Mamuna Masri hat sich Babyreinigungstücher besorgt, aus dem Carrefour-Supermarkt, mit Aloe-vera-Duft, die Packung hellgrün. Alle paar Minuten wischt sie sich die Hände sauber. Sofort sind sie wieder staubig, auch wenn Mamuna Masri gerade nicht gräbt. Eine Mr.-Bean-DVD hat sie im Schuttberg gefunden, der einmal ihr Haus war. Und einen roten Mädchenpullover.

Um sie herum steht nichts mehr. Beit Hanun war eine kleine Stadt, eine reine Wohngegend. Ganz im Norden des Gazastreifens lag sie, die letzte Stadt vor dem Checkpoint Eres, der nach Israel führt. Die israelische Stadt Sderot ist nur fünf Kilometer entfernt. Die meisten Menschen in Beit Hanun waren Bauern. Seit die Bomben fielen, ragen nur noch Balken aus dem meterhoch aufgetürmten Schutt. So muss die Apokalypse aussehen.

Mamuna Masri ist eine elegante Frau. Man sieht ihr nicht an, dass sie 54 Jahre alt ist und neun Kinder geboren hat. Ihre Bewegungen verrichtet sie mit einer Anmut, die zur Apokalypse nicht so recht passen will. Die Großfamilie Masri hatte das Leben in Beit Hanun geprägt, ein Dutzend Familienstämme mit 5.000 Menschen – jetzt leben 14 weniger. Ihre Heimat haben fast alle Familienmitglieder verloren.

Das Bild seiner weinenden Mutter in dem zerstörten Haus hat Heytham, Mamunas Sohn, zuerst in einer norwegischen Zeitung entdeckt. Wir erreichen ihn telefonisch in Berlin, wo er als Neurochirurg im Krankenhaus arbeitet. Seine Mutter, sagt er, habe er in seinem Leben nur selten weinen sehen, das letzte Mal, als ihr Bruder starb. Sie weine von tief drinnen, sagt der Sohn, es zerreiße ihm das Herz.

Heytham kam als Student nach Deutschland, jeden Monat schickte er den Eltern Geld. Das Haus, sagt er, sei der große Traum seiner Mutter gewesen, die ihre Kinder in einer Wellblechhütte großzog. Die Eltern hatten nie Geld, der Vater, ein Sozialist, kämpfte für die Rechte der Arbeiter.

Eine Woche vor der Operation zuk eitan, wie das israelische Militär den Krieg gegen Gaza nennt, war die neue Küche gekommen. Für 6.000 Dollar, weint die Mutter. Das ist doch albern, Mama, sagt der Sohn, wenn wir die Toten betrauert haben und uns noch Zeit bleibt, können wir um das Haus trauern.

In der Nacht vor dem Beschuss hat Heytham die Eltern angefleht zu gehen. Die Zerstörung der Nachbarstadt Beit Lahia drang durch die Leitung bis nach Berlin. Alle paar Sekunden hörte er die Eltern ein Stoßgebet murmeln. Bitte, geht, sagte der Sohn. Das israelische Militär hat uns doch angerufen, antwortete die Mutter, über Beit Hanun haben sie kein Wort gesagt. Flugblätter haben sie auch nicht abgeworfen. Mama, was für einen Sinn hat denn ein Flugblatt, sie schießen doch sowieso, sagt der Sohn, bitte, geht. Das UN-Flüchtlingslager erreichte die Familie nur Stunden vor dem Beschuss.

Keinen einzigen Hamas-Kämpfer habe sie auf der Straße gesehen, sagt die Mutter, aber da drüben, sie zeigt in die Ferne, diese Häuser gehören Hamas-Führern. Sie sind noch intakt. Keiner hier mag sie, sagt die Mutter. Wir sind ganz anders erzogen, sagt der Sohn. Hamas ist viel zu streng, sagt der Cousin.

Der Cousin wird an diesem Tag noch Vater. Seinem Sohn will er den Namen Harb geben. Das bedeutet: Krieg.

Hamas, sagt Heytham, ist nur so stark, weil Gaza besetzt ist. In der Armut wächst die Radikalität. In der Blockade haben die Menschen gelernt, wie man Tunnel baut, um sich unentdeckt unter Gaza bewegen zu können. Die ersten Tunnel, sagt er, sind einem über dem Kopf zusammengebrochen. Dann sind Unternehmen entstanden, spezialisiert auf den Bau von Tunneln. Es wurde Handel mit Ägypten getrieben, unter Tage. Alles sei über die Tunnel gekommen, sagt Heytham, sogar Windeln und Milch. Hamas nahm Steuern. Jedes Kind, sagt Heytham, habe den Eingang dieser Tunnel gekannt.

So ist unter Gaza eine zweite Welt entstanden. Drüben hat man große Angst vor den Tunneln, die nach Israel gebaut wurden. In den Tunneln, glaubt man, verstecken sich die Kämpfer, die Israel auslöschen möchten.

Ich habe Angst, sagt Heytham, dass man die einfache Lösung nicht sieht. So wie bei einer Matheaufgabe, in der man nicht mit dem Naheliegenden beginnt. Wir brauchen zwei Staaten, sofort.