Ausgerechnet Brennnesseln. Meine elfjährige Tochter Camilla steht auf einem Baumstumpf, ihre Knie kupferbraun vom Klettern und Hinfallen, die Bergschuhe sinken ins Moos, das jemand mit Leuchtmarker angemalt haben muss, Farbton "Atomic Green". Zwei dürre Äste haben sich in ihrem Schopf verfangen und ziehen einzelne Haare wie Spinnweben nach oben. "Gleich", erhebt Camilla marktschreierisch die Stimme und reckt die Hand mit dem Brennnesselblatt in die Höhe wie ein Magier seinen Kaninchenzylinder, "gleich werde ich dieses Blatt auf meine Zunge legen, kauen und runterschlucken."

Es ist der dritte Tag unserer Suche, der Suche nach Wildnis. Sieben Kinder, ein bis 14 Jahre alt, gemeinsam mit ihren Eltern im Nationalpark Bayerischer Wald. Wir sind eine Großstadtfamilie: mit Kindern, für die Natur irgendwo zwischen Balkonkräutern und Spielplatzwiese stattfindet und die man am einfachsten zum Essen ruft, indem man den WLAN-Router ausstöpselt. Mit Eltern, die sich daran gewöhnt haben, dass es selbst sonntags kein Problem ist, eine Packung Windeln zu besorgen, und die es genießen, in Babyphone-Reichweite von Kino und Kneipe zu wohnen.

Camilla klemmt das Brennnesselblatt – ihr fünftes heute – zwischen Daumen und Zeigefinger und streift es in Wuchsrichtung vom Stängel. Sie faltet es wie einen Papierflieger erst in der Mitte, dann knickt sie die gezahnten Ränder ein, klappt, knickt, falzt. Übrig bleibt ein Brennnesselpaket: grüne Hölle im Bonbonformat. Sie steckt es in den Mund, kaut, schluckt.

Jetzt also Wildnis, fünf Tage lang. Wir wollen in einer Erdhöhle schlafen, in einem Baumhaus und in einer Hütte im Wald: Matratzenlager, keine Dusche, vor der Tür plätschert ein Bach. Wir werden uns in Seminaren mit Überlebenstechniken wappnen, im Wildtier-Freigelände nach Wölfen Ausschau halten.

Als Familie kommt man an der Wildnis heutzutage kaum noch vorbei. Pädagogen verhandeln sie zurzeit als Wundermittel: Von frei laufenden Kindern ist zu lesen und deren ganz eigenem Naturbedürfnis. Von der Beseelung der Welt und dem so wichtigen Urvertrauen, das sich am besten an genau einem Ort ausbilden könne: draußen. Experten loben die Widerständigkeit der Natur. Maßgeschneiderten, da unstrukturierten Entwicklungsraum für Kinder finde man da. Wird Wildnis das neue Babyyoga für förderwütige Eltern? Nach dem Mandarinkurs ab in die Natur: Liebling, ich geh noch rasch die Kinder erden. Geht das?

Unser Testgelände ist der älteste Nationalpark Deutschlands. Seit fast einem halben Jahrhundert wird Natur hier der Natur überlassen. Im Bayerischen Wald ist Wildnis nicht einfach nur das, was der Mensch verschont hat – sondern staatlicher Auftrag. Nicht eingreifen, Biber und Borkenkäfer machen lassen. Und zwar selbst dann, wenn’s weh tut. Kahl und grau gefressene Landstriche gehören genauso dazu wie buntstiftspitz umgenagte Baumstämme in unwegsamer Hochmoorlandschaft. Sie ist ein Chaot, die Natur. Hier darf sie wachsen und vergehen – in ihrem eigenen Rhythmus. Unberechenbar und ohne Pause.

Auf dem Schild am Anfang des Trampelpfads steht "Urwald" und dass jeder, der weitergeht, "auf eigene Gefahr" handelt. Die Kinder machen große Augen. Da ist es, dieses Brennnesselkitzeln: Gefahr – Treibstoff der Kindheit. Ob er sich bewaffnen solle, fragt Jim, der Fünfjährige; gegen Schlangen, Affen, Giftspinnen. Es ist halb sieben Uhr morgens. Ich hatte einen Aufwachspaziergang vorgeschlagen, noch vor dem Frühstück. Vielleicht kann Wildnis ja Einladung sein, einmal alles anders zu machen, hatte ich gedacht. Es wird so viel Gewese ums Einschlafen gemacht – Gutenachtgeschichte, Lieblingskissen, die Tür halb offen lassen. Warum nicht mal ein Aufwachritual? Die Morgensonne sticht schräg durchs Buchenblätterdach, zeichnet helle Flecken ins Gelände, als ob jemand irgendwo eine Discokugel in die Baumkrone gehängt hat. Die Erde dampft. Es riecht nach verdünntem Saunaaufguss. Selbst Straußgräser haben Tautropfen in den Rispen gesammelt. Wo immer man hintritt, knackt es: unter uns natürlich, aber auch neben und über uns. "Der ist so voll hier, der Wald", sagt Lorenzo. Quer im Dickicht liegen Buchenstämme, alt und müde. Vielleicht wollten sie sich nur ein wenig anlehnen. Mal kurz ausruhen, Kumpel, gleich stell ich mich wieder hin. Und dann war es einfach zu gemütlich. Manche haben sich auch ganz auf den Boden gelegt, ins weiche Laub, und mit Moos zugedeckt.

Gionatan bohrt seinen Finger in einen fassdicken Stamm und ist im Nu bis zum Ellenbogen im Totholz. Elena bricht ein Stück heraus. Rostbraun, grobfaserig, nicht größer als ein Hühnerei. Als sie die Faust zusammendrückt, tropft so viel Wasser heraus wie aus einem vollgesogenen Spülschwamm. Auf einem anderen alten Stamm am Boden wachsen drei junge Fichten. Ihre Wurzeln greifen vielfingrig in das morsche Holz. Der Alte bietet den Jungen Wasser und Nährstoffe. So lange, bis die Wurzeln der Jungen hinunter zum Boden wachsen und sie selber stehen können. Jahrzehnte später werden Pilze, Insekten und Bakterien den alten Baum dann vollständig zersetzt haben. Wo er war, ist nichts mehr. Wie Tentakeln greifen die Wurzeln der Jungen durch die Luft in den Boden; Stelzenbäume nennt man sie dann. Sie sehen aus, als ob sie jeden Moment davonlaufen würden.

Camilla will, dass ich mein Gesicht neben ihres halte: ob ich auch die Hexe sehe, samt Warze auf der Nase, dort. Sie deutet auf eine Wurzelformation. Und da, ein Krokodil im Profil, die Aststümpfe könnten die Zacken auf dem Schwanz sein, die Moosbüschel Schlingpflanzen. Gianna entdeckt ein Herz im Wurzeldurcheinander, Lorenzo einen Schienbeinschoner, so groß wie er selbst, darüber ein abgewinkeltes Knie. Meine Frau Viola meint, sie fühle sich beobachtet. Als ob die Dinge sich bewegten, sobald man ihnen den Rücken zukehrt. Hexe, Krokodil, dazu die ganzen Stelzenbäume. Gäbe es keine Märchen, hier müsste man sie erfinden.