Wie weltanschaulich ist das Netz?

Von Iris Radisch

Das Buch von Dave Eggers mag in mancherlei Hinsicht schlecht sein, gut daran ist aber, dass man sich, wenn man es gelesen hat, besser vorstellen kann, warum eine Firma wie Google nicht nur eine Suchmaschine, sondern eine Weltanschauung ist. Und gut daran ist außerdem, dass Dave Eggers es ein bisschen offenlässt, ob diese Weltanschauung wirklich nur Teufelszeug oder nicht doch ziemlich faszinierend ist. Man kann sich nämlich nicht ganz sicher sein, wer am Ende des Romans verrückter ist, die Transparenzkritiker, in denen wir uns selber wiedererkennen, oder die junge Heldin Mae, die daran glaubt, dass die total vernetzte und total transparente Weltgesellschaft den Planeten von allem Bösen erlösen wird.

Literatur - Lesetipp von Iris Radisch: "The Circle" Der neue Roman von Dave Eggers spielt mit unserer Angst vor einer schleichenden, totalen Überwachung. Das sei keine Science Fiction, sondern unsere unmittelbare Zukunft, sagt Iris Radisch.

Natürlich ist Eggers alles in allem auf der richtigen Seite, auf der wir hier in Europa alle sind: auf der Seite der widerspenstigen Traditionalisten, die ihre Privatdaten und ihr Privatleben vor dem Zugriff des Staates und der Großkonzerne schützen wollen. Aber er ist Schriftsteller und Amerikaner genug, um auch ein wenig der utopischen Anziehungskraft zu erliegen, die Jahr für Jahr Tausende von amerikanischen Elitestudenten dazu bewegt, um jeden Preis im Googleplex in Mountain View bei der digitalen Epochenwende dabei sein zu wollen.

Und man kann sie gut verstehen. Ganz abwegig ist es schließlich nicht, dass die beiden hochbegabten jüdischen Montessori-Schüler Larry Page und Sergey Brin, die Google erfunden haben und seither beteuern, mit ihrer Zauberwaffe aus der Welt "a better place" machen zu wollen, ihre Welterlösungsmission ernst meinen. Und dass die beiden dabei auf die Steigerung der Transparenz setzen, ist angesichts der Bilanz des intransparenten 20. Jahrhunderts, in dem beispielsweise so gut wie niemand gewusst haben will, dass im Herzen Europas Gaskammern betrieben wurden, vielleicht auch kein vollständig verrückter Gedanke.

Eggers lässt die Motive der Gründer seines dem Google-Konzern so ähnlichen Circle-Imperiums ein wenig im Dunkeln. Aber ihre Direktiven ähneln den Geboten der Religionsstifter der großen Weltreligionen. Auch ihnen ging es darum, Gewalt und Habgier zu besiegen und eine in egoistische Partikularinteressen zersplitterte Menschheit in einem gemeinsamen Ethos zu vereinen. Der Philosoph Karl Jaspers nannte die Epoche der großen monotheistischen Religionsgründungen die "Achsenzeit".

Nach der Lektüre des Romans kann man den Eindruck haben: Wir stehen an der Schwelle zu einer neuen Achsenzeit. Ihr erstes Gebot heißt: Teile alles mit allen. Das zweite: Sei durchsichtig für alle anderen. Wer dem Katechismus des digitalen Monotheismus gehorcht – das glauben die Circler ganz inbrünstig –, wird nicht mehr sündigen. Er wird nicht stehlen, nicht morden, nicht Steuern hinterziehen. Er wird keine Kinder missbrauchen und wird nicht begehren seines nächsten Weib, Haus, Auto und alles, was sein ist. Er wird rechtzeitig gewarnt von den Tumormarkern in seinen Gedärmen und den kleinsten Vorboten eines drohenden Infarkts in seinen Blutgefäßen. Er wird, sofern er ein gewählter Politiker ist, nie wieder geheime Absprachen in Hinterzimmern treffen. Und er wird, falls er Unternehmer ist, seine Bilanzen nicht mehr fälschen. Denn alles ist im digitalen Monotheismus für alle jederzeit einsehbar. Die Kameras der neuen Religion ersetzen die Beichtstühle. Die Chips besiegen das Schicksal. Die Rechner triumphieren über den Zufall.

So weit der Traum, der natürlich ganz schnell zu einem Albtraum aus Zahlenkolonnen, Likes und Frowns wird. Gegen Ende des Romans überwacht der Tugendterror des Circle jeden Winkel der Welt. Alles ist gut. Alles ist durchleuchtet. Alles ist friedlich und gesund. Das Paradies ist hell, freundlich und endlos kommunikativ. Aber es ist die Hölle, in der der Mensch überall in digitalen Ketten liegt.

Wir Leser sind entsetzt. Auch der Autor ist entsetzt. Und dieses Entsetzen ist ein bisschen erwartbar. Dennoch bleibt eine Irritation, die man nicht mehr loswird: Hier wird zum ersten Mal von einer zukünftigen Generation erzählt, die nicht mehr wissen wird, was unser Entsetzen einmal zu bedeuten hatte.