Zaunkönige gehören zu den kleinsten Vögeln Europas; nur Sommer- und Wintergoldhähnchen sind noch kleiner. Aber über welche Größenordnung reden wir hier überhaupt? Der Zaunkönig kommt auf eine Länge von neun bis elf Zentimetern bei sieben bis elf Gramm Körpergewicht, das Wintergoldhähnchen auf neun Zentimeter bei vier bis sieben Gramm. Das sind Meisterstücke der Miniaturbauweise, die selbst von den amerikanischen Kolibris selten übertroffen werden – von der zu Recht so genannten Bienenelfe gewiss, aber nicht vom Riesenkolibri mit seinen fetten fünfundzwanzig Zentimetern Körperlänge. Europa muss sich also, wenigstens was die Zaunkönige anlangt, nicht vor der transatlantischen Konkurrenz verstecken.

Im Übrigen ist das stille Wegducken auch nicht Sache des Vogels, den man zwar selten sieht, aber umso deutlicher hört. Ein selbstbewusstes Zaunkönigmännchen bringt es locker auf neunzig Dezibel mit seinem Gesang und kommt damit einem voll aufgedrehten Ghettoblaster schon ziemlich nahe. In der Antike galt der kleine Schreihals deshalb geradezu als Allegorie für den Zusammenhang von Kleinheit und Frechheit.

In der berühmten Fabel von Äsop, in der es darum geht, den König der Vögel anhand seiner Flughöhe zu ermitteln, versteckt sich der Piepmatz im Gefieder eines Adlers, und just als dieser von seinem Rekordflug zurückzukehren beginnt, steigt das listige Biest noch einmal ein paar Meter höher. Der ganze Wettbewerb wird daraufhin, wegen Verstoßes gegen die Statuten, abgebrochen und der Zaunkönig zur Strafe in ein Mauseloch gesperrt. Selbstredend kann er sich auch aus dieser Situation noch zu seinem Vorteil befreien; jedenfalls wird ihm in späteren Fabeln und Märchen der Titel eines Königs nicht mehr bestritten.

Offenbar gibt es nicht nur Wesen, denen man ihrer Größe und Kraft halber vieles durchgehen lässt, sondern auch solche, die mit schierem Selbstbewusstsein ihre Umgebung in die Resignation treiben. Muss man noch extra betonen, dass der Zaunkönig einstweilen nicht zu den bedrohten Vogelarten gehört? Dass man ihn nur selten zu Gesicht bekommt, liegt nur an dem Gefieder, das an ein welkes Blatt erinnert, das im Gezweig zittert. Aber man hört ihn ja! Und da muss man allerdings sagen, dass er sehr schön, in reich differenzierten Strophen singt und nicht nur so dämlich zirpt wie die umgekehrt gewaltig bunt herausgeputzten Goldhähnchen. Wahrscheinlich kann man nicht alles haben; wie ja auch die virtuose Singdrossel eher unscheinbar ist, während der dekorative Pirol nicht mehr als ein ödes, wenngleich markantes Rufzeichen hat.

Der Pirol hat es damit übrigens bis zum Wappentier von Fliegereinheiten der Bundespolizei gebracht, was meines Erachtens nur den wenigsten Mitbürgern bekannt ist. Fast vergessen ist auch der Kranich als Patentier und Namensstifter eines legendären Schnellbootes der Bundesmarine (P 6083, Klasse 140), das nach einem trostlosen Ruhestand als Museumsschiff in Bremerhaven inzwischen in Dänemark abgewrackt wurde. Vielleicht wird deswegen die Ungerechtigkeit schon nicht mehr wahrgenommen, die in der Hartherzigkeit unserer Streitkräfte gegenüber anderen Vogelarten besteht. Sollten demnächst doch noch Drohnen angeschafft werden, wäre die Einführung einer Zaunkönig-Klasse mehr als angebracht. Unsichtbar, listig und frech, der Inbegriff eines Aufklärers. Nur sollte ihm auf dem Wappen vielleicht der Schnabel zugebunden werden.