Wer der Toten von Blagowschtschina gedenken will, stößt zuerst auf Müll. Am Wegesrand ragen zwischen Plastiktüten eine Wodkaflasche und eine Putzmitteldose aus der Erde. Entlang des Hügels der Müllkippe, 500 Meter weiter, liegt an einer Weggabelung im Wald einer der kaum bekannten Todesorte des Zweiten Weltkriegs. Damals bot an dieser Stelle eine Lichtung den Mördern Raum. Heute sind an den Kiefern gelbe Schilder einer Wiener Initiative angebracht mit den Lebensdaten der hier ermordeten Juden aus Österreich: "Dr. Elsa Bienenfeld, am 4. August 1942 nach Malyj Trostenez deportiert und dort ermordet", liest man etwa. Sonst steht nur ein bescheidener Gedenkstein im Wald.

Trostenez, zwölf Kilometer südöstlich von Minsk, war das größte Vernichtungslager auf dem Boden der Sowjetunion – das "Auschwitz von Weißrussland" nennen es manche. Juden aus dem Minsker Ghetto, aus Berlin, Hamburg, Bremen, Düsseldorf, Köln, Frankfurt, Wien und Theresienstadt, aber auch sowjetische Kriegsgefangene und weißrussische Partisanen wurden hier umgebracht. Nach dem Krieg hat eine sowjetische Kommission die Gesamtzahl der Opfer von Trostenez auf 206.000 geschätzt. Westliche Historiker halten bis zu 60.000 Tote für gesichert. Womöglich sind es mehr. Während die meisten der nach Minsk und Trostenez deportierten westeuropäischen Juden anhand alter Dokumente identifiziert werden konnten, weiß man über die Opfer aus der Sowjetunion und Osteuropa so gut wie nichts, denn die Kartothek des Lagers ist verschwunden. Insgesamt verlor Weißrussland im Krieg etwa drei Millionen Menschen. Gut 700.000 von ihnen waren Juden.

Die zwei Kilometer von Trostenez entfernte Erschießungsstätte Blagowschtschina gehörte zum Lager. Die hier getöteten Opfer ruhen allerdings schon lange nicht mehr im Waldboden. Im Spätherbst 1943 hat das Sonderkommando 1005 unter SS-Standartenführer Paul Blobel alle Mordspuren beseitigt. Polizisten, Reservisten und russische Gefangene legten die gut 15 Massengräber mit etwa 50.000 Toten frei, verbrannten die Leichen, zerkleinerten die Knochen und verstreuten die Asche ringsum. Diese "Enterdungsaktion" wurde am 16. Dezember als "erfolgreich beendet" vermeldet. Erschießungen fanden künftig an anderen Orten des Lagers statt.

Minsk, heute Hauptstadt Weißrusslands, kam eine wichtige Rolle in den Menschenvernichtungsplänen des Hitler-Regimes zu. Die Nazi-Größen Himmler, Heydrich und Eichmann reisten zu Ortsterminen an die dortigen Erschießungsgruben. Dennoch kam das Lager bis in die neunziger Jahre auch in Standardwerken zur Schoah nicht vor. Bald nach der Einnahme der Stadt durch die Wehrmacht am 28. Juni 1941 wurden die etwa 70.000 Minsker Juden in ein Ghetto gepfercht. Aber auch Juden aus Westeuropa sollten nach Weißrussland deportiert werden. Um für sie im Ghetto Platz zu schaffen, erschossen die Besatzer im November 1941 etwa 12.000 weißrussische Juden. Für die Neuankömmlinge im ersten Zug aus Hamburg entstand ein Ghetto im Ghetto – von den weißrussischen Juden durch Stacheldraht abgetrennt.

Von 1942 an fuhren die Deportationszüge direkt zur Erschießung nach Trostenez. Während ihre Insassen Kleider, Schmuck und Geld mitnehmen durften und auf die von den Deutschen versprochene "neue Existenz" in Weißrussland hofften, warteten im Wäldchen von Blagowschtschina schon die Mordkommandos. Später setzten die Deutschen auch Vergasungswagen ein, um die Psyche der Genickschützen zu schonen. Zwei der Laster waren mit Fenstern und Schornstein als Wohnwagen getarnt.

Das Lager von Trostenez erstreckte sich auf dem Gelände der früheren Karl-Marx-Kolchose. "Wehrdorf Kl. Trostenieze" ist auf einem alten Foto über dem Schlagbaum am Holztor mit Tannenzweigschmuck zu lesen. Das Lager war dem Kommandeur der Sicherheitspolizei und des Sicherheitsdienstes unterstellt. Es sollte die Kommandantur und die Ordnungspolizei mit Lebensmitteln versorgen und zugleich die Habseligkeiten der ermordeten Juden sortieren. Eine Schneiderei, Schlosserei und Tischlerei gehörten dazu. Bis zu 1.000 Häftlinge, Juden oder Kriegsgefangene, schufteten hier unter der Aufsicht von 200 einheimischen Kollaborateuren. SS-Obersturmbannführer Eduard Strauch fand das Wehrdorf mit seinem Reitplatz und den Kähnen auf dem Teich so idyllisch, dass er plante, sich nach dem "Endsieg" dort niederzulassen.

Vom Arbeitslager ist nur die von Gefangenen gepflanzte Pappelallee erhalten. Die riesige Scheune, in der Anfang 1944, als die Rote Armee schon auf Hörweite herangerückt war, noch eilig 6.500 Gefangene ermordet wurden, steht nicht mehr. Zwei Obelisken aus den sechziger Jahren erinnern bisher an das Leiden "sowjetischer Bürger" in Trostenez, ohne ihre Namen und ihre Herkunft zu nennen.

Antisemitismus prägte die sowjetische Nachkriegszeit. Einige der etwa 20 westeuropäischen Juden, die das Lager überlebt hatten, verschwanden nach der Befreiung von Minsk durch die Rote Armee wegen "Spionage" im Gulag. 1947 stellte eine Gruppe von Juden im ehemaligen Minsker Ghetto einen Gedenkstein auf. Manche von ihnen büßten dafür später im Arbeitslager. Jüdische Gedenkversammlungen ließ die Sowjetmacht in den fünfziger und sechziger Jahren mit Schlagern beschallen. Und als Ende der sechziger Jahre Journalisten eine zuvor landesweit geehrte Partisanin, die im Oktober 1941 in Minsk gehängt worden war, als Mascha Bruskina identifizierten – als Jüdin –, ordnete die sowjetische Führung Stillschweigen an. Der Kreml lag damals im Konflikt mit Israel. Da durfte ein jüdisches Mädchen nicht zum Symbol des weißrussischen Widerstands werden.

"Erinnerung ist schwere Arbeit"

Doch die Erinnerung an Trostenez war auch noch aus einem anderen Grund unerwünscht. Auf dem Boden der Sowjetunion habe es dank der glorreichen Roten Armee keine Vernichtungslager gegeben – so verkündete es das Stalinsche Regime schon während der Nürnberger Prozesse. Womöglich sollte damit auch der Forderung nach einer internationalen Untersuchungskommission vorgebeugt werden. Minsker Historiker glauben, dass unter dem Müllberg von Blagowschtschina die Knochen von Opfern der kommunistischen Säuberungen zwischen 1937 und 1941 liegen. Die dunklen Seiten des Stalinismus sind bis heute in Weißrussland fast tabu – so wie es bis vor Kurzem der Judenmord von Trostenez war.

Zwar arbeitet die Stadt Minsk schon seit gut zehn Jahren an Plänen für einen Gedenkkomplex auf dem mehr als 100 Hektar großen Lagergelände. Aber das Projekt blieb in der Verwaltung stecken. Es sah nicht einmal ein Informationszentrum vor, und auch den Erschießungsort Blagowschtschina sparte es aus. Dann reifte ein zweites Denkmalprojekt aus deutscher Privatinitiative heran. Die Nichtregierungsorganisation Internationales Bildungs- und Begegnungswerk (IBB) aus Dortmund setzte sich dafür ein, den Angehörigen der Opfer auch in Blagowschtschina einen Ort der Erinnerung und der Trauer zu geben.

Die Widerstände waren anfangs groß: In Weißrussland hielten Altstalinisten es für frevelhaft, der sowjetischen Kriegsgefangenen zu gedenken, die in Trostenez erschossen wurden, denn zu Stalins Zeiten galten Kriegsgefangene als "Volksverräter". Revisionisten warfen den Deutschen vor, ein weiteres Mal den Juden ein Denkmal zu setzen, aber die nicht jüdischen weißrussischen Opfer zu verdrängen. Später trat die österreichische Initiative IM-MER in Erscheinung, deren eigener Denkmalentwurf noch in die anderen Pläne integriert werden muss, um einen Konkurrenzkampf der Mahnmale in Trostenez zu vermeiden. "Erinnerung ist schwere Arbeit", sagt Manfred Zabel aus dem IBB-Vorstand, "und sie endet nie."

Dem IBB hat geholfen, dass es mit Leonid Lewin einen einflussreichen Verbündeten in Minsk besaß. Bereits 1969 hatte der Künstler für das Dorf Chatyn, das am 22. März 1943 von einem SS-Kommando ausgelöscht worden war, ein Mahnmal geschaffen, das die Topografie des Ortes nachzeichnet und die Namen der rund 150 ermordeten Bewohner verewigt. Im Gegensatz zu der damaligen kollektiven Heldenverehrung suchte Lewin die stille, individuelle Erinnerung.

Kurz vor seinem Tod im März dieses Jahres vollendete er einen Mahnmalentwurf für Blagowschtschina. Der sieht vor, dass die Besucher einen 500 Meter langen Weg zum Erschießungsplatz im Wald zurücklegen müssen. Dabei würden sie vorbei an Installationen, die Eisenbahnwaggons symbolisieren, zu einem Skulpturenpark gelangen, der das Paradoxe des Krieges widerspiegeln soll: mit einem umgekippten und zerbrochenen jüdischen Leuchter und Bäumen und Häusern, die auf dem Kopf stehen. Das IBB hat für Lewins Gedenkstättenentwurf bereits 500.000 Euro an Spenden gesammelt. Ebenso viel könnte aus Mitteln des Auswärtigen Amtes dazukommen.

Am 8. Juni nun hat Weißrusslands Präsident Alexander Lukaschenko den Grundstein für eine Gedenkstätte in Trostenez gelegt. Lewins Entwurf könnte parallel verwirklicht werden. Allerdings ist Lukaschenkos Initiative stark von aktuellen Entwicklungen motiviert. "Heute erhebt der Faschismus erneut sein Haupt", warnte er in Anspielung auf den Februar-Umsturz im Nachbarland Ukraine, der von der Führung als faschistisch geächtet wird. Und weißrussische Offizielle beeilten sich zu betonen, das Massaker in Chatyn sei von einer ukrainischen SS-Einheit verübt worden. So bleibt die Geschichte in Weißrussland ein Mittel der Staatspolitik.