Auf der Hauptstraße von Erbil nach Dohuk kann man sie sehen: In Panik haben Tausende Menschen ihr Zuhause verlassen, jetzt schieben sie sich auf Autos, Lastwagen, Pick-ups, Jeeps, Motorrädern, Einzylinder-Tuk-Tuks und Fahrrädern über die Fahrbahn. Viele laufen auch zu Fuß, ganz egal, Hauptsache, weit weg. Menschen, denen nichts geblieben ist außer einer Plastiktüte mit Papieren und Dokumenten, Fotos und vielleicht einem Teddybären für die Kinder. Die Sonne brennt unerträglich. Es herrschen Temperaturen zwischen 40 und 45 Grad.

Warum nehmen diese Menschen das auf sich? Der Schrecken hat einen Namen: "Islamischer Staat" (IS). Die Terrorgruppe rückt näher, um ihr "Kalifat" im Irak zu erweitern. Zuerst mussten die Christen in Mosul um ihr Leben fürchten, jetzt müssen es die Jesiden in Sinjar. Zuerst war IS in Syrien, jetzt erobert sie Gebiete im Irak. Kaum acht Wochen ist das Kalifat des IS-Führers Abu Bakr al-Baghdadi alt, und es weitet sein Territorium immer noch aus. Jetzt gerät sogar schon der Libanon unter Druck: Auch dort, im Grenzgebiet zu Syrien, lieferten sich IS-Kämpfer bereits heftige Gefechte mit der Armee, die schwach ist.

Die Welt sieht, wie sich ein dschihadistischer Staat etabliert, ohne Grenzen, dafür mit vielen Fronten. Sie erlebt mit IS einen neuartigen Terror, mit Kreuzigungen, Massenexekutionen und Vertreibungen von "Ungläubigen" und "Abweichlern". So werden alle bezeichnet, die nicht der von IS diktierten Auslegung des Islams Folge leisten, sich weigern zu konvertieren oder dem Kalifat und dessen selbst ernanntem Kalifen Al-Baghdadi zu huldigen.

Wie weit dieser Staat entwickelt ist, lässt sich am syrischen Raqqa beobachten, das als informelle Hauptstadt des Islamischen Staates gilt. Der New York Times ist es vor einigen Tagen gelungen, einen Reporter in die Stadt einzuschmuggeln. Der beschrieb ein Leben mit extremistischer Scharia-Gesetzgebung, niedrigeren Steuern und weniger Korruption als bisher, was so manche Bewohner mit erschöpfter Erleichterung quittieren. Lieber ein repressiver, aber berechenbarer Alltag als das Chaos der pausenlosen Bürgerkriegswirren. Es soll dort sogar eine Verbraucherschutzbehörde geben. Angeblich hat sie zwölf Mitarbeiter und ein medizinisches Expertenteam, sie inspiziert Restaurants und überwacht Schlachthöfe. IS installiert Gerichte, tauscht die Imame der Moscheen aus, übernimmt die Schulen und baut, wo immer möglich, eine Art Verwaltung auf.

Die Allmacht über Leben und Tod verbreitet Angst – und fasziniert

Gleichzeitig konfrontiert das Kalifat seine Zwangsbewohner immer wieder mit bestialischer Gewalt. So wurden in Raqqa unlängst die enthaupteten Leichen syrischer Armeesoldaten im Stadtzentrum zur Schau gestellt.

Auf der Straße von Tilkef nach Dohuk sind die Truppenbewegungen von IS nicht zu übersehen. "Das sind keine Menschen", urteilt Major Faisal Abdullah über die IS-Terroristen. Abdullah kommandiert eine kleine Kompanie von etwa 60 Kämpfern und kommt gerade vom Mossul-Damm zurück, wo er und seine Männer 15 Tage lang gegen die Terroristen gekämpft haben. Im Moment scheinen nur kurdische Peschmerga wie er den IS-Kämpfern im Irak standhalten zu können – aber nur mithilfe der amerikanischen Luftangriffe. Abdullah beobachtet die Dschihadisten durch das Fernglas. Acht Dschihadisten hätten er und seine Männer getötet, sagt der Peschmerga stolz. "Bei einem Toten haben wir einen saudi-arabischen Personalausweis gefunden." Die Gegner besäßen Waffen und moderne Ausrüstung, zurückgelassen von irakischen Soldaten, als IS ihre Blitzoffensive startete.

Die Allmacht über Leben und Tod verbreitet Angst – und fasziniert. Viele möchten jetzt beim Siegeszug mittun, der laut IS-Propaganda mal nach Mekka, mal nach Rom oder Jerusalem führen soll – was weniger konkrete Etappenziele sind als vielmehr Zeichen einer heilsgeschichtlichen Überhöhung.

Es geht also um mehr, als der Landkarte des Nahen Osten einen neuen Staatsnamen hinzuzufügen. Es geht um die Weltherrschaft. "Ihr werdet die Welt besitzen", beendete Al-Baghdadi eine Predigt. "Brüder in aller Welt warten auf eure Rettung und eure Brigaden." Junge Rekruten kommen zuhauf, angezogen von einer totalitären und unkomplizierten Ideologie; Al-Baghdadi hat einen allzeit zum Einsatz bereiten, anscheinend mitleidlosen Männerbund geschaffen. IS propagiert religiöse Homogenität und "Reinheit". Unter Aufbietung des Propheten Mohammed und mittelalterlicher Gelehrter erklären die Anführer ihren Kämpfern, dass schiitische Moscheen, christliche Kirchen und alle Schreine anderer Minderheiten unbedingt zerstört werden müssen, um zu verhindern, "dass irgendetwas die Gläubigen vom Monotheismus abbringt". Die Erde müsse "gereinigt" werden. "Die Welt wurde heute in zwei Lager geteilt, ein drittes gibt es nicht: das Lager des Islams und das Lager von Unglauben und Heuchelei."