Auch in der Stadt droht allenthalben der Verfall, und es gibt keine Gewissheiten mehr. Erst recht, wenn man zu Fuß unterwegs ist und sich unversehens Löcher im Bürgersteig auftun oder Platten fies nach oben ragen. Bei Tageslicht heißt das für den fitten Fußgänger nicht viel, schlimmstens riskiert er einen Schritt auf den Radweg, trotz Dauerklingelns und Wutgeschreis der Pedalisten. Unangenehmer wird es, wenn man zu sehr seinen Gedanken nachhängt oder zu konzentriert telefoniert und der Fuß an einer Stolperfalle hängen bleibt. Oder man auf einen "Fahrstuhl zum Schafott" tritt – eine Gehwegplatte, die bei Belastung jäh nach unten kippt, weshalb man instinktiv zur Seite hechtet. Vor den nächsten Radfahrer.

Wer Pech hat, bei dem spritzt bei Regen dann noch ein Wasserschwall unter der Fahrstuhlplatte hervor und nässt das Bein bis oben ein. Oder er patscht in eine Pfütze und kommt mit ruinierten Klamotten ins Büro gehumpelt, sich wutentbrannt fragend, wer dafür die Verantwortung trägt. Auch dafür, dass man, um sich nie mehr so der Lächerlichkeit preiszugeben, ab sofort nur noch mit Trekking-Stiefeln oder Gummigaloschen zur Arbeit geht, sich also wiederum der Lächerlichkeit preisgibt.

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Für die Fußwege sind meist die Bezirke zuständig. Für deren Zustand, je nachdem, mit wem man spricht, Verschleiß, der letzte strenge Winter, an den sich sonst ja keiner erinnern würde, Sturzregen, böse Ameisen oder die Wurzeln der Bäume am Straßenrand. "Wir wollen natürlich nicht, dass deswegen Bäume gefällt werden", sagt Karin Zickendraht von der Interessenvertretung der Fußgänger, Fuß e. V., "aber man müsste mehr Geld für die Instandhaltung der Wege aufwenden!" Wenigstens hängt das Aufspüren kaputter Platten nicht allein am traurigen Los von Passanten. In jedem Bezirk gibt es Wegwarte. Stufen die eine Stelle als gefährlich ein, wird repariert. Oder es wird zumindest abgesperrt, und die Fußgänger werden auf den Radweg umgeleitet, manchmal wochen- oder monatelang. Gibt es dann noch Fußgänger, wird doch repariert.

Am tückischsten sind die Lücken und Stolperplatten bei Dunkelheit, Schnee und Glatteis oder wenn man nicht mehr ganz zur Kategorie fitter Fußgänger zählt. Oder einfach nur nicht damit rechnet, dass allenthalben der Verfall droht und es tatsächlich keine Gewissheiten mehr gibt. Denn im Zweifel wäre die Stadt zwar schadensersatzpflichtig. Doch das Aufspüren von Schlaglöchern ist kein lohnendes Geschäftsmodell. Im Bezirk Mitte etwa haben 98 Prozent der Versuche, an Schadensersatz zu kommen, keine Chance.