, ist ein Kennzeichen der digitalen Revolution, die uns heute ereilt. Gerade weil die Preisgabe der Informationen mit Lust erfolgt, lassen uns Nachrichten über geheimdienstliche Aktivitäten und die Vermarktung unserer Daten oft unberührt. George Orwell hatte ja recht, dass wir durch Technik auf ein Überwachungsproblem zusteuern. Aber er übersah einerseits die Freude, mit der wir uns bloßstellen, andererseits, dass nicht nur Staaten an Informationen interessiert sind, sondern zunächst einmal vor allem Firmen. Uns droht ja keine Parteielite zu knebeln, sondern ein noch unzureichend erfasster und beschriebener Staatsdigitaler Kapitalismus (SDK oder Stadikap), in dem die informationstechnologisch beseelten Interessen des Staates mit jenen der Wirtschaft verschmelzen: Bekanntermaßen kooperieren die Internet- und Telekommunikationsfirmen bereits heute mit den Geheimdiensten, und nichts spricht dagegen, dass die Zusammenarbeit zur Verbrechensbekämpfung deutlich ausgebaut werden könnte. Dave Eggers legt in Der Circle den Akzent zu stark auf eine alles kontrollierende Firma, vermutlich um sich gegenüber Orwell pointiert abzusetzen. Man müsste die beiden Bücher verschmelzen, um zur wahren Dystopie vorzudringen, womit nicht gesagt wäre, dass alles Wahre immer in der Mitte liegt.

Ist "Der Circle" ein gutes Buch?

Ist "Der Circle" ein gutes Buch?

Von Ijoma Mangold

Diese Frage lässt sich ohne Wenn und Aber beantworten: Nein, es ist kein gutes Buch. Der Circle ist sogar ein in besonders offensichtlicher Weise schlechter Roman. Er erfüllt bilderbuchmäßig die klassischen Kriterien für schlechte Romane: eine banale Sprache ohne ästhetischen Mehrwert, Vorhersehbarkeit der Handlung, klischeehafte Schwarz-Weiß-Kontraste von Gut und Böse, Dialoge, die didaktisch so aufgebaut sind wie ein Besinnungsaufsatz, und Figuren als Meinungsträger, reine Pappkameraden, die alles, was der Leser sich denken soll, für die Doofen noch mal extra sagen.

In Der Circle entwirft Eggers eine Welt totaler Kommunikation und Transparenz. Alles, was man tut und denkt, wird in den Sozialen Medien gespiegelt. Nichts mehr ist geheim. Dass es einen neuen digitalen Totalitarismus geben könnte, haben wir in den vergangenen Jahren schon in einer Flut von besorgten Zeitungsartikeln gelesen. Vielleicht wird das alles so kommen. Aber was macht Eggers aus dieser apokalyptischen Naherwartung literarisch? Er gestaltet seine Figuren so platt und eindimensional, dass der Leser denkt, man müsse schon den Herdentrieb eines blökenden Schafes haben, um so bereitwillig die Gehirnwäsche-Phrasen nachzubeten, die zum Corporate Design des Weltverbesserungsunternehmens Circle gehören: "Transparenz bringt Seelenfrieden". "Alles, was das Leben unserer Circler besser macht, wird auf Anhieb möglich." Zu jedem Furz von Circle sagt die Hauptfigur Mae: "Ist ja irre!" Ein Unternehmen, das seine Mitarbeiter regelmäßigen stalinistischen Selbstkritik-Tribunalen unterwirft ("Ich bin hier, weil ich an all das glaube, was du gesagt hast", sagt Mae einmal), das einen Terror der Gemeinschaft veranstaltet und alle einem intellektuellen Gleichschritt unterwirft, dem dürften bald jene individuellen Geister fehlen, die allein einem Unternehmen seine Weltmarktstellung garantieren.

Kurz, der digitale Totalitarismus 2.0, den Eggers an die Wand malt, müsste einen Zacken subtiler sein, um wirklich dämonisch zu wirken. Darin liegt die eklatante literarische und intellektuelle Schwäche von Der Circle: Der Verblendungszusammenhang, den Eggers entwirft, ist so plump, dass seine angeblich hochintelligenten Protagonisten in Wahrheit total naiv und ohne eigene Persönlichkeit sein müssen, um ihm auf den Leim zu gehen. Der Roman wirkt so schematisch, als hätte ein Algorithmus ihn hervorgebracht.

Dave Eggers ist ein weltberühmter Autor. Ist ihm hier ein Ausrutscher passiert? Nein, wer frühere Bücher von Dave Eggers kennt, hat nichts anderes erwartet. Eggers kann keine Figuren mit innerem Reichtum schaffen, der Holzschnitt ist das Maximum, das ihm an psychologischer Einfühlung zur Hand ist. Es gibt eine Ausnahme: In seinem anrührenden Romandebüt aus dem Jahr 2000 Ein herzzerreißendes Werk von umwerfender Genialität sind ihm mit dem Geschwisterpaar Dave und Toph (die ihre Eltern verlieren, sodass der 22-jährige Dave gegenüber seinem achtjährigen Bruder auch die Vaterrolle übernehmen muss) zwei Figuren gelungen, die der Leser als atmende und fühlende Wesen und nicht nur als Platzhalter für Zeitdiagnosen ernst nimmt.

Warum ist Dave Eggers trotzdem in aller Munde? Dafür gibt es zwei Gründe. Erstens: Er lebt ganz und gar für die Literatur. Er hat die unabhängige Literaturzeitschrift McSweeney’s und den gleichnamigen Verlag gegründet und schafft da ein Netzwerk für eine Literatur, die viel unabhängiger und eigensinniger ist als das, was er selbst schreibt. Zweitens: Er hat einen zeitdiagnostischen Riecher, und er ist schnell. Eben war es noch eine Schlagzeile in der Zeitung, schon ist es ein Roman von Dave Eggers. Zeitoun erzählte von der Terror-Paranoia nach dem Hurrikan Katrina. Ein Hologramm für den König beleuchtete satirisch den Turbokapitalismus als virtuelle Luftbuchung. Es sind Dave Eggers’ Themen, die ihm die Aufmerksamkeit sichern.