TransFair-Chef Overath rechtfertigt die Branchenpraxis. Die meisten Fairtrade-Produkte überträfen die Mindestvorgaben ohnehin, sagt er. Allerdings ließe sich auf dem Weltmarkt gar nicht ausreichend viel faire Ware auftreiben. Alles in allem sei die 20-Prozent-Regel deshalb sinnvoll: "Das gibt uns die Chance, insgesamt mehr Produkte mit fairen Zutaten auf den Markt zu bringen, was die Absatzchancen insgesamt erhöht."

Geringer Anteil gleich mehr Absatz gleich mehr Fairness, das ist Overaths Rechnung. Doch zur Wahrheit gehört auch, dass Fairtrade Deutschland bis vor wenigen Jahren noch deutlich strenger mit sich selbst war. Bis 2011 war eine Mindestquote von 50 Prozent Fairness vorgeschrieben, bevor das begehrte Siegel auf die Verpackung durfte. Auf Drängen von Fairtrade-Organisationen anderer Länder glich der deutsche Ableger seine Standards international an: nach unten. Optischer Effekt: Auf einmal standen weitaus mehr als fair ausgezeichnete Produkte in den Regalen der Supermärkte als vorher.

Die von kirchlichen Gesellschaftern getragene Gepa hält das für einen Schritt in die falsche Richtung. "Wenn ein als fair bezeichnetes Produkt bloß zu einem Fünftel aus fairen Zutaten besteht, finden wir das bedenklich", sagt Sprecherin Barbara Schimmelpfennig. "Unser Ansatz ist ganz klar: am besten komplett fair, und wo das nicht geht, so viel faire Zutaten wie irgend möglich." Jüngsten Geschäftsdaten zufolge bestehen die Mischprodukte von Gepa derzeit zu 40 bis 100 Prozent aus fairen Zutaten.

Immerhin ist der faire Anteil bei Produkten von Gepa oder solchen mit dem Fairtrade- und Naturland-Fair-Zeichen auf der Packung angegeben. In der Regel irgendwo im Kleingedruckten. So ist es auch bei der Rainforest Alliance, deren grüner Frosch schon bei einer Mindestquote von 30 Prozent zertifiziertem Anteil auf die Packung hüpft. Bei Utz hängen die Mindestquoten vom jeweiligen Rohstoff ab und sind bei Tee geringer als bei Kaffee oder Kakao (siehe Grafik). Außerdem wird bei Utz viel gerechnet, weil in den Fabriken "oft zertifizierter und nicht zertifizierter Kakao zusammen verarbeitet" werde und nicht mehr zu trennen sei, wie Utz-Direktorin Britta Wyss Bisang sagt. Also kann ein Schokoriegel mit Utz-Zeichen gar keinen zertifizierten Kakao enthalten. Und ein anderer Riegel zwar den Kakao – aber ohne dass ihn ein Siegel ziert.

Wer das noch auseinanderhalten soll? Gute Frage. Die Details auf der Packung zu erklären ist jedenfalls keine gute Lösung. Genau deswegen werden Lebensmittelkonzerne ja seit Jahren kritisiert: Weil sie auf der Vorderseite ihrer Verpackungen eine heile Welt leckerster Genüsse verheißen, relevante Nährwertinformationen aber verklausuliert ins Kleingedruckte auf die Rückseite verbannen. Jetzt stecken die fairen Firmen mit ihren Zeichen und Konzepten in einem ähnlichen Dilemma.

Und so ist moralischer Konsum anhand von Fairness-Plaketten heute fast so umständlich wie die jährliche Steuererklärung. Als die Zeitschrift Ökotest sich vor zwei Jahren einmal mit dem Problem befasste und die moralische Komponente von Kaffee, Schokolade, Wein und anderen Warengruppen untersuchte, wurde das deutlich. Fairtrade, Naturland Fair und Gepa schnitten vergleichsweise gut ab. Rainforest Alliance, Utz und einige andere kamen oft als "überwiegend unfair" weg – und wehrten sich, sie hätten den Begriff des "fairen Handels" ja überhaupt nicht für sich in Anspruch genommen. Was letztlich Wortklauberei ist. Schließlich geht es ja vor allem darum, wie etwas vom Kunden wahrgenommen wird.

Die triste Diagnose vom Fairness-Chaos im Supermarkt teilt die faire Szene natürlich nicht. Sie sieht aber ein, dass sich etwas ändern muss. Ein Vorbild gibt es ja schon: Das gesetzliche Biosiegel, das klar vorschreibt, wann "biologisch" oder "ökologisch" auf der Packung stehen darf. "Das Biosiegel setzt Mindeststandards, über die jeder hinausgehen kann", sagt TransFair-Chef Overath. "Die Politik sollte auch beim fairen Handel entsprechende anspruchsvolle Rahmenbedingungen setzen und das nicht allein der Wirtschaft überlassen. Ich würde mich freuen, wenn das Entwicklungsministerium eine entsprechende Initiative ergreifen würde."

Im Haus von Entwicklungsminister Gerd Müller (CSU) ist man zurückhaltend. Zwar könne das Vorbild Biosiegel "sicherlich mehr Klarheit und Orientierung bieten", sagt ein Sprecher. "Eventuell könnte durch eine gesetzliche Definition auch die Zunahme sogenannter Greenwashing-Systeme angegangen werden" – also schwarze Schafe besser bekämpft werden, die ihr schmutziges Treiben durch fragwürdiges Fairness-Marketing reinwaschen wollen. Allerdings sei es auch deutlich einfacher, Regeln für ökologischen Landbau zu entwickeln als soziale Standards, die für die Herstellung unterschiedlichster Produktgruppen in unterschiedlichsten Ländern gleichermaßen gelten müssten.

Nichts Genaues weiß man nicht, soll das wohl heißen. Und solange das so schwierig scheint, bleibt alles, wie es ist.

Dabei könnte der Gesetzgeber ja mal anfangen, Fairness zu definieren. Mit einer Antwort auf die Frage, ob kleine Betriebe besser sind als große zum Beispiel. Und mit einer Höchstgrenze für Beimischungen. Unternehmer Hammerstein würde sich darüber freuen. "Meiner Meinung nach muss ein faires Produkt ganz überwiegend oder sogar vollständig aus fairen Zutaten bestehen und nicht nur zum kleinen Teil", sagt er. "Notfalls muss man die Kriterien für faire Produkte juristisch belastbar festschreiben. Aber es wäre schon viel gewonnen, wenn wir die erlaubten Beimischungen eindämmen."

Jeder Schritt in diese Richtung wäre eine Verbesserung. Schließlich kann sich derzeit fast jeder selbst zum Weltretter erklären. Und solange das so bleibt, werden wohl auch noch viele Märchen erzählt: von glücklichen Bauern, die in Afrika, Asien oder Südamerika über ihre Felder stapfen.

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