Wenn nichts mehr so ist, wie es scheint, dann wird die Lage brenzlig und der Mensch nervös. Wenn nichts mehr so ist, wie es scheint, wenn Großes plötzlich klein, Harmloses gefährlich und Böses gut wird, dann befinden wir uns im außenpolitischen Sommer des Jahres 2014.

Zum Beispiel dieser harmlos daherkommende Hilfskonvoi, den die russische Regierung in die Ostukraine losfahren ließ. 280 weiß angestrichene Lkw, das sieht nach UN aus, das riecht förmlich nach molligen Schlafsäcken und gesunden Zerealien für notleidende Menschen. Aber, so fragt man sich beispielsweise in der deutschen Regierungszentrale: Was ist wirklich drin in Putins Lastern? Und wozu dient die ganze Sache? Schließlich sind 280 weiße Lkw, die dann eben doch nicht von den UN geschickt wurden, sondern von einer Kriegspartei, ein ziemlich einladendes Ziel. Und wenn sie dann beschossen werden, von wem auch immer, müssen sie nicht sogleich geschützt werden, von russischen Soldaten beispielsweise? Handelt es sich, mit anderen Worten, gar nicht um eine humanitäre Aktion, sondern um einen langsam dahinrollenden Interventionsgrund? Man weiß das nicht, und weil niemand mehr Wladimir Putin wirklich traut, ist es so brandgefährlich.

Die Kurden sind jetzt die Guten, und Hamas ist nicht mehr so schlimm?

Oder, zweites Beispiel, die Kurden. Diese Volksgruppe war im Gedächtnis der Deutschen bis vor wenigen Wochen unter dem Schlagwort "gefährlich" abgespeichert. Plötzlich aber sind die Kurden die Guten, sie sind die Einzigen, denen man noch zutraut, in der Region Ordnung zu schaffen. Warum sind die Kurden die Guten? Weil sie die letzten leidlich Verlässlichen sind.

Was der Westen da nun macht, das ist bewaffnete Verzweiflung.

Und dann, drittes Beispiel, die deutschen Waffenexporte. Bis ungefähr Montagabend verfolgte die Regierung eine restriktivere Rüstungsexportpolitik im Allgemeinen und, was Waffenlieferungen in die Krisenregion Irak anging, im Besonderen. Dann änderte sich über Nacht die Politik, und man sucht seither in Berlin nach juristischen und technischen Wegen, mit deutschen Präzisionswaffen und allerlei Gepanzertem doch noch den Kurden gegen die Irren von der Terrorgruppe Islamischer Staat (IS) zu helfen.

Apropos irre, viertes Beispiel: Der Nahostkonflikt ist wieder da, das heißt, eigentlich war er nie weg, doch zurzeit eskaliert er so sehr wie lange nicht. Und was stellt sich heraus? Die Extremisten von Hamas, die einst die Gemäßigten von Fatah um einen Teil ihrer Macht brachten, stellen sich nun selbst wieder als vergleichsweise gemäßigt heraus, weil sich neben ihnen neue, noch radikalere Gruppen gebildet haben. Hamas ist vielleicht bald schon Fatah. So wie die Taliban neuerdings als geradezu gemäßigt zu gelten haben und sogar Al-Kaida neben IS wie ein Diplomatenkorps wirkt.

Letztes Beispiel, die Amerikaner und ihre Drohnen. Bis vor wenigen Tagen galt das Verhältnis der Deutschen zu den USA als weitgehend zerrüttet, nun applaudiert man ihnen für ihren Einsatz zur Verhinderung eines Genozids an den Jesiden, die in den Bergen hocken, IS auf ihren Fersen. Und womit helfen die Amerikaner? Unter anderem mit Drohnen, jenem Gerät, das in Deutschland dermaßen verpönt ist, dass sich die Verteidigungsministerin damit, bis vor Kurzem, nicht mal fotografieren lassen wollte.

Man könnte diese Reihe von Umwertungen, Strategiewechseln, Verirrungen, ja von dieser ganzen Außenpolitik in Alice’ Wunderland endlos fortsetzen, am Ende zeigen alle Beispiele nur dasselbe: Die Welt ist aus den Fugen, wie sie es seit Jahrzehnten, vielleicht seit siebzig Jahren, nicht war; die Instrumentarien und Begrifflichkeiten der klassischen Außenpolitik zerrinnen einem zwischen den Fingern, die sogenannte Realpolitik zerschellt an Realitäten, die sie nicht nur nicht gestalten, sondern nicht einmal vorhersagen kann. Und auch die Chronisten werden beim Beschreiben ständig vom Beschriebenen überholt.

Das alles ist kein Grund zur Panik, auch keine Ausrede dafür, nichts zu tun. Aber die Kultur der außenpolitischen Großsprecherei, des moralischen Muskelprotzens, die sollte erst mal vorbei sein. Die ehemalige US-Außenministerin Hillary Clinton hat Barack Obama jüngst vorgeworfen, er habe den Terror von IS durch sein zögerliches Eingreifen in Syrien erst möglich gemacht. Tja, das kann sein, es kann aber auch sein, dass ein beherztes Eingreifen in Syrien die Region auf andere Weise in Flammen gesetzt hätte. Man weiß es nicht, auch Clinton weiß es nicht.

Angela Merkel ist aus dem Urlaub zurück. Sie hat als Erstes ihre außenpolitischen Berater zusammengerufen, um sich einen Überblick zu verschaffen. Heiter war diese Sitzung nicht, das Ergebnis: Sie wird auf Sicht fahren, was oft zu wenig ist, in der heutigen außenpolitischen Lage allerdings schon das höchste der Gefühle. Vielleicht ist das jetzt die Stunde ihrer Methode.

Ihre wichtigste Rolle spielt die deutsche Kanzlerin derzeit im Konflikt mit Russland, hier geht ohne sie gar nichts. Als Vermittlerin sieht sie sich gleichwohl nicht, denn sie ist Europäerin und damit Partei. Aber sie regiert ein mächtiges Land, und sie kennt am ehesten den Mann, der auf so gesammelte, konzentrierte Weise außer sich ist, Wladimir Putin.

Vielleicht fliegt sie sogar nach Moskau, um die Eskalation doch noch zu stoppen. Das aber nur, wenn die Sache mit den Lkw nicht vorher ins Auge geht.