Der Journalismus ist der Vater aller Floskeln. Es verblüfft daher nicht, dass zwei gestandene Nachrichtenredakteure im Internet eine Seite gegründet haben, auf der sie fieberhaft zusammentragen, was ihnen an alten oder neuen sprachlichen Stereotypen bei ihrer täglichen Arbeit auf den Schreibtisch flattert. Unter www.floskelwolke.de zeigen Udo Stiehl und Sebastian Pertsch, was von den Medien im Allgemeinen so alles durchgewunken und abgesegnet wird, obwohl es schwere Verwüstungen im Kopf der Leser anrichtet.

Es spricht für die Ubiquität der Floskeln, dass man mit ihnen auch mühelos beschreiben kann, was die beiden Stilkritiker tun. Sie haben sich weit aus dem Fenster gelehnt und schmerzhafte Einschnitte vorgenommen, wo andere Redakteure gedankenlos grünes Licht geben. Trotzdem bedeutet es einen guten Tag für den Journalismus, wenn das Sprachgelände einmal gegen die gröbsten Dummheiten hermetisch abgeriegelt wird, die sonst am helllichten Tag beziehungsweise auf offener Straße wie ein sintflutartiger Regen auf uns niedergehen, ohne dass für die Verantwortlichen jemals der Stuhl wackelt. Stiehl und Pertsch haben eine rote Linie gezogen, auch wenn ihre Aufzählung selbstverständlich noch Luft nach oben hat. Die Redakteure müssen deswegen nicht zurückrudern, aber es wäre verheerend, wenn sich die Liste nicht nachbessern ließe. Da kommt noch einiges auf uns zu. Weitere Wörter und Wendungen stehen in den Startlöchern, um als Todeskandidaten wie Kartenhäuser in sich zusammenzufallen.

Glücklicherweise sind Floskeln Moden unterworfen. Die hässlichen Kneipenwendungen Da kommt Freude auf, bis zum Abwinken oder bis zur Sättigungsgrenze sind von selbst wieder verschwunden. Sie gehörten einer bestimmten Generation, die in Hochglanzmagazinen, Postillen oder Gazetten eine Zeit lang das Sagen hatte beziehungsweise vielleicht sogar im feinen Zwirn auf Chefsesseln saß.

Übrigens gibt es sogar einen Roman der Floskeln, das ist Gustave Flauberts Bouvard und Pecuchet. Die beiden Spießerhelden hecheln den ganzen Vorrat des 19. Jahrhunderts an dummen Wendungen und Sprachbildern durch und zeigen dabei das Problem, das auch der Journalist von heute hat: Den Sprachklischees liegen immer Gedankenklischees zugrunde, die undurchschaut übernommen werden, wenn sie ungeprüft verwendet werden. Nicht die Modewörter sind fatal, sondern das Weltbild, das mit ihnen importiert wird.