Man hatte sich schon so daran gewöhnt, dass Nachrichten aus der deutschen Wirtschaft eigentlich immer gute Nachrichten sind, dass es allmählich Zeit wurde für eine schlechte. Hier kommt sie: Das Wirtschaftswachstum ist im Frühjahr regelrecht eingebrochen. Die Industrie fährt die Produktion zurück, die Unternehmen erhalten weniger neue Aufträge, und sogar in der erfolgsverwöhnten Exportbranche wird die Stimmung schlechter.

Nun gehört es zum Wesen der Konjunktur, dass auf jedes Auf irgendwann ein Ab folgt und umgekehrt. Nur ist es in Deutschland eben schon so lange nicht mehr richtig nach unten gegangen, und die Dinge sind komplizierter geworden. Während zuerst die USA und dann die Euro-Zone immer tiefer in den Schlamassel rutschten, wurde die Wirtschaft in Deutschland von Jahr zu Jahr stärker. Je mieser es bei den anderen läuft, desto besser läuft es bei uns – dieser Gegensatz beschreibt die Grunderfahrung der meisten Deutschen in der Krise.

Er lässt sich recht einfach auflösen. Denn um ihr Geld in Sicherheit zu bringen, haben ausländische Investoren es im großen Stil nach Deutschland transferiert. Deshalb sind Kredite hierzulande günstig wie nie zuvor. Und weil sich dadurch immer mehr Deutsche den Traum vom Eigenheim erfüllen können, eilt die Bauwirtschaft von Rekord zu Rekord – während der Bund jährlich einen zweistelligen Milliardenbetrag an Zinsausgaben spart.

Die geopolitischen Spannungen fordern ihren Tribut

Solche Zinszyklen sind extrem wirkungsmächtig. Sie können einem Land über viele Jahre hinweg kräftige Wachstumsraten und einen ausgeglichenen Haushalt bescheren. Umso überraschender kommt deshalb jetzt der Einbruch, dessen Tiefe sich durch die ungünstigen Witterungsverhältnisse im Frühjahr und die anhaltende Verunsicherung in den Krisenstaaten Südeuropas allein nicht erklären lässt.

Es gehört wiederum zum Wesen der Konjunkturforschung, dass sich nie exakt vorhersagen lässt, warum und wann aus einem Aufschwung ein Abschwung wird. Zwei Deutungen aber liegen in diesem Fall nahe.

Erstens: Auch wenn die Opposition sich nun die Gelegenheit zur Generalabrechnung nicht entgehen lässt: Die Flaute hat weder etwas mit dem Mindestlohn zu tun (der war im Frühjahr noch nicht einmal beschlossen) noch mit Mietpreisbremse oder Mütterrente.

Zweitens: Die geopolitischen Spannungen scheinen ihren ökonomischen Tribut zu fordern. Das Problem ist dabei nicht, dass die Russen wegen der Sanktionen weniger Luxuskarossen oder Schweinehälften aus Deutschland kaufen. Dazu ist der russische Markt aus deutscher Sicht schlicht zu unbedeutend.

Ganz offensichtlich aber haben die aktuellen Großkonflikte – in der Ukraine, im Nahen Osten, in der Türkei – ein Klima der Unsicherheit erzeugt, das auch der Wirtschaft zu schaffen macht. Das würde jedenfalls erklären, warum Investoren Staatsanleihen kaufen, die kaum noch Zinsen abwerfen, statt mit dem Geld neue Maschinen und Anlagen zu finanzieren.

In den Führungsetagen der Banken und Konzerne scheint sich die Furcht breitzumachen, dass jederzeit etwas passieren kann, was alle Kostenrechnungen über den Haufen wirft: eine militärische Eskalation, ein Anstieg des Ölpreises oder ein russischer Gasboykott. Diese Unsicherheit ist Gift für die Wirtschaft. Investitionen sind immer eine Wette auf die Zukunft. Sie rechnen sich in der Regel erst nach mehreren Jahren. Wenn die Zukunft so schwer planbar ist wie derzeit, investieren die Unternehmen weniger. Das kostet Wachstum und Arbeitsplätze.

Die gute Nachricht lautet: Wenn sich die Lage wieder beruhigt, sollte die Konjunktur im Herbst wieder Fahrt aufnehmen. Die Auftriebskräfte wirken ja weiter. Die Zinsen sind immer noch niedrig, und neuerdings steigen sogar die Löhne wieder stärker. Wenn nicht, dann allerdings ist der Aufschwung tatsächlich in Gefahr. Dann wird die Arbeitslosigkeit zunehmen – und das wäre nicht die einzige unangenehme Folge für die Bundesregierung.

Denn die gute Konjunktur ist ein zentrales Fundament ihrer bisherigen Politik: Weil die Sozialkassen im Geld schwimmen, waren bislang auch kostspielige Wohltaten mühelos zu finanzieren. Wenn die Steuereinnahmen wegbrechen, muss Angela Merkel etwas tun, was sie in der Regel so lange wie möglich zu vermeiden versucht – sich entscheiden. Denn Politik in Zeiten knapper Kassen zeichnet sich vor allem dadurch aus, dass nicht mehr alles auf einmal geht: den Haushalt sanieren und mehr Geld für Investitionen ausgeben. Die Rentner beglücken und die Beitragszahler schonen.

Auch der deutsche Gestaltungsanspruch in Europa bezieht einen Teil seiner Legitimität aus der Stärke – und damit der Vorbildfähigkeit – der heimischen Wirtschaft. Wenn diese Wirtschaft aber gar nicht mehr so stark ist, wird es für die Kanzlerin schwerer werden, ihre Sparziele durchzusetzen. Frankreich fordert schon seit Längerem mehr Zeit für den Abbau seines Etatdefizits – und kann als Argument dafür nun die schlechte Wirtschaftslage vorbringen.

So könnte schon bald deutlich werden, wo diese Bundesregierung wirtschaftspolitisch steht. Wahrscheinlich wird sie am Ende die Sparpolitik wohl etwas pragmatischer handhaben, um die Konjunktur zu schonen. Das allerdings wäre nicht die schlechteste Konsequenz.