Vadim Bekichev dreht am Gas, tritt den Kickstarter, zieht die Kupplung. Erster Gang. Zieht die Kupplung. Zweiter Gang. Da brüllt der Roller, da knattert er. Fast täglich rumpelt Bekichev, ein 32 Jahre alter Anwalt, auf seinem Moped durch Hamburg. Er ist ein schmaler Mann, er trägt einen schwarzen Trenchcoat und eine eng geschnittene Hose. Er legt Wert auf sein Äußeres.

Sein Roller, das ist eine Schwalbe, jahrzehntealt, gebaut noch in der DDR. Das Modell der Marke Simson wird längst nicht mehr produziert, aber viele wollen es haben. Denn die Schwalbe, dieses Ost-Relikt, fährt noch. Ist zu Tausenden in den Städten unterwegs, in Berlin, Frankfurt am Main, Köln. Sie wird, immer öfter, von jungen Großstadt-Hipstern genutzt. Manche bezahlen für das Fahrzeug bis zu 2000 Euro. Das ist mehr, als mancher nagelneuer Roller kosten würde.

Dabei sah es nach dem Mauerfall so aus, als sei die Schwalbe über kurz oder lang ein Fall für den Schrottplatz. Als stünde ihr dasselbe Schicksal bevor wie dem Trabi oder dem Wartburg – den Auto-Erfindungen der DDR. Diese sind allenfalls noch ein Fall für Fanklubs oder Museen.

Dass es mit der Schwalbe anders ist, hat mehrere Gründe. Es liege natürlich am Design, sagt Vadim Bekichev, der Hamburger Anwalt. Aber das reicht als Erklärung nicht aus. Es liegt auch daran, dass dieser Roller schneller fährt als alle anderen. Und dass er ein Lebensgefühl trifft.

Als Vadim Bekichev die Schwalbe vor vier Jahren ersteigerte, da war das Modell im Westen noch ein Geheimtipp. So etwas hatte er zuvor noch nicht gesehen. Bekichev wusste nicht einmal, dass es sich dabei um eine DDR-Erfindung handelte. Es hätte auch keine Rolle gespielt, sagt er. Seine Schwalbe war rosa lackiert, ein bisschen rostig, mit einigen Macken. Aber Bekichev musste nur den Vergaser reinigen, schon war sie fahrtüchtig.

Nun bringt ihn der Roller zu Mandanten oder in die Kanzlei. Und zwar flugs. "Schneller zieht keiner an", sagt Bekichev. Normalerweise fahren Roller nicht mehr als 45 Kilometer pro Stunde. So schreibt es das Gesetz vor, für alle höheren Geschwindigkeiten ist ein Motorradführerschein erforderlich. Die Schwalbe aber kann auf bis zu 60 Stundenkilometer beschleunigt werden. Und das ist dem Einigungsvertrag zu verdanken: Darin wurde festgelegt, dass alte DDR-Motorroller mit jener Höchstgeschwindigkeit fahren dürfen, die noch in der DDR galt.

Vielleicht dachte man damals, dass sich die Ausnahmeregelung innerhalb weniger Jahre erledigt haben würde. Weit gefehlt.

Ein Mann kann besonders gut erklären, woran das liegt: der Ingenieur Erhard Werner, 81, aus Suhl. Er ist der Mann, der die Schwalbe mit erfunden hat, vor 50 Jahren. Werner war Chefkonstrukteur im VEB Fahrzeug- und Jagdwaffenwerk Simson, Suhl. Dort, im Thüringer Wald, wurden die Motorroller produziert. Simson legte damals eine sogenannte Vogelserie auf, mit Modellen wie Spatz, Sperber, Habicht. Und Schwalbe. "Wir hätten nie gedacht, dass die so lange gefahren würde. Nie im Leben", sagt Werner. Inzwischen sehe er den Roller manchmal sogar im Urlaub in der Schweiz oder in Österreich. "Dann weiß ich, dass er lebt und noch lange leben wird." Dann sei er glücklich.