Er überrascht immer wieder: Eine Saison lang schien sich Pep Guardiola vor der Öffentlichkeit zu verstecken – und hat dem Journalisten Martí Perarnau doch einen tiefen Einblick in seine Arbeit gewährt. Herausgekommen ist das Porträt eines Trainers, der sich nicht scheut, sich und sein Team auf der Suche nach einer gemeinsamen Identität immer wieder infrage zu stellen – so wie in dieser Begegnung während eines Abendessens, das vor einem Jahr in München stattfand.

Pep verschlingt die Kartoffelcremesuppe. Er isst mit Genuss, hat offenbar Hunger. Es scheint, als habe er seit gestern Abend nichts gegessen. Auf meine Frage hin nickt er: Vor einem Spiel kriegt er keinen Bissen hinunter. Draußen gießt es wieder in Strömen. Wir sitzen beim Essen, und auch die ersten Besucher sind gekommen: Freunde aus New York und Barcelona. Alle haben den Sieg des FC Bayern über Nürnberg in dem harten bayrischen Derby in der Allianz Arena miterlebt. Eine merkwürdige Partie, die ein ambivalentes Gefühl hinterlässt, mit Götzes Debüt und der schweren Verletzung von Thiago, der soeben angerufen und uns gebeten hat, mit dem Essen auf ihn zu warten; doch nach zehn Minuten ruft er wieder an, um uns mitzuteilen, dass er nicht kommt. Sein Fuß tut ihm so weh, dass er nicht auftreten kann und im Hotel bleiben muss. In den nächsten Stunden wird sich herausstellen: Er muss sich einer Operation am Fußgelenk unterziehen.

Die Bayern haben eine unsägliche erste Halbzeit gespielt. Es scheint, als hätten die Spieler den Ball nur deshalb hin und her geschoben, um den Trainer zufriedenzustellen, sagt einer der Gäste. Und prompt gibt der Trainer eine seiner berühmten Erklärungen ab:

"Aber das ist doch genau das, was ich hasse, sich den Ball einfach nur zuspielen, dieses Tiki-Taka. Das ist dummes Zeug und führt zu nichts. Man muss den Ball in einer bestimmten Absicht in den eigenen Reihen halten, in der Absicht nämlich, vors gegnerische Tor zu kommen und Schaden anzurichten."

Auch die drei Kinder von Pep Guardiola und die zwei des Ehepaars aus New York haben Hunger, doch sie begnügen sich mit der Kartoffelcremesuppe, die als Vorspeise serviert wird. Wir müssen warten, hat der Vater zu ihnen gesagt, es kommen noch Freunde aus Barcelona. Es ist der erste Familienbesuch seit ihrer Ankunft in München vor genau zwei Monaten. Das überrascht und zeigt einmal mehr die tiefe Kluft, die sich zwischen dem FC Barcelona, der Guardiola einst vergötterte, und dem Trainer aufgetan hat. Man hätte erwarten können, dass eine Flut von Freunden und Bekannten aus Barcelona nach München gekommen wäre, um Pep zu besuchen, doch erst heute sind die Ersten eingetroffen, befangen, beinahe inkognito. Dieses Phänomen wird während der gesamten Saison zu beobachten sein, sowohl was Freunde und Bekannte angeht (nicht mehr als zwölf werden es im ganzen Jahr sein), als auch die katalanische und spanische Presse.

Das Bankett wird von Peps Ausführungen beherrscht. Es geht um Ähnlichkeiten und Unterschiede zwischen Barça und Bayern. Für den katalanischen Trainer ist es wie eine Befreiung von den Gedanken, die er seit zwei Monaten mit sich herumschleppt. Die Partie gegen Nürnberg war dafür der perfekte Auslöser: unterirdisch schlecht am Anfang, explosiv am Ende. Alle am Tisch wollen wissen, was er in der Pause zu seinen Spielern gesagt hat, um eine derartige Wandlung zu bewirken: "Nicht viel. Nur vier Worte: Was spielt ihr eigentlich?"

Er hat ihnen gesagt, dass sie sich lösen, sich befreien müssen. Dass er ihnen in den zwei Monaten, die sie jetzt zusammen sind, nicht ein einziges Mal gesagt habe, sie sollen so spielen wie Barça. Nicht ein einziges Mal. Dass er von ihnen nie verlangt habe, so zu spielen, als wollten sie ihm gefallen. Dass ihr Spiel den 71 000 Fans gefallen müsse, die bei jedem Spiel die Allianz Arena füllen. Pep hat von seinen Spielern lediglich verlangt, dass sie sie selbst sind.

"Ich möchte nur, dass sie ein paar Meter gemeinsam vorrücken, damit wir nicht getrennt stehen, wenn wir den Ball verlieren. Jede deutsche Mannschaft lässt dich in einen Konter laufen, dass dir die Luft wegbleibt, und wenn wir dann getrennt stehen, werden sie uns überrennen. Das ist das Einzige, was ich will: dass Dante einen langen Diagonalpass auf Robben spielt, aber nicht aus unserer Hälfte heraus, sondern bereits in der Nähe des Mittelkreises. Wenn Robben dann den Ball verliert, sind wir alle ganz nah bei ihm und können den Ball ohne große Probleme zurückerobern. Wenn Dante den Pass jedoch zu früh schlägt, aus unserer Hälfte heraus, und Robben verliert den Ball, zack, bum!, schon leiten sie einen Konter ein."

Pep unterstreicht seine Worte mit denselben ausladenden Gesten wie von der Bank aus. Manchmal sieht es aus, als würde er gleich aufspringen und uns auffordern, ein imaginäres Spielfeld zu bilden, gleich hier im Restaurant. Er fasst den amerikanischen Freund am Arm und sagt zu ihm: "Bastian ist die pure Bayern-DNA. Man spürt in jeder Sekunde, dass sein Körper darauf brennt, zu rennen. Das gefällt mir."

Aber wie, unterbricht ihn einer der Freunde aus Barcelona, sei dann die anfängliche Schwäche mit dieser Bayern-DNA zu vereinbaren?

"Von dem Moment an, wenn sie zusammen ins Mittelfeld vorrücken, möchte ich, dass sie nur noch Bayern pur sind, dass sie sich lösen, dass sie ihre DNA freisetzen, dass sie laufen, sich befreien. Darin sind sie wie Monster. Das lieben sie. Und ich liebe es, wenn sie das tun. Dass sie rennen. Dass sie über die Außen das Spiel öffnen und nach innen flanken. Nicht um direkt aufs Tor zu schießen, das geht nicht sofort, sondern um den gegnerischen Abwehrversuch auszunutzen und den zweiten Angriff zu starten, den wirklich gefährlichen. Wenn wir gemeinsam angreifen, kommt der abgewehrte Ball wieder zu uns, und dann werden wir der Abwehr wirklich wehtun, weil wir sie auf dem falschen Fuß erwischen. Das habe ich ihnen gesagt, so will ich es haben."

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