Das Dorotheum, es gehört zu Wien wie das Riesenrad, die Lipizzaner, die Sachertorte und die Würstl, die hier leider "Frankfurter" heißen. Und der "Obers-Gupf", wie das piefkinesische "Sahnehäubchen" an der Donau tituliert wird, der Obers-Gupf der weltweitfamosen dorotheanischen Auktionen ist die "Kaiserhaus"-Auktion, die, wohldosiert, nur einmal im Jahr ausgerufen wird. So etwas gibt es einzig nur auf der Wiener Welt! Und deshalb muss man so etwas erlebt haben! Denn! Wer weiß? Wie lange wird es solche Zurschaustellungen von Bizarritäten von Majestäten noch geben, die seit vielen, vielen Jahren schon sehr mausetot sind! Und einfach keinen Nachschub mehr liefern wollen und können!

1707 schon hat der österreichische Kaiser Joseph I. das "Versatz- und Fragamt" gründen lassen, seit 1923 heißt es offiziell Dorotheum. Mittlerweile ist es privatisiert, zu den Besitzern gehören der nicht skandalfreie Immobilientycoon Soravia und der Yellow-Press-Verleger Dichand. Letzter bekannt gegebener Umsatz 2012: 152 Millionen Euro. 600 Mitarbeiter werkeln für diesen Umsatz, darunter, zunehmend seit der Privatisierung, immer mehr Namen alter Familien, Kinsky, Palffy, Löbbecke, Strasoldo, D’Ursel, von Hutten, von Raßler, von Schönfeldt, und zuvörderst steht dem dorotheanischen "Kaiserhaus" voran der erstgeborene Freiherr von Goldlamb, der sich in der austriakischen Republik ob ihrer notorisch pathologischen Adelstitelpolitik nackt und bloß Georg Ludwigstorff rufen lassen muss.

Diese Nobilitierung des Geschäftes ist natürlich Strategie, dient der internationalen Vernetzung, erleichtert die Akquise höheren Auktionsgutes und verleiht dem Getriebe den nostalgischen Nimbus der Authentizität, die direkte Berührung mit blauem Blut, die den Gusto des titel- und adelsgeilen Österreich bedient.

Dazu ist Herr von Ludwigstorff, dessen Urahn dem Kaiser damals als Hofjurist das Stiftungsstatut formuliert hat und der dafür heute einem Saal den hochwohlgeborenen Namen verleiht, Ludwigstorff also ist promoviert in K.-u.-K.-Militärgeschichte und bürgt demnach für Qualität, vulgär wienerisch: ein "Kapazunder" fürs Kaiserliche!

Seit 1994 nun veranstaltet diese profane "Ges.m.b.H. & Co KG" jene ominöse Auktion, begleitet vom opulent edierten Hochglanzkatalog, betulich altbacken fotografiert. Der Umsatz unterschreitet bisher die halbe Million Euro nicht, dieses Jahr lag er mit 148 Objekten bei 615.000 Euro.

Eingeliefert wird alles, was offiziell und privat jemals ein Mitglied des Herrscherhauses Habsburg touchiert hat. Die Einlieferer rekrutieren sich aus dem europäischen Adel, Großeinbringer ist das überlebende Kollektiv der Familie Habsburg, das je nach Todesfällen, Erb-Auseinandersetzungen, Geldbedarf, Überfluss oder Überdruss ankarrt. Und natürlich die Nachfahren der Lakaien, Hofbüchsenspanner oder Oberstsilberkämmerer dieser Ex-Dam- und -Herrschaften, die die ehemaligen Geschenke und, sagen wir, "Besorgungen" – majestätsseitig tolerierte Inbesitznahmen aus Chambre und Antichambre mit pot de chambre von Schloß Schönbrunn etc. – an die Monarchistinnen und gemeinen Connaisseure heute meistbietend zu bringen gedenken. Allen voran die Nachfahren des legendären Leibkammerdieners Eugen Ketterl, Vertrauter des vorletzten Kaisers Franz Joseph, besser bekannt als Ehemann Karlheinz Böhm der Filmhoheit Romy Schneider alias "Sisi". Ketterl war der hoheitliche Devotionalienhändler sui generis seit 1918.

Man meint, die Geschichte persönlich am Schopf packen zu können

Ladenhüter? Liegen bleiben tut nur mal ein goldiger kaiserlicher Ehrenring "Sub Auspiciis Imperatoris" mit allerhöchstem Namenszug in Diamant etc. oder blaublütige Biskuit-Büstchen-Massenware.

Und was, endlich, kommt zum Aufruf?

Spannung! Sie knistert im Auktionssaal!

Wie alles in dieser Stadt ist auch die Auktion – kürzlich war es wieder so weit – Aufführung, und alles ist Theater sowieso.

Wobei, das "Kaiserhaus"-Publikum ist, wienerisch gesagt, ein "sehr spezielles". Gehört zur Inszenierung. Da hippelt das neunjährige Sisi-Mädel neben der Großmamá auf dem Stuhl herum, weil es unbedingt gleich von den gesammelten Kommunionsgeschenkgeldern einen Holzschnitt von Elisabeth ersteigern will.