Eine dicke Katze räkelt sich besoffen auf einer Decke. Das Tier streckt seine Pfoten in die Höhe, neben ihm liegt eine leere Bierflasche. "Sonntags wieder mal verkatert?" steht über dem Bild. "Mach Briefwahl und schlaf aus." So kann das enden, wenn Politiker versuchen, einen jugendlichen Eindruck zu machen. Oder Eindruck auf Jugendliche.

Das Motiv mit der alkoholisierten Mieze findet sich auf Postkarten, die Brandenburgs SPD in diesen Wochen verteilt. Sie will damit um junge Wähler buhlen. Denn an der Landtagswahl am 14. September dürfen zum ersten Mal auch 16- und 17-Jährige teilnehmen. Das gab es in Deutschland erst ein einziges Mal – 2011 in Bremen. Aber noch nie in einem Flächenland.

Die Jugendlichen sind eine kleine, aber entscheidende Wählergruppe. Sie machen in Brandenburg zwar nur sechs Prozent der Wählerschaft aus, werden aber außergewöhnlich wichtig genommen. Denn sie gelten als "politische Trendsetter". Diesen Begriff hat Klaus Hurrelmann geprägt, Jugendforscher an der Hertie School of Governance in Berlin. "So wie die Jugendlichen heute abstimmen, so stimmen in einigen Jahren mit hoher Wahrscheinlichkeit auch die Erwachsenen ab", sagt Hurrelmann. "Die jungen Leute nehmen häufig ein Gefühl vorweg, das dann mehr und mehr in die gesamte Bevölkerung schwappt." So habe sich der schnelle Aufstieg – und später auch der Fall – der Piraten vor Jahren in Jugendstudien angedeutet, ebenso die Stärke der Merkel-CDU. Erstwähler sind so etwas wie Seismografen für den politischen Zeitgeist.

Also versuchen viele Brandenburger Parteien, ihnen zu imponieren. Die einen mit kuriosen Kampagnen, die anderen mit betonter Seriosität – aus Angst davor, anbiedernd und peinlich zu wirken. Und davor, die Älteren zu verprellen: Schließlich ist ausgerechnet in Brandenburg die Bevölkerung im Durchschnitt so alt wie fast nirgendwo sonst in der Republik. 2,1 Millionen Wahlberechtigte gibt es hier, darunter etwa 120 000 Erstwähler; 37 500 von ihnen jünger als 18 Jahre. Von denen zu profitieren, darauf hofften vor allem die Regierungsparteien SPD und Linke, als sie vor drei Jahren das Wahlrecht änderten. Auch die Union vermutete, dass die Reform eher dem linken Lager nützen würde – und bekämpfte sie. Inzwischen legen Umfragen nahe, dass diese Furcht gar nicht begründet war. Dass auch die Union gute Chancen bei Jungwählern hat. Und dass diese viel besonnener entscheiden, als es ihnen mitunter nachgesagt wird.

"Bei den Jungen kommen die knallharten politischen Themen gut an", sagt Forscher Hurrelmann. "Sie interessieren sich zum Beispiel für Umweltthemen und für Wirtschaftspolitik. Sie wollen auch wissen, wie es mit den Braunkohle-Tagebauen weitergeht." Von Politikern wünschen sie sich Ernsthaftigkeit, keine Experimente. Selbst das Jugendwahlrecht beurteilen viele von ihnen kritisch; eine knappe Mehrheit ist dagegen. "Die Jungen haben Bedenken, nicht gut genug auf die Wahl vorbereitet zu sein", sagt Hurrelmann.

Die SPD hingegen hat offenbar Bedenken, dass es die Erstwähler nicht pünktlich in die Wahlkabine schaffen. Deshalb wirbt die Partei nun speziell für die Briefwahl, deshalb auch die Postkarte mit der Katze. Es gibt zu diesem Thema noch ein weiteres Postkartenmotiv. Das zeigt einen Hund, der auf einer Decke liegt, weil er sonntags "immer hundemüde" sei.

Man kann darüber mit Erik Stohn reden, dem Juso-Vorsitzenden in Brandenburg. Er sagt: Die Karten sollten "ein bisschen lustig daherkommen". Er findet: "Das kann man schon mal machen." Nach der Bundestagswahl im letzten Jahr sei er von Erstwählern angesprochen worden, die die Abstimmung tatsächlich verschlafen hätten. "Die dachten, das Wahllokal habe so lange geöffnet wie ein Supermarkt", sagt Stohn.

Der Erstwähler, wie ihn Brandenburgs SPD offenbar sieht, ist ein lustiger Schluffi, ein Faulenzer. Und so will die Partei ihre Wahlkämpfer vor allem dorthin schicken, wo man Faulenzer vermutet: an Badeseen, vor Freibäder, auf Festivals. Erstmals gibt die SPD ein Jugendmagazin heraus; sie übernimmt zudem aus Mecklenburg-Vorpommern die satirische "Storch Heinar"-Kampagne gegen Neonazis. Juso-Chef Stohn hält es trotzdem für einen Fehler, wenn Politiker versuchen, sich cool zu geben. "Sich aufs Skateboard zu stellen wäre keine so gute Idee", sagt er, "die Jungen erwarten gar nicht, dass ein 50-jähriger Kumpeltyp im Kapuzenpulli am Parteienstand rumhängt."

Anja Heinrich, 43, Generalsekretärin der CDU Brandenburgs, hat selbst zwei Erstwähler im Haus, ihre Kinder sind 17 und 19 Jahre alt. Auf Wahlkampf speziell für Jugendliche verzichtet sie aber. Der junge Wähler gebe nicht dem Lautesten, sondern dem Klügsten seine Stimme – so lautet Heinrichs Kalkül. Tatsächlich kommt die CDU bei den Jüngeren offenbar besonders gut an. Kurz vor der Europawahl wurde in Brandenburg eine sogenannte U-18-Testwahl organisiert. Kinder und Jugendliche durften ihre Stimme abgeben, 2800 machten mit. Wahlgewinnerin war die CDU – mit 24,4 Prozent. Die SPD erreichte 16,4, die Linke 10,9 Prozent. Repräsentativ war die Testwahl nicht, aber sie zeigte: Da wächst eine Generation heran, die offensichtlich anders tickt als die ihrer Eltern; konservativer.

Die Gegner der CDU erklären sich das mit der Beliebtheit der Kanzlerin. "Das ist der Merkel- Faktor", sagt Julian Zurek, Landesgeschäftsführer von Brandenburgs Grünen. Seine Partei hat sich vor dem Wahlkampf so intensiv mit Jugendlichen auseinandergesetzt wie kaum eine andere: Sie organisierte Diskussionsrunden mit Jungwählern, die Teilnehmer wurden vorab von Meinungsforschern repräsentativ ausgewählt. Das Ergebnis: Die Jungen wünschen sich mehr Umweltschutz. Die Grünen sollten zu ihren Wurzeln zurückkehren.

Nun gehen sie auf "Tierschutztour". Sie fahren in einem Wahlkampfbus von Schule zu Schule. Den Bus parken sie jeweils vor dem Hof, dann stellen sie ihr Plakat auf, das ein Schwein zeigt: "Lass die Sau raus". Sie sammeln Unterschriften gegen Massentierhaltung. Die Schüler stünden dafür Schlange, sagt Zurek.

Dass Politiker sogar in die Klassenzimmer gehen, um mit Jugendlichen zu diskutieren, war in Brandenburg bislang kurz vor Wahlen verboten. Nun ist auch das erlaubt. Jugendforscher Hurrelmann freut es: In den Schulen entscheide sich, wie viele junge Leute später tatsächlich ihre Stimme abgäben. In Bremen hätten 2011 viele Lehrer ihre Klassen ganz ausführlich auf den Wahltag vorbereitet. Die Abstimmung in dem Stadtstaat ist kompliziert, jeder Bürger hat fünf Stimmen. Viele hätten ihre Wahlzettel aus Versehen ungültig gemacht, sagt Hurrelmann. Am geringsten sei die Fehlerquote aber unter den Erstwählern gewesen.