Drei Minuten entscheiden über Christine Haderthauers Zukunft. Drei Minuten, in denen sie redet, wo sie besser hätte schweigen sollen.

Am Dienstag vergangener Woche steht sie in Nürnberg vor den Fernsehkameras, im Hintergrund plaudern ihre Kabinettskollegen. Zuerst versucht sie, die Sache kleinzureden. "Die Empörungswelle und Skandalhysterie der letzten Wochen werden nach und nach in sich zusammenbrechen", sagt sie. Dann versucht sie, die Sache schönzureden: Ihre Geschäfte seien nicht schmutzig gewesen. Sie seien ein "von Idealismus getragenes Engagement finanzieller Art".

Das Engagement, von dem Haderthauer spricht, sieht so aus: Mit ihrem Mann Hubert Haderthauer, einem Psychiater, hatte die CSU-Politikerin eine Firma. Die Firma verkaufte Modellautos, die von psychisch kranken Straftätern gebaut wurden. Die Straftäter bekamen einen Lohn von nicht einmal zwei Euro pro Stunde. Die Firma erzielte hohe Gewinne. Gewinne, die Christine Haderthauer und ihr Mann offenbar nicht ordnungsgemäß versteuert haben. Seit Ende Juli ermittelt die Staatsanwaltschaft München II wegen Betrugs und Steuerhinterziehung.

Lange hat sich kaum jemand in Bayern für die Sache mit den Modellautos interessiert. Auch nicht, als Journalisten und Oppositionspolitiker im vergangenen Jahr Details über Haderthauers dubiose Geschäfte ans Licht brachten. Es blieb ruhig um die CSU-Politikerin. Sie machte Karriere. Im Oktober 2013 wurde sie Leiterin der Staatskanzlei. Wähler und Parteikollegen fragten nicht weiter nach. Ja mei, passt scho’.

Doch seit Haderthauer sich vor den Kameras als Gutmensch inszenierte, ist alles anders. Haderthauer hat die Affäre mit ihrem Drei-Minuten-Statement erst richtig entfacht. Normalerweise mauern Politiker, die in einen Skandal verwickelt sind. Stehen die Vorwürfe lange genug unbewiesen im Raum oder sind sie sehr kompliziert, verliert die Öffentlichkeit irgendwann das Interesse. Diese Regel des Politikbetriebs hätte Haderthauer befolgen können. Stattdessen bietet sie ihren Kritikern noch mehr Angriffsfläche. Vor laufenden Kameras redet sie von "Idealismus". Und lädt die Öffentlichkeit ein, sich die Sache einmal genauer anzuschauen.

Die Geschichte um Christine Haderthauer und die Modellautos beginnt in den späten 1980er Jahren. Haderthauers Mann Hubert, damals Psychiater in der forensischen Abteilung im Bezirksklinikum Ansbach, stößt in seiner Klinik auf die handwerkliche Begabung eines psychisch kranken Dreifachmörders. Der hat drei Männer getötet, ihnen den Penis abgeschnitten. Und er ist feinmotorisch sehr begabt. Aus Tausenden Einzelteilen baut der gelernte Bauschlosser in der Klinik detailgenaue Oldtimer-Miniaturen.

Die Haderthauers beschließen, aus der Begabung des Patienten ein Geschäft zu machen. Sie steigen bei der Firma Sapor Modelltechnik ein und lassen die Autos von Straftätern bauen, im Rahmen einer Arbeitstherapie. Christine Haderthauer, damals junge Juristin, wird eine von drei geschäftsführenden Gesellschaftern.

Zwischen 1.700 und 3.700 Euro pro Modellauto zahlen die Haderthauers, um Materialkosten und die Mini-Löhne zu begleichen. Die Autos verkaufen sie für ein Zigfaches weiter. Im renommierten Auktionshaus Christie’s geht 2007 ein Mercedes-Modell für umgerechnet rund 26 400 Euro über den Tisch, im Jahr darauf ein Rolls-Royce für 17 625 Euro. Als Konstrukteur nennt das Auktionshaus nicht die psychisch kranken Straftäter, sondern bis heute den Arzt Hubert Haderthauer: "Als Modellbauer kombiniert er die Kunst des Bildhauers mit den technischen Fähigkeiten eines Ingenieurs", heißt es auf der Internetseite von Christie’s. Bis in die USA verkauften die Haderthauers die Modelle.

Dass sie damit so viel Geld eingenommen haben wie berichtet, bestreitet Christine Haderthauer. In einem Interview mit dem Donaukurier behauptet sie, dass die hohen Preise nicht von ihrem Mann erzielt wurden. Sondern von Sammlern, die die Modelle an andere Liebhaber weiterverkauften.

Psychisch kranke Straftäter zu beschäftigen ist an sich nichts Ungewöhnliches. In mehr als einem Dutzend Maßregelvollzügen in Bayern arbeiten Insassen für ein sogenanntes Therapiegeld von 1,25 bis 1,65 Euro pro Stunde. Das Modell sei weder anrüchig noch fragwürdig, schrieb Christine Haderthauer kürzlich auf ihrer Facebook-Seite, sondern ein "Beitrag privater Unternehmer zu Resozialisierung und Schaffung moderner Angebote".