Endlich klingen die Sterne wieder, wie nur die Sterne klingen können. So steht es im Pressetext, der das neue Album der Hamburger Band die Sterne ankündigt. Es heißt Flucht in die Flucht und wird als Rückkehr zu den Wurzeln verkauft. Vor zwei Jahren haben die Sterne ein Album namens Für Anfänger gemacht, auf dem sie ihre alten Songs gecovert haben. Wenn schon Für Anfänger eine Rückkehr war, dann ist Flucht in die Flucht die Rückkehr zur Rückkehr.

Die Sterne sind – dies für alle, die es nicht wissen und nachsitzen müssen – eine Band der Hamburger Schule. Das war die Stilrichtung von ein paar Musikgruppen, die Anfang der 1990er in Hamburg auftauchten. Einige von ihnen stammten ursprünglich aus Bad Salzuflen, aber "Hamburger Schule" klingt natürlich besser als "Bad Salzuflener Schule". Mit gradlinigem Indiepop und literarisch anspruchsvollen Texten hauchten sie der deutschen Musikkultur neues Leben ein. Weil ihre Texte verrätselt wirkten und auf verrätselte Weise auch irgendwie links, erfand ein Kritiker den Begriff "Hamburger Schule" – in Anlehnung an die Frankfurter Marxisten.

Heute blicken die Sterne und Tocotronic auf je zehn Alben zurück, und Blumfeld feiern im September das zwanzigjährige Jubiliäum von L’Etat et Moi mit einer Reunion-Tour. So lang ist das her, so weit ist es gekommen. Gehört die Hamburger Schule bald ins Museum für Hamburgische Geschichte?

Frank Spilker möchte das natürlich nicht so sehen. Hätte der Sänger und Texter der Sterne den Passus über die Sterne, die wie die Sterne klingen, dahingehend gelesen, dass die Band sich selbst kopiert, dann hätte er ihn gestrichen. Ganz neue Einflüsse habe man in Flucht in die Flucht verarbeitet, sagt er, Psychedelic Pop, die frühen Pink Floyd, Sechziger-Jahre-Bands, die keiner mehr kennt. Aber Spilker ist ein netter Mensch, deshalb sagt er auch gleich, dass er Verständnis für die Plattenfirma habe, die mit der Marke "Die Sterne" etwas machen müsse.


Spilker wohnt im Karolinenviertel, für das Gespräch hat er ein nahe gelegenes portugiesisches Café vorgeschlagen. Auf dem Weg dahin sei er einem Bekannten über den Weg gelaufen, einem Fotografen. Der Fotograf habe ihm einen Bildband über das Hamburger Nachtleben in die Hand gedrückt, da sei ein Foto von den Sternen drin gewesen, zehn Jahre alt. Der Fotograf habe gesagt, er müsse sich beruflich neu orientieren. Mit dem Nachtleben sei nicht mehr so viel Geld zu verdienen. Mit intellektueller Popmusik auch nicht.

"Wenn was schiefgeht, machen wir eben ein Benefiz", heißt es auf dem neuen Album. Vieles erinnert an frühere Sterne-Werke. Die Bass- und Schlagzeug-Arrangements, die funkiger sind als bei anderen Indiepop-Bands. Die Anleihen bei verschiedensten Musikrichtungen wie Heavy Metal, Blues und Soul. Und es ist ein neues thematisches Element dazugekommen: die Existenzangst der Kreativen allgemein und die von Frank Spilker im Besonderen.

Früher waren die Sterne bei Sony, 80.000 Exemplare haben sie von ihrem ersten Album verkauft. Heute sind sie froh, wenn sie auf 10.000 kommen. Die Fans, die den alten Sound und die klugen Texte hören wollen, gibt es noch. Aber die CDs verkaufen sich nicht mehr, der Markt hat sich ins Netz verlagert. Spilker singt: "Die Szene finanziert sich überwiegend aus sich selbst heraus."

Letztes Jahr hat der Sänger einen Roman geschrieben, die Hauptfigur war ein Designer, der Albumcover gestaltet und am Niedergang der Musikindustrie leidet. In Interviews hat Spilker gesagt, der Roman sei nicht autobiografisch, sondern über die Szene an sich. Über Leute, die früher mal Musik gemacht hätten und sich jetzt als Würstchenbudenbetreiber über Wasser hielten. Spilker selbst macht immer noch Musik, seine Miete ist niedrig. Aber wenn eine Erhöhung käme, sagt er, müsste auch er sich Gedanken machen und aufs Land ziehen. Der Song Innenstadt Illusionen beginnt mit dem Satz: "Bezahlbare Wohnung in den gängigen Vierteln gesucht."

Flucht in die Flucht ist kein Anti-Gentrifizierungsalbum, das wäre Spilker nicht vielschichtig genug. Deshalb erwähnt er, bevor er sich verabschiedet, dass es auch weniger einfache Texte auf dem Album gebe, böse Texte, und dabei schaut er sehr freundlich. Hirnfick etwa, der Song über einen Stalker, und Mein Sonnenschirm umspannt die Welt, wo es um die Fähigkeit geht, Nein zu sagen.

Ob er selber Nein sagen könne? Spilker überlegt, dann erzählt er, wie die Expo einmal die Sterne engagieren wollte, thematisch passend für eine Astronomenveranstaltung. Das fand die Band albern. "Da haben wir Nein gesagt."