So unternahm ein Abgesandter des MDF, der Kinderarzt Pál Csóka, eine Erkundungstour und fragte am 11. August in St. Margarethen nach dem Bürgermeister. Man schickte ihn zu Waha, der gerade eine Weinkost eröffnete. "Mein Vater war von der Idee der Grenzöffnung begeistert", erzählt Andreas Waha junior. Günstigerweise waren einige derer, die im Burgenland das Sagen hatten, bei der Weinkost anwesend, sodass die Bewilligung im Expresstempo organisiert werden konnte. Flugblätter, die auf das Picknick hinwiesen, tauchten in Flüchtlingslagern in Budapest und auch am Plattensee auf. "Wir waren das nicht", versichert der damalige MDF-Mann Nagy, für den die Spuren dieser Verteilungsaktion zu westdeutschen Diplomaten führen.

Dutzende DDR-Bürger schlichen in diesen Wochen nächstens auch auf eigene Faust über die Grenze. Unter ihnen war die Familie von Jochen Rocke, einem ehemaligen DDR-Boxmeister. Als sie im Westfernsehen Berichte aus Ungarn sahen, setzten sie sich in Ost-Berlin in ihren Škoda 105 und fuhren in die Nähe von Sopron, wo sie in Richtung Mörbisch losmarschierten. "Wir sind sechs Stunden herumgeirrt", erinnern sich die Flüchtlinge.

Auf österreichischer Seite nahm sie Martin Kanitsch in Empfang, der sie zu sich nach Hause einlud. Der 40-jährige Kanitsch hatte Urlaub genommen, um Flüchtlingen zu helfen. "Mein Mann fuhr nach Ungarn, verteilte Kompasse und Landkarten, ohne Geld zu verlangen", berichtet Berthilde Kanitsch, die Witwe des 2009 verstorbenen Fluchthelfers. Bis zu 400 Menschen habe er nach Österreich gebracht, 28 Flüchtlinge übernachteten in ihrem Einfamilienhaus in Mörbisch. "Ich habe für sie gekocht, und zwar das, was man bei uns Gästen serviert: Wiener Schnitzel mit Reis und Salat", erinnert sich Frau Kanitsch und zeigt einen dicken Packen mit Briefen, die sie von "ihren" Flüchtlingen erhalten hat. Manche, wie die Rockes, kommen gelegentlich auf Besuch.

Die Phase der illegalen Grenzwechsel war 1989 rasch zu Ende. In der Nacht auf den 11. September öffnete Ungarn die Grenzen für alle, Zehntausende DDR-Bürger fluteten über das, was einmal der Eiserne Vorhang war. Burgenländische Grenzübergänge wie Klingenbach verwandelten sich in Einkaufsmeilen, Elektrogeschäfte und Baustoffmärkte stillten den ersten Konsumhunger der ins Land strömenden Ungarn.

Ein goldenes Zeitalter begann. Österreichische Unternehmer drangen in kurzer Zeit in den gesamten Ostblock vor. Besonders viele starteten in Ungarn, "weil da der Eiserne Vorhang schon länger Rostlöcher hatte", sagt Erhard Busek, 1989 schwarzer Wissenschaftsminister in der vom Sozialdemokraten Franz Vranitzky geführten Koalitionsregierung Österreichs.

Fast wie in einem Goldrausch machten sich die Geschäftsleute nach dem Osten auf, darunter auch Kleinunternehmer, die sich bisher noch nie über die Grenze gewagt hatten. Dass Österreich in dieser frühen Phase Exportgiganten wie Deutschland voraus war, habe auch mit der "emotionalen Nähe" zu den Nachfolgestaaten der 1918 untergegangenen Donaumonarchie zu tun, meint Busek, der damals selbst oft um Rat gefragt wurde. Vor der Wende war der liberale ÖVP-Mann als einer der wenigen Spitzenpolitiker Österreichs regelmäßig in den Osten gefahren und hatte ein Netzwerk mit Bürgerrechtlern geknüpft.

Offiziell handelte Österreich in den Wendejahren stets so, "dass wir keinen verärgert haben", wie Vranitzky 2014 in einem Interview bekannte. Das Magazin profil bezeichnete Österreichs traditionelle Haltung gegenüber KP-Machthabern als ebenso "unterwürfig" wie "geschäftstüchtig". Schon 1953 schloss die Wirtschaftskammer mit Zustimmung der Regierung ein Handelsabkommen mit der DDR, lange vor der diplomatischen Anerkennung Ostdeutschlands und in aller Heimlichkeit, um die westdeutsche Regierung in Bonn nicht zu provozieren. Österreich lieferte schlüsselfertige Stahlwerke in den Osten und unterhielt beste Beziehungen. An dieser Mentalität hat sich seither offenbar wenig geändert. Vor wenigen Wochen wurde in Wien der vom Westen scharf kritisierte russische Präsident Wladimir Putin von Wirtschaftsfunktionären begeistert empfangen.

Russlands Entwicklungspotenzial bringt österreichische Unternehmer heute so ins Schwärmen, wie das nach 1989 Osteuropa tat. Auch die früheren Osthändler, die vor 1989 von unscheinbaren Büros in Wien aus mit "Kompensationsgeschäften", etwa eingelegtes Gemüse gegen Fabrikausstattungen, Millionen umgesetzt hatten, blieben im Spiel. Manche bauten gleich neue Hotelketten auf, "weil sie ja wussten, wen man schmieren muss" (Busek).