Als einer der Pilger nach Salzburg, wo die Festspiele Die letzten Tage der Menschheit von Karl Kraus aufführen, lese ich im Zug das nützliche Lexikon zu diesem Weltkriegsdrama, verfasst von Agnes Pistorius. Es heißt kolossal montiert und erklärt unter anderem ein paar Wörter der Umgangssprache, die im Norden weniger bekannt sind, zum Beispiel: "Schaß: nichts (wienerisch)."

Kraus hat also das scharfe S bemüht, heute schreibt man "Schas". Ich glaube nicht, dass Agnes Pistorius nicht weiß, was ein Schas ist. Sie zitiert ihn bloß im übertragenen Sinn. Aber bevor er für "nichts" stehen kann, ist der Schas eine "abgehende Darmblähung". Diese Definition entnehme ich dem zuständigen Werk Das unanständige Lexikon.

Die Wiener Fantasien, den Schas betreffend, sind beeindruckend. Das kann auch nicht anders sein, "denn", wie Qualtinger sang, "es gibt nichts so Resches, so Gemütliches, Fesches wie den goldenen Weana Schas". Sehr schön ist das Idiom "sich einen Schas eintreten". Es besagt, dass man bei einem Unterfangen Misserfolg hatte. Da ich ein gescheiterter Schauspieler bin, mir also auf der Bühne einen Schas eintrat, kenne ich natürlich die Losung der Bühnenkünstler: "Der Schas ist der beste Komiker!" Das ist eine Regieanweisung, die das niedrige Niveau unseres Publikums in Rechnung stellt: Als Bühnenkünstler brauchst du nur "Schas" zu sagen, und schon erwachen die Leute belustigt aus ihrer Lethargie.

Durch häufiges Verwenden, so lerne ich aus dem Lexikon, verlieren die ordinären Wörter ihre skandalisierende Kraft. Das nennt man "semantische Sättigung". Nein, das Unanständige Lexikon beschränkt sich nicht auf die anale Sphäre. Der Schas ist in der Minderheit, er ist im Analen ja auch nicht alles. Es gilt aber, was Ernest Bornemann in seinem Lexikon Sex im Volksmund. Der obszöne Wortschatz der Deutschen festgestellt hat, "dass das sexuelle Denken des deutschen Volkes in höherem Maße anal orientiert ist als das irgendeines unserer Nachbarvölker".

Für die "semantische Sättigung" ist ein Lexikon der Tabuwörter, der Wörter, die für unanständig gehalten werden, selber ein Indiz. Ein anständiges Lexikon wird erst draus, wenn die Hochzeit der Wörter mehr oder weniger vorbei ist. Es herrscht ja eine Differenz zwischen dem gründlichen Archivieren und dem freudigen Gebrauch. Schon Bornemann hatte darauf hingewiesen, dass im Obszönen eine lehrreiche Einfallskraft am Werk ist. Das Unanständige Lexikon bewahrt etwas von diesem Schöpfertum, indem es lexikalische Aufzählung durch erhellende Geschichten ergänzt. Die FAZ interviewte einst Helmut Berger. Er sprach von "Winterkirschen" und davon, dass man aus ihnen kein Kompott machen könne. Winterkirschen nennt man den Klumpen Kot, der in den Haaren am Anus klebt. Gut zu wissen!