Frankfurt ist zwei Städte. Am Fuß der hohen internationalen Bankentürme gedeiht, wie die Schicht der Kräuter, Farne und Pilze im Schatten des Hochwalds, eine ganz andere Flora, es ist die Stadt der Einheimischen, eine liebenswürdige, durch eine schöne Landschaft privilegierte, zuweilen etwas angeschmutzte Provinz, ein in die Jahre gekommenes Westdeutschland. Hier liegt der spätbürgerliche Raum des Martin Mosebach; hier finden die zögerlichen Helden des Wilhelm Genazino ihr Auskommen.

Man sage nicht, man kenne sie inzwischen zur Genüge. Der Typus mag konstant sein, aber es fällt ihrem Autor zu jedem Exemplar immer genug ein, um daraus ein tatsächlich neues Buch zu machen. Diesmal ist es Reinhard; den Namen des Icherzählers erfährt man beiläufig etwa zehn Seiten vor dem Ende. Er hat auch diesmal wieder geisteswissenschaftlich promoviert (über Kants Apodiktizität, ein Wort, das seine Unvermittelbarkeit auf dem ersten Arbeitsmarkt ahnen lässt) und ist wieder einmal in einem Aushilfsberuf gestrandet, der sich als ziemlich dauerhaft erweist; dank der zufälligen Begegnung mit einem alten Studienkumpan tritt er in die Redaktion des Taunus-Anzeigers ein, eines kostenlos verteilten Inseratenblatts, das den Frankfurter Speckgürtel bedient. Als Uni-Philosoph mag er gescheitert sein. Dafür ist er zum Philosophen im volkstümlichen Sinn des Worts geworden, einer, der danebensteht und sich seine Gedanken macht. Über die Zumutungen des modernen Lebens ist er viel zu verwundert, als dass er sich je zur Kritik hinreißen ließe; in seinem staunenden Blick tritt das Seltsame daran ganz von allein hervor. Er sucht nicht, das entspräche nicht seinem passiven Naturell; er findet bloß. In der Theaterpause, wo alle anderen mit ihren dramatischen Eindrücken und sozialen Kontakten beschäftigt sind, fällt ihm, dem Einzelgänger, eine ebenfalls einzelne Frau auf, die, im Foyer angekommen, zwei belegte Brote aus einer Plastikbox holt und verzehrt. "Im Theater hatte sie auf die Plastikbox verzichtet, was ich sofort verstand. Ein winziger flüchtiger Ekel ging von ihr (der Box; Anm. d. Red.) aus. Der Ekel war noch dazu unauffällig, beinah zierlich, ein fast schmucker Alltagsekel, wie er vielen Haushaltsgegenständen anhaftet." Ein Mini-Essay, nach zwei Sätzen schon wieder vorbei.

Unter allen praktischen Gesichtspunkten qualifiziert sich dieses Ich als Versager. Versager pflegen sich zu schämen und darum den Mund zu halten. Reinhard hingegen, von jeher gewohnt, aus einer Problemlage in die nächste zu rutschen, erweist sich auf seine diskrete Weise durchaus als schamlos: Das macht ihn interessant, auch und besonders – was man nun nicht gedacht hätte bei einem, der mit soßenbekleckertem Hemd herumläuft – für die Frauen. Unverhohlen verehrt er, der sich trotz seiner rund 45 Jahre als ein nur halbgeborener Mensch fühlt, an ihnen das mütterliche Element, ebenjenes, das vom Schönheitsideal der Gegenwart der Verächtlichkeit preisgegeben wird; gern schaut er ihnen beim Stillen zu. Und er macht ihnen Komplimente, die sie noch nie gehört haben. Auf diesem Weg hat er das Herz Sonjas gewonnen, einer patenten und etwas rundlichen Finanzbeamtin.

"Ich war voller Dankbarkeit, weil alles so einfach war. Nachdem wir gevögelt hatten, hob ich Sonjas seitlich abgerutschte Brüste ein wenig nach oben, so dass ich mein Gesicht zwischen ihre Brüste legen konnte. (...) Danach nannte ich Sonjas Brüste ihren Honigbusen. Es dauerte eine Weile, dann schob sich eine kleine Träne in ihr linkes Auge. Etwas so Wundervolles hat noch nie jemand zu meinem Busen gesagt, sagte sie."

Sonja langt es dann irgendwann doch mit diesem motivationsschwachen Schlemihl, sie heiratet einen Kollegen – und kommt reumütig zurückgeschlichen. Er hat etwas, das sie nicht entbehren kann und das sich im Verlauf des Buchs eher wolkig abzeichnet. Dass Geschehnisse im strikten Sinn eintreten, wäre bei der Eigenart des Protagonisten zwar eine verfehlte Erwartung. Doch gehören Reinhards Erfahrungen, sosehr sie zum Unabgeschlossenen tendieren, jedenfalls nicht zu den "Konfektionserlebnissen", eine der wenigen Formulierungen, mit denen er doch einmal so etwas wie Tadel an der Welt, wie sie ist, anklingen lässt. Seine versonnene Demut, die sich von der Tugend der Bescheidenheit so fern wie möglich hält (hier ähnelt er den Helden Robert Walsers), öffnet das Tor zu sonst verborgenen Einsichten. Auch aktive Menschen könnten davon profitieren. Beispielsweise indem sie erkennen, dass es in Ordnung ist, wenn jemand seine Arbeit nicht mag, dass aber ein großer Teil des Verdrusses darüber verschwindet, sobald man das sich so ergebende falsche Leben unter dem Aspekt des Romanhaften betrachtet. Dann schießt die kategoriale Scheidung nach richtig und falsch ins Leere, und es bleibt nur das immer fesselnde Phänomen. Zum Schluss begreift der Leser, wie sehr es mit geheimer Zufriedenheit erfüllen kann, wenn man einfach ratlos in der Gegend steht wie ein zerfallender alter Gartenzaun. Alles andere wäre nicht im Ernst etwas Besseres.

Am Leben leiden viele. Genazinos Buch reagiert darauf in zugleich konventioneller und unkonventioneller Weise. Die Haltung als solche gibt es schon bei den antiken Philosophen der stoischen und epikureischen Schule. Aber Genazino liefert die glaubwürdige Nutzanwendung auf die deutschen Zustände des Jahres 2014 mit ihren ganz anderen Verhältnissen, Ansprüchen und Toleranzen. Es atmet den Geist eines leicht muffigen, doch zarten Trosts; und man muss in sich den Mut der Verzagtheit finden, um ihn anzunehmen.