DIE ZEIT: Herr Rekyl, auf Ihrer Facebook-Seite haben Sie ein Foto, auf dem Kopenhagen gar nicht aussieht wie Kopenhagen: Menschen tanzen vor einer ehemaligen Fabrik, die an eine Ölraffinerie erinnert. Wo ist es aufgenommen worden?

Rasmus Rekyl: In Barcelona, beim Sonar-Festival, als DJ und Partyveranstalter arbeite ich seit Jahren mit den Sonar-Leuten zusammen. Aber keine Sorge: Auch bei uns gibt es diese Gegenden, in denen man sich so weit weg von allem fühlt. Refshaleøen zum Beispiel, eine Insel vor dem Hafen. Seit die Werft Mitte der Neunziger Konkurs anmelden musste, ist die Natur zurückgekommen und mit ihr Menschen, die sich überlegen, was man da jetzt anstellen könnte.

ZEIT: Hat dort nicht gerade auch der Eurovision Song Contest stattgefunden?

Rekyl: Deshalb fürchten viele, dass bald die Investoren mitbekommen, wie wunderbar es dort ist. Doch noch gehört die Insel denen, die sie vor ein paar Jahren entdeckt haben: Musikern, unabhängigen Galeristen, Handwerkern. Es gibt eine Paintball-Arena, eine Kletterhalle und immer wieder großartige Partys. In der Haupthalle der Werft findet auch der Abschluss-Rave von Distortion statt, dem dreitägigen Elektro-Festival, mit dem die Kopenhagener den Sommer begrüßen.

ZEIT: Auch Sie schmeißen dort jedes Jahr eine Open-Air-Party, den Tipi-Rave. Hunderte Menschen sollen dann im Indianerkostüm tanzen, mit Federschmuck, Friedenspfeife und allem Pipapo.

Rekyl: Im ersten Jahr musste ich mir ganz schön viel Kritik anhören. Weil auf dem Partylogo ein Cherokee-Häuptling zu sehen ist, galt Tipi vielen als politisch inkorrekt. Es hieß, ich wolle mich über die amerikanischen Ureinwohner lustig machen! Das Gegenteil war der Fall: Ich wollte eine Elektroparty mit Lagerfeuerstimmung, so nach dem Motto: Hey, heute Abend tanzen wir mal alle gemeinsam im Kreis. Irgendwann begannen die Leute, sich dazu als Indianer zu verkleiden. Damit hätte ich nie gerechnet.

ZEIT: Aber es passt zu dem Bild, das sich die Welt von den Kopenhagenern macht: extrem aufgeschlossen und experimentierfreudig.

Rekyl: Angeblich sind wir Dänen sogar das glücklichste Volk der Welt. Aber ich verrate Ihnen ein Geheimnis: Wir können froh sein, dass die Leute, die diese Umfragen machen, nicht im Winter kommen. Da sieht es hier nämlich ganz finster aus. Die meisten Kopenhagener sitzen acht Monate lang griesgrämig zu Hause. Wenn es dann wieder hell wird im Norden, gibt es natürlich kein Halten.

ZEIT: Hört man da ein bisschen Kritik heraus?

Rekyl: Nein, nein, die Kopenhagener Sommer sind toll. Sie müssen abends nur durch die Stadt laufen und stoßen in jedem zweiten Park auf eine Party, ein Konzert, irgendeinen Event, die meisten sind kostenlos. Mitte August, während des Strøm-Festivals, wird eine Woche lang überall gefeiert: in Clubs natürlich, in der U-Bahn, in Kirchen, Galerien, auf Hausdächern. Aber als DJ und Partyveranstalter muss ich halt schauen, dass ich die Leute auch zwischen Oktober und April vor die Tür kriege, und das ist hart, zumal die Szene hier viel kleiner ist, als man denken könnte.

ZEIT: Im Großraum Kopenhagen leben anderthalb Millionen Menschen. So wenig ist das nicht.

Rekyl: Aber Kopenhagen liegt in Skandinavien! Hier fängt man sehr früh, mit 15, 16, das Feiern an und hört auch früh wieder damit auf. Sobald die Leute Kinder und einen ordentlichen Beruf haben, sind sie meist fürs Nachtleben verloren. Vielleicht besuchen sie ab und an diese Champagner-Clubs, mit denen die Innenstadt gepflastert ist. Man bestellt eine Flasche, tanzt ein bisschen, geht zurück an den Tisch und nippt am Glas. Mit Nachtleben hat das für mich nichts zu tun.