Wollen wir Dinge, die wir tun, immer wieder tun, obwohl wir keinen Bock auf sie haben – dann hilft es, einen Sinn darin zu erkennen. Nach erfolgreicher Sinnsuche laufen auch Läufer weiter, die ihre Bewegungen als etwas Mühsames empfinden. Sie quälen sich – um sich einen sportlichen Körper anzutrainieren. Sie überwinden sich nach Feierabend – um ungesunde Bewegungslosigkeit tagsüber zu kompensieren. Sie erstreben Leistung – um anderen Willen zu demonstrieren.

Die Bibel für Unlustläufer hat vor fünf Jahren der japanische Schriftsteller Haruki Murakami geschrieben. Wovon ich rede, wenn ich vom Laufen rede hieß seine Schrift, in der er davon erzählt, wie er dazu kam, Marathondistanzen abzuspulen, ohne an seinem Sport wirklich Spaß zu haben. Der "Hauptaspekt des Marathonlaufs" lautet für Murakami: "Die Qual ist eine unvermeidliche Tatsache." Zu dieser Qual gesellt sich beim fernöstlichen Romancier geistiges Vakuum: "Wenn ich laufe, leert sich mein Kopf." Kein Wunder fielen Murakami beim Laufen primär Plattitüden ein: "Und nur der Himmel bleibt zurück. Er existiert und existiert zugleich nicht. Er hat Substanz und ist zugleich substanzlos."

Zum Glück gibt es auch Bücher für jene Menschen, die gerne laufen. Diese Menschen brauchen keine Zeitschriften-Tipps, wie man sich motivieren kann. Sie rennen genießerisch Langdistanzen, einzig des Laufens wegen. Der englische Philosoph Mark Rowlands formuliert für diese Spezies den radikalsten Ansatz. In Der Läufer und der Wolf erklärt er, warum das Laufen keines zusätzlichen Zwecks – wie etwa "dünn werden" oder "Leben verlängern" – bedarf. "Das Laufen", schreibt er, "hat einen inneren Wert." Es gehöre zu den Momenten im Leben, in denen Zwecke und Ziele entfallen. Erkennt dies ein Läufer, wird er belohnt: mit Gedanken.

Anders als bei Murakami aber, der Gedanken beim Laufen mit Windstößen verglich, die durch seine Leere im Kopf ohne nachhaltige Konsequenz hindurchwehen, sind die Gedanken, die sich beim Laufen durch Rowlands’ Kopf bewegen, kluge Bausteine neuer Erkenntnis – und damit spürbarer Gewinn. "In jedem Lauf, der gut verläuft, kommt ein Punkt, an dem das Denken aufhört und die Gedanken anfangen." Für diese Ereignisse macht Rowlands den Rhythmus verantwortlich, die regelmäßige Bewegung, den Pulsschlag – sie verursachen Gamma-Oszillationen mit einer Frequenz von 40 Hz, die Forscher als Schlüssel für die optimale Verarbeitung von Information im Gehirn ansehen.

Locker lassen, schon ist man im Gespräch mit Platon oder Schiller

Genauso wie das Laufen das Nachwachsen neuer Gehirnzellen auslöse, generiere der Prozess des Laufens Erkenntnisse: "Gedanken kommen einem nur, wenn sie so weit sind." Rowlands beschreibt, wie es ihm mehrmals passiert ist, dass schwierige, begriffliche, abstrakte Probleme, an denen er lange herumgekaut hatte, sich plötzlich, beim Laufen, von alleine lösten. An solch gelöste Knoten erinnert das Buch: Rowlands’ Sätze sind messerscharf formuliert.

Unmittelbar spricht der Autor natürliche diejenigen an, die das Laufen per se längst als eine Form der Erfüllung erster Klasse entdeckt haben – also Seelenverwandte. Aber das Buch hat die Qualität, ansteckende Wirkung zu entfalten. Wer aus Pflichtbewusstsein läuft, dem macht Rowlands ein Angebot, um Druck in Lockerheit zu verwandeln. Denn seine unverhohlene Freude an den Fähigkeiten des Ausdauerjägers Homo sapiens, der sein Können in Jahrmillionen perfektionierte, beschreibt er so engagiert und klug, dass sich vielleicht sogar der Nie-und-nimmer-Läufer über Umwege bezirzen lässt. Denn das Langstreckenlaufen ist nicht nur physisch ein Akt der Befreiung, sondern auch geistig.