Sind stille Wasser tief? – Seite 1

Passiv-aggressive Menschen verbreiten durch demonstrative Selbstzurücknahme eine Luft, die zum Schneiden ist. Es steht immer etwas Unausgesprochenes im Raum. Wenn man bei einem passiv-aggressiven Charakter nachhakt, was denn los sei, zischt er nur zurück: "Ich hab doch gar nichts gesagt!" Ja, aber dies auf eine sehr bedeutungsschwangere Art.

Ein bisschen so funktioniert auch die Schreibweise von Judith Hermann: Eigentlich sagt sie kaum etwas – doch die unausgesprochene Bedeutung wabert wie Nebel zwischen den Zeilen. Ihre Sätze reklamieren durch rigorose Lakonie (nur kein Wort zu viel!) ein Maximum an Unschuld und scheinbarer Offenheit, in Wahrheit entsteht um sie herum eine Atmosphäre, die man freundlich "dicht" oder kritisch "penetrant" nennen muss. Die Lakonie wird so lakonisch, dass sie von Prätention nicht mehr zu unterscheiden ist.

Berühmt geworden mit ihrem Erzählungsband Sommerhaus, später, hat Judith Hermann, nach insgesamt drei Erzählungsbänden, jetzt mit Aller Liebe Anfang ihren ersten Roman vorgelegt. Auch dieser Roman betreibt den Kult der Lakonie. Seine Sätze sind radikal kahl geschlagen, sie dürfen sich gewissermaßen nie erheben über die Realität, die sie beschreiben, sie kleben an den Vorgängen, von denen sie handeln, wie ein Soldat, der über ein Feld robbt.

Aller Liebe Anfang spielt in einer namenlosen Vorortsiedlung in Deutschland (bei deren Beschreibungen einem automatisch so ein Stephen-King-haftes Suburbia-Amerika vor Augen steht). Stella und Jason wohnen mit ihrer Tochter Ava am Waldrand. Stella ist Krankenpflegerin, Jason Handwerker, der auf dem Bau arbeitet, weshalb er viel weg ist. Diese Abwesenheiten nutzt ein Nachbar, der "Mister Pfister" genannt wird, um bei Stella zu klingeln. Er bittet sie um ein Gespräch. Sie weist ihn ab. Er lässt nicht locker. Er ist ein klassischer Stalker. Er klingelt immer wieder. Er weiß genau, wann Jason außer Haus ist. Weil Stella nicht mehr öffnet, wirft er Botschaften in ihren Briefkasten, die davon handeln, dass sie beide sich viel zu sagen hätten.

Manche Geschichten könnten so schnell zu Ende sein, wenn man einfach die Polizei riefe. Aber Judith Hermann braucht die anhaltende Bedrohung durch den Stalker, damit die Fassade der Sicherheit, die Stellas Leben scheinbar beschützt, bröckelt. Wie ein Gewitter zieht sich eine Wolke des Unheimlichen über der Siedlung zusammen. Denn der gepflegte Vorgarten ist nur des Schrecklichen Anfang. Stella erfasst Panik, sie hat das Gefühl, dieser Mister Pfister sei dabei, weniger ihre Existenz zu bedrohen, als ihr Leben infrage zu stellen. Sie ahnt, dass ihm dies nur gelingt, weil sie, Stella, selbst vielleicht nicht ganz glücklich ist mit ihrem Leben. Weil es da so eine unausgesprochene Verzweiflung gibt, die der Stalker durch seine Attacken unbeabsichtigt offenlegt.

Stellas Unbehagen mit sich selbst aber darf auf keinen Fall die Form allzu expliziter, belastbarer Aussagesätze annehmen, es muss sich eher indirekt bemerkbar machen wie ein bedrückend tiefer Barometerstand – sonst, so darf man sich Judith Hermanns poetologischen Katechismus vorstellen, wäre es ja kein Roman, sondern ein Essay!

Jason ist ein schweigsamer Typ. Er "kann am besten fragen und sprechen, wenn er Auto fährt". Einmal fahren Stella und Jason in die Berge zu einer Aussichtsplattform. Sie sitzen zusammen auf einer Bank und trinken ein Bier. Stella wundert sich über die selbstverständliche Stille zwischen ihnen. Ist sie Ausdruck ihres Einvernehmens? Dann sagt sie sich: "Vielleicht ist die Stille aber auch abgründig, abwartend." Man liest solche Hermann-Sätze und denkt: Nein, nicht alle stillen Wasser sind tief.

Die wenigen Sätze, die die Form einer Sentenz annehmen, haben dann aber sogleich das Gewicht von mit Wasser vollgesogenen Kleidern: "Die Reue macht die Dinge schwer, gleichzeitig einzigartig."

Nur nichts sagen – dem entspricht eine Poetologie des Alles-Zeigens. Der unbedingte Glaube an die poetologische Kraft der Vergegenständlichung. Es gibt ja dieses Klischee, dass ein geborener Erzähler nichts erklären dürfe, sondern sich alles nur aus der Bewegung der Figuren und der Konkretion der Dinge und Räume wie von alleine mitteilen müsse. Judith Hermann hat sich auf diese Poetologie wie auf einen Rettungsring gestürzt. Wegschneiden, wegschneiden, wegschneiden – dann wird man schon nicht untergehen. Vor allem die Verben: Weg damit! Der Erzähler muss sein wie eine Kamera, die kennt auch keine Verben, sondern nur das scheinbar wertungsfreie Protokoll dessen, was ist. Judith Hermanns Hauptmittel der Atmosphäre-Erzeugung ist deshalb die Beschreibung von Räumen in der Form der Aufzählung aller in ihnen enthaltenen Gegenstände. Der Wintergarten: "Über dem Sofa eine orangene Decke, auf dem Tischchen davor Kinderbücher, Wachsmalstifte, eine Teekanne, auf dem Teppich ein einzelner Schuh von Ava neben einem Stapel Zeitschriften." Die Küche: "Herd und Spüle unter dem Fenster, in der Mitte ein Tisch mit vier verschiedenen Stühlen, über dem Tisch eine Lampe, an der sich ein Papierpferdchen dreht. Postkarten am silbernen Kühlschrank. Unordentliches Geschirr in einem Küchenschrank, an dessen Türknauf mit Paketschnur zusammengebundener getrockneter Lavendel hängt." Auf Avas Tisch: "(...) ein angebissener Apfel, eine Memorykarte, feine Buntstiftspäne, ein Saftglas." Der Abwasch in der Spüle: "Ihre Teetasse, Avas Tasse, zwei Teller, ein großes und ein kleines Messer."

Momente zarter Melancholie

Die Apotheose der Reduktion bezieht sich aber nicht nur auf die poetischen Mittel, sondern in einem inhaltlichen Sinne auch auf die psychologische Grundeinstellung der Figuren zur Welt: "Clara ist Stellas beste und einzige Freundin. Warum hast du nur bloß eine Freundin, sagt Ava, eine reicht ganz und gar, sagt Jason dann, er sagt es für Stella, und Stella sagt, so sieht es aus."

Vermutlich sind es diese Momente, um die es Judith Hermann geht, Momente zarter Melancholie. Die dürfen aber immer nur indirekt, wie hier gespiegelt in der unschuldigen Nachfrage der Tochter, ausgesprochen werden, damit das Pathos der Einsamkeit neusachlich-kühl, weil über Bande gespielt, wirkt. Dazu passt Stellas Lieblingswendung "So sieht es aus" – eine lakonische Abschlussformel, mit der eine Lebenssinnfrage zugeschnürt wird, noch bevor sie richtig entfaltet wurde. "So sieht es aus" ist aber auch der Protosatz von Judith Hermanns Ästhetik, weil er den Primat des Sehens über die Reflexion perfekt zum Ausdruck bringt.

Dem Willen zur unbedingten Reduktion sind mit wenigen Ausnahmen auch die Fragezeichen zum Opfer gefallen. Stella fragt ihre Kollegin Paloma: "Wo schläfst du, wenn du deine Mutter besuchst." Es wirkt, als könnten sich die Figuren aus lauter Kraftlosigkeit nicht einmal dazu aufraffen, am Ende von Fragesätzen mit der Stimme hochzugehen. Oder als wären Satzzeichen ein künstlerisches Ornament, das in dieser Welt des lethargischen Realismus ein Verbrechen darstellte.

Übrigens scheint die künstlerische Form des Romans tatsächlich durchzuschlagen auf die psychologische Atmosphäre seiner Protagonisten: Sie scheinen selber an dieser Reduktionslakonie zu leiden. Stella vermisst etwas an Jason. Natürlich wird nicht ganz explizit ausgesprochen, was sie vermisst, aber man kann es ahnen: dass er einmal etwas klar ausspricht, dass er den Dingen eine Deutung gibt, dass er einfach mal mehr Worte macht, als es bei einer Judith-Hermann-Figur vorgesehen ist!

Die Briefe und Zettel, die Mister Pfister in Stellas Briefkasten abwirft, sammelt diese ungelesen in einem Schuhkarton, den sie im Schuppen verstaut. Irgendwann nimmt sich Jason diesen Karton vor und liest sich die ganzen Botschaften durch. Stella will wissen, ob darin irgendwelche Drohungen gegen Ava formuliert sind. Nein, keine Drohungen, sagt Jason. Auch "nichts über dich. Nicht wirklich was über dich." Und dann heißt es weiter: "Was wäre denn ein Satz über mich, denkt Stella. Ein Satz über mich, der für dich gelten würde, und die Unmöglichkeit, auf diese Frage eine Antwort zu finden, ist eindeutig und krass. Sie denkt, für Jason bin ich tatsächlich ein Fabelwesen. Ein Fabelwesen. Es gibt gar nichts, was er wirklich über mich sagen, keine Beschreibung, die für mich gelten könnte." Man könnte auch sagen: Ein bisschen hat es Stella auszubaden, dass Judith Hermann dieses Buch geschrieben hat.

Zum Schluss noch dies: Auch wir haben damals, 1998, mit Begeisterung Sommerhaus, später gelesen. In dem Berlin, das Judith Hermann erzählerisch erfunden hatte, wollten auch wir leben. Ihr Ton und jene Zeit passten zusammen und schufen etwas Lebendiges und Wahres. Jetzt wünschte man Judith Hermann ebenso wie ihren Figuren, dass sie sich befreiten aus dem Käfig dieser so absehbaren Ästhetik. Paloma hat eine Tasse, auf der steht: "Destroy something". Man würde gern die Form dieses Romans zerschlagen, damit seine Figuren und ihre Schöpferin wieder atmen können.