DIE ZEIT: Sie haben Kindheiten von 1500 bis heute untersucht. Wann wären Sie selbst gern Kind gewesen?

Meike S. Baader: Wenn ich mir die siebziger Jahre des 20. Jahrhundertes so ansehe, dann würde ich sagen, dass das für Kinder im Westteil der heutigen Bundesrepublik eine recht ideale Zeit gewesen ist, wegen der gewachsenen Freiräume und Liberalisierungen. 1973 ist beispielsweise pädagogischen Kräften das Recht abgesprochen worden, Kinder zu prügeln. Was man jeweils darunter versteht, wie Kindheit sein sollte, hat im Übrigen sehr viel mit den eigenen biografischen Erinnerungen zu tun. Wer zum Beispiel meint, die fünfziger, sechziger Jahre seien die goldenen Jahre des Auf-der-Straße-Spielens gewesen, der sollte bedenken, dass das Spielen auf der Straße zu Beginn des 20. Jahrhunderts viel ausgeprägter war.

ZEIT: Wer ans Kindsein denkt, denkt meist an Ballspielen, Spielzeug und Herumtoben. Das ist aber ein relativ neues Bild, oder?

Baader: Nein, gar nicht. Dass die Kindheit eine Erfindung der Moderne sei, ist eine These des französischen Historikers Philippe Ariès aus dem Jahre 1960, die sich international verbreitet hat. Diese Auffassung wurde aber mittlerweile revidiert. Es gab schon vor Jahrhunderten Konzepte von Kindheit, auch wenn diese in den verschiedenen Phasen unterschiedlich ausgestaltet war.

ZEIT: Lange Zeit galten Kinder vor allem als Arbeitskräfte für die Produktionseinheit Familie. Wodurch hat sich das geändert?

Baader: Durch die Herausbildung der bürgerlichen Familie im 18. Jahrhundert kam es zu einer Trennung von Produktions- und Reproduktionsbereich. Das betraf zunächst eine kleine Schicht, etwa zwei Prozent der Bevölkerung. Im 19. Jahrhundert setzte es sich dann immer mehr durch, dass Kinder nicht arbeiten, sondern in die Schule gehen sollten. Im ländlichen Raum, in der Industrie und in Handwerkerfamilien war Kinderarbeit allerdings immer noch selbstverständlich. Trotzdem wurden mehr und mehr Kinderschutzbestimmungen aufgelegt, etwa das Verbot von Kinderarbeit im Jahr 1903. Dafür setzten sich insbesondere Wohltätigkeitsorganisationen ein, aber auch die frühe Frauenbewegung. Es entstand das Konzept des vulnerablen Kindes, das besonderer Schutzbestimmungen bedarf. Kindheit wurde als Zeitraum des Lernens und der Entwicklung begriffen. Das zeigt sich auch daran, dass es von da an eigene Räume für Kinder gab, Kinderzimmer mit Spielzeug und einem Arbeitsplatz für Schulaufgaben.

ZEIT: Der Untertitel Ihres Buches heißt Eine Geschichte der Sorge. Auch die überbordende Sorge erscheint uns als ein sehr heutiges Phänomen, da sich in Mittelschichtsfamilien alles auf das einzelne Kind richtet.

Baader: Sorge und Fürsorge spielen in der Geschichte der Kindheit schon lange eine Rolle. Das spiegelt sich nicht nur in der Institution der Familie, sondern auch in rechtlichen Regelungen und dem Bildungssystem.

ZEIT: Wann begannen Begriffe wie Bildung und Erziehung wichtig zu werden?

Baader: In der Zeit der Aufklärung. Während der Französischen Revolution entstand ein neues Bürgertum, das sich nicht mehr über Herkunft definierte, sondern über Bildung und Leistung. Von Kant gibt es den berühmten Ausspruch: "Alles, was der Mensch ist, ist er durch Erziehung." Erstmals wurde in Preußen im 18. Jahrhundert die allgemeine Schulpflicht eingeführt. Die Bedeutung von Bildungsabschlüssen und -zertifikaten hat seitdem schrittweise zugenommen.

ZEIT: Wie hat sich der Zugang zur Bildung verbreitert?

Baader: Vom 18. Jahrhundert an gab es erst einmal die Idee von einer minimalen Bildung für alle Kinder, etwa Grundformen des Rechnens und Schreibens. Die höhere Bildung war den höheren Ständen vorbehalten und das Gymnasium sowieso nur deren männlichen Angehörigen. Mädchen können das Abitur seit der Zeit um 1900 machen und auch erst seitdem studieren. Das katholische Arbeitermädchen vom Land hatte sogar bis in die siebziger Jahre des 20. Jahrhunderts hinein noch wenig Chancen, auf ein Gymnasium zu gehen, das änderte sich erst mit der dann stattfindenden Bildungsexpansion. Heute diskutieren wir über Kinder mit Migrationshintergrund und die Inklusion von Kinder mit Behinderungen. Wir erleben also Inklusionsprozesse von immer mehr gesellschaftlichen Gruppen einerseits, andererseits haben wir es aber auch weiterhin mit Selektions- und Exklusionsprozessen zu tun.

ZEIT: Heute klagen Lehrer darüber, dass sie zunehmend Erziehungsaufgaben übernehmen müssen. Ist das tatsächlich so neu?

Baader: Das würde ich verneinen. Zumindest die Grundschule war immer auch ein Ort der Erziehung. Im Übrigen ist die Diskussion darüber eine sehr deutsche. Im Englischen etwa gibt es die Unterscheidung zwischen den Begriffen Bildung und Erziehung gar nicht, das Wort education meint beides. Was wir aber tatsächlich in den letzten Jahren erleben, ist eine Verschiebung von der Familienkindheit zu einer Kindheit in Institutionen: Immer mehr Kinder gehen immer länger in die Schule, sowohl was die Jahre, als auch was die Stunden pro Tag anbelangt. Dadurch steigt natürlich die Anforderung an das pädagogische Personal, an der Erziehung mitzuwirken.