Als gäbe es nicht genug Zwietracht und Unbill in der Welt, lästern liebe Mitmenschen schon wieder über das öffentlich-rechtliche Fernsehen. Gerade eben hat sich ein unbekannter Meckerkönig im Internet mit der Einlassung zu Wort gemeldet, es sei eine Schande für die Demokratie, dass der ZDF-Zuschauer keinen Einfluss auf das Nachrichtenprogramm habe. "Lautes Rasenmähen am Wochenende ist verboten. Aber Schreckensmeldungen aus dem wilden Kurdistan sind erlaubt. Beides stört meine Sonntagsruhe. Ich will Mitbestimmung!" Nicht einmal bei der Auswahl der Moderatoren dürfe er mitreden und Deutschlands Beste aussuchen. Sehr giftig fügt der Schreiber hinzu: "Warum vermittelt eine Sprecherin, die ein ZDF-Spezial moderiert, den Eindruck, sie sei gerade beim Intensivstudium eines Premium-Möbelkatalogs unterbrochen und von einer persönlich weitreichenden Entscheidung abgehalten worden: ›Bestelle ich das weiße Designer-Sideboard für meine hochwertige Mansardenwohnung am Lerchenberg lieber mit klassisch glänzendem Klavierlack oder doch lieber im bewährten Edelmatt?‹ "

Lieber Meckerkönig, es ist schwer, in einem einzigen Satz so viel Unfug unterzubringen. ZDF-Journalisten wohnen nicht am Lerchenberg, da ist nur ihre Anstalt; sie wohnen im malerischen Mainz-Gonsenheim, einem touristisch kaum erschlossenen Gebiet, das jedes handelsübliche Navi unfallfrei und ohne größere Klagen ausfindig macht. Ganz und gar töricht ist auch die Forderung, das Publikum solle in einem fairen Ranking-Verfahren über die Auswahl der ZDF-Nachrichten demokratisch mitbestimmen. Es ist nämlich gar nicht so einfach, darüber zu entscheiden, was in unserer Welt gerade passiert und was nicht. Für solche Entscheidungen bedarf es Fingerspitzengefühls, auch viel historischer Bildung.

Nehmen wir nur, ganz aktuell, die Einführung des biologisch abbaubaren Freistoß-Schaums in der Bundesliga. Ohne Frage eine heiße Top-News, an der keine Sendung vorbeikommt. Aber ist der Schaum wichtiger als die spektakuläre Meldung, dass Joachim Löw völlig unerwartet zum Trainer des Jahres gewählt wurde? Oder wichtiger als der furchtbare Currywurst-Kollaps, den der menschlich sehr nette Bänkelsänger Stefan Mross erlitten hat? Lieber Meckerkönig, es tut uns leid: Kein Merkeldeutscher kann solche Menschheitsfragen endgültig entscheiden, und so stößt hier unsere Fernsehdemokratie leider an ihr

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