Dieser Schnitt bleibt unvergessen: 13. Juli 2014, Rio de Janeiro, Weltmeisterschaftsendspiel, 109. Minute: Mit einem Ellbogencheck verletzt der Argentinier Sergio Agüero den deutschen Mittelfeldspieler Bastian Schweinsteiger. Blut fließt, Hans-Wilhelm Müller-Wohlfahrt, der "Doc", kommt. Am Rand des Spielfelds, abgeschirmt von Sanitätern, wird die klaffende Wunde unter Schweinis rechtem Auge "rasch genäht", wie der Kommentator mitteilt – und zwar wie üblich ohne Betäubung. Millionen Fernsehzuschauer sehen nichts als die zappelnden Beine des verletzten Spielers.

Unwillkürlich steht einem diese Szene vor Augen, wenn man Cornelius Völkers Hautnah-Studie Wunde sieht. Der Düsseldorfer Künstler (Jahrgang 1965) mit Professur in Münster ist bekannt für farbintensive Darstellungen flüchtigster Momente mit breitem Pinselstrich; ein Abwasserstrudel im Becken, ein leeres Blatt Papier, Pfützchen von zermatschten Früchten, hingeworfene Kleidung, eine überfahrene Taube als Federknäuel ... Man könnte von einer Aversion gegen alles Dauerhafte, Festgelegte, Statische sprechen. Dem flüchtigen Motiv steht aber seine präzise, ja beinahe liebevolle Darstellung entgegen. So auch bei dieser Wunde. Die klaffende Haut, das Nahtmaterial, fünf Stiche sowie die gereizte Umgebung der Verletzung werden wiedergegeben, als gehe es um Werbung für Notfallmedizin.

Bis zum 7. September zeigt das Kunstmuseum im dänischen Esbjerg vierzig zum Teil neue Arbeiten von Völker unter dem beiläufigen Titel just the way it is. Dabei könnte Völkers Motiv auch als Hinweis darauf gelesen werden, dass Verletzungen mitunter lebenslang nachwirken, obwohl sie äußerlich längst abgeheilt sind. Eine solche Nachwirkung können wir dieser Wunde umstandslos bescheinigen.

(Das Bild, Öl auf Leinwand, 35 mal 40 Zentimeter, kann man für 6300 Euro über Edition Copenhagen beziehen: info@editioncopenhagen.com)