Die drittgrößte Stadt Estlands heißt Narva, sie liegt an der russischen Grenze und wird zu 95 Prozent von Russen bewohnt. Wird sie der Schauplatz der nächsten europäischen Krise? François Heisbourg, Chef des International Institute for Strategic Studies (IISS) in London, kann sich das durchaus vorstellen. "Diese Leute leben nicht in Europa", sagt Heisbourg, der kürzlich in Narva war. "Die estländische Technologierevolution ist an ihnen spurlos vorübergegangen, sie haben meistenteils keine Arbeit, die Unzufriedenheit ist groß. Und nun malen Sie sich einmal aus, von Moskau unterstützte Separatisten besetzten die Polizeistation und das Rathaus. Estlands Sicherheit wird von der Nato garantiert, deren Mitglied es ist. Aber was soll die in so einem Fall tun?"

Ein gespenstisches Szenario, wie derzeit etliche im Westen herumgeistern. "Auf solche Herausforderungen haben wir einfach keine Antwort", sagt David Kramer unumwunden. Er leitet den amerikanischen Thinktank Freedom House. "Schlimmer noch", setzt er fort, "die Russen bestimmen die Agenda, und der Westen reagiert immer nur." Im Brüsseler Nato-Hauptquartier wird das genauso gesehen. "Wir wissen einfach nicht, was da noch alles auf uns zukommt", heißt es dort. Ein Armutszeugnis angesichts der Heerscharen von Russland-Experten, die Moskaus Politik tagein, tagaus analysieren.

Wenigstens hat man schon einen schicken Begriff gefunden: "hybride Kriegführung". Damit ist gemeint, dass ein Staat – in diesem Fall Russland – alle Register zieht bis auf eines, die direkte militärische Aggression. Stattdessen startet er Cyberattacken und Propaganda im Internet, unterstützt Separatisten politisch, finanziell und mit Waffen – und zieht an der Grenze Truppen zusammen, um zu zeigen, wo der Hammer hängt.

Die Nervosität im Westen ist groß. So groß, dass Barack Obama und Angela Merkel am vergangenen Samstag die Russen ganz offen warnten, "dass jede russische Intervention, auch zu angeblich humanitären Zwecken, ohne die förmliche, ausdrückliche Zustimmung und Genehmigung der Regierung der Ukraine unakzeptabel ist und zu zusätzlichen Konsequenzen führen würde". Am Dienstagmorgen war dann tatsächlich ein Konvoi in Moskau aufgebrochen: 280 Lastwagen mit Wasser, Lebensmitteln und Medikamenten für die umzingelten Städte der Ostukraine. Kiew protestierte und ließ den Konvoi an der Grenze stoppen – das war der Stand zum Redaktionsschluss am Dienstagabend.

Wenn das noch keine Aggression war, dann doch ihre Vorstufe. Im politischen Berlin fällt es jedoch vielen schwer, für derartiges Verhalten die passenden Begriffe zu finden. "Wir sind solche Worte nicht mehr gewohnt", sagt Rolf Mützenich, Fraktionsvize der SPD im Bundestag. "Wir haben erlebt, wie der Ost-West-Konflikt weitgehend friedlich beigelegt wurde. Wir glauben im Grunde, dass der Zivilisationsprozess unaufhaltsam ist. Deshalb gibt es da jetzt so eine Ratlosigkeit, eine Sprachlosigkeit."

Doch dass sich grundsätzlich etwas verschiebt und der Ärger mit Russland eben nicht bloß ein Gewitter ist, dessen Ende man kaltblütig abwarten kann, diese Erkenntnis ist endlich im Berliner Außenministerium angekommen. "Das ging von oben nach unten", sagt ein Insider, der nicht namentlich genannt werden will. "Die mittlere Ebene im Ministerium muss da noch umlernen. Viele Beamte haben ihre Karriere in der Zeit der Entspannungspolitik gemacht. Aber Frank-Walter Steinmeier und die Kanzlerin erkennen, dass sie vor einer neuen Lage stehen."

Europas Außenpolitiker sind großenteils im Sommerurlaub, die Chefs machen Politik per SMS. Dagegen läuft die Maschinerie der Nato in Brüssel auf vollen Touren. Hier wird das Gipfeltreffen vorbereitet, das in drei Wochen in Wales abgehalten werden soll. Es sollte eigentlich eine unspektakuläre Veranstaltung werden, doch das geht jetzt nicht mehr. "Nach den Nato-Einsätzen in fernen Ländern schwingt das Pendel nun wieder zurück zu kollektiver Verteidigung und Abschreckung", sagt ein General, der anonym bleiben will. Und er zählt auf, was alles beschlossen werden soll: die Verlegung von Truppen intensiver zu üben, den Luftraum der östlichen Nato-Partner besser zu überwachen, die Verteidigungshaushalte aufzustocken.