Da ist zuerst das alte Schild an der Fassade: HOTEL in roten Neonbuchstaben. Kaum biege ich in die Straße ein, leuchtet es mir durch den Regen entgegen. Das Haus stammt aus dem späten 19. Jahrhundert, ein stattliches Eckgebäude mit Turmerker. Die weiße Stuckfassade ist ein wenig angegraut, von ein paar Fensterrahmen blättert die Farbe. Und an diesem trüben Vormittag finde ich das so romantisch, dass ich mir fast wünsche, hinter der Glastür noch eines dieser billigen, plüschigen Hotels zu finden, mit Bad auf dem Flur und Hirschgemälden in Goldrahmen.

Doch ein solches Hotel gibt es hier schon lange nicht mehr. 1997 kaufte die Hotelierfamilie Brøchner die Immobilie im Herzen von Nørrebro und machte daraus ein angenehmes Haus ohne besondere Eigenschaften. Das Ibsens von heute ist erst bei einem Umbau 2011 entstanden. Es hat den Ruf, auf ungewöhnliche Art gut zum neuen Kopenhagen zu passen – deshalb bin ich hier.

Und sobald ich die Lobby betrete, sind alle nostalgischen Anwandlungen vergessen. Neben der Rezeption steht eine knallbunt angepinselte Skulptur aus aufeinandergestapelten und bemalten Bankschließfächern. Es gibt dunkle Holztische, rote Stühle, einen Kamin. Zwei Wände sind mit kleinformatigen Bildern tapeziert: Künstler, so höre ich, dürfen im Ibsens die Hälfte des Zimmerpreises in Werken entrichten.

Während ich auf meinen Zimmerschlüssel warte, versinke ich in einem gemütlichen alten Ohrensessel. Neu gepolstert und bezogen, fügt er sich ganz selbstverständlich in das Haus, in dem nichts und niemand fehl am Platz wirkt, auch nicht das schöne junge Paar, das auf einem violetten Sofa in der Ecke übereinandergefaltet eingeschlafen ist.

Zugegeben, ich war skeptisch. Die Phrasen auf der Website über den "Copenhagen vibe" und Gäste, die "zur Familie werden", hatten schon sehr nach Marketing-Blabla geklungen. Doch ich fühle mich sofort gut aufgehoben. Mein Zimmer verströmt unter hoher Stuckdecke diskreten Retrocharme, der bei mir gleich den Wunsch weckt, es sich hier für länger bequem zu machen. Alles ist leicht und klar und in Weiß, Grau, Schwarz oder Dunkelbraun gehalten, nur zwei gelbgrüne Sessel frischen die Szene auf. Aber nichts ist auf billigen Effekt getrimmt, alles ist gut durchdacht und folgt der Grundidee nordischen Designs, das Leben nicht nur schöner, sondern auch einfacher zu machen.

Einen Schrank gibt es nicht, dafür offene Regale und eine Garderobenstange, und unter das hohe Bett passt selbst der dickste Koffer – ein Detail, das in meiner Junior Suite nicht von Bedeutung ist, wohl aber am anderen Ende des breiten Zimmerspektrums, in der Kategorie tiny. Mir gefallen auch diese hellen Kammern, und wäre dort noch etwas frei, würde ich ins Dachgeschoss ziehen, wo man unter weiß gestrichenen Holzbalken liegt und über die Häusergiebel sieht.

Allein der Hunger treibt mich auf die Straße hinaus, wo die Einheimischen so gelassen durch den Regen radeln, als seien sie aus einem anderen, wasserresistenteren Material gemacht. So lande ich ein paar Hundert Meter weiter in der Salumeria La Fiorita, einem altmodischen Lebensmittelladen samt Pizzeria. Das Lokal gehört einer Familie aus Kalabrien. Während ich Focaccia esse, unterhalten sich ihre Mitglieder lautstark am Tresen.

Die Nansensgade, in der das Hotel liegt, ist ein guter Ort, um sich treiben zu lassen. Bei trockenerem Wetter könnte man Stunden durch Antiquariate, kleine Vintage-Boutiquen, Cafés, asiatische Supermärkte und Fachgeschäfte für Hi-Fi-Geräte aus zweiter Hand schlendern.

"Hier hat alles seine eigene Folklore", sagt Kirsten Brøchner, die Chefin des Ibsens’, später. Seit ihre Familie 1982 das etwas feinere Kong Arthur auf der anderen Seite des Hofs erwarb, hat sie viel Zeit in der Nansensgade verbracht. In den ersten Jahren sei das noch eine "Hippie-Straße" gewesen, mit kommunistischen Büchercafés. Dann wurde sie irgendwann angesagt. Aber ein besonderer Geist herrsche hier noch immer. Und den wollten sie ins Haus holen, als beim Ibsens 2011 eine Generalüberholung anstand.

Kirsten Brøchner ist eine attraktive, zupackende Frau mittleren Alters. Man kann sich gut vorstellen, wie sie durch die Nansensgade lief und in den Werkstätten fragte, wer mitmachen möchte beim neuen Ibsens.