Meschach ist ein seltsames kleines Dorf. Gleich hinter der stattlichen Marktgemeinde Götzis im Vorarlberger Rheintal geht es durch bewaldetes Terrain steil bergauf. Man muss nur ein paarmal aufs Gaspedal steigen, und schon ist man da. Trotzdem hat man das Gefühl, eine Zone zu betreten, die in einer anderen Seinsfalte eingelagert ist: in weiter Ferne so nah. In großer Nähe so fern.

Nur 70 Einwohner, zahlreiche Gehöfte, von denen die wenigsten noch bewirtschaftet werden, eine romantische neugotische Kirche aus dem 19. Jahrhundert, in der zur Weihnachtszeit die berühmte Meschacher Krippe des Bildschnitzers Erasmus Kern aus dem Jahr 1624 aufgestellt wird. Die Hauptstraße windet sich in Serpentinen von 700 bis auf 1.300 Höhenmeter hinauf. Über den Ort verteilt sind fünf Gasthäuser – Raststätten vor allem für Tagestouristen auf dem Weg zum beliebten Ausflugsberg Hohe Kugel. Rechts dräut die tiefe Örflaschlucht, in der heute Nebelfetzen mystisch wabern. Schon drängt sich der Eindruck auf, hier hätten sich die Natur und die Imagination eines Autors verbündet, um Romane hervorzubringen, die aus der Zeit gefallen scheinen. In denen Kinder mit "entseelten Augen" starren, "cherubinische Stimmen" ertönen und "Rumor" die Luft erfüllt.

Hier lebt der Schriftsteller Robert Schneider. Sein unaufhaltsamer Aufstieg war eine der erstaunlichsten literarischen Erfolgsgeschichten der 1990er Jahre. Sein Debüt, die Novelle Schlafes Bruder, über den Musiker Johannes Elias Alder, der, wie es im Klappentext heißt, "zweiundzwanzigjährig sein Leben zu Tode brachte, nachdem er beschlossen hatte, nicht mehr zu schlafen", wurde von 24 Verlagen abgelehnt, ehe sich Reclam in Leipzig des Werkes annahm. Die Kritik war wohlwollend, die Verkäufe von Anfang an gut. Doch dann war das Buch nicht mehr zu stoppen: Nach der Verfilmung des Stoffes wurde die Millionengrenze geknackt, bald folgten noch eine Oper, ein Ballett und Übersetzungen in 24 Sprachen. Und die Journalisten strickten an der Legende, dass hier einer Art Alp-Öhi durch einen Akt der magischen Transsubstantiation ein literarisches Zauberkunststück gelungen sei.

Eine Darstellung, der Robert Schneider vehement widerspricht: "Ich war natürlich nie dieser zurückgebliebene Bauerntrottel, den manche Kritiker gern in mir sehen wollten. Gleich nach Schlafes Bruder gab es ja dieses Klischee: dieser arme Kerl, der adoptiert wurde und dann in einem Bauerndorf vegetierte, wo er fast verreckt ist. Das stimmte ja alles nicht. Ich war vital und voller Lebensfreude. Ich habe jahrelang in Wien bei Erich Urbanner Zwölftonmusik studiert. Und dann sahen die noch, dass ich nicht einmal bescheiden war. Mich hat ein Satz von Goethe immer begleitet: 'Nur die Lumpe sind bescheiden, Brave freuen sich der Tat.' Ich war nicht bescheiden. Ich habe es denen auch gesagt: Ich habe das Buch geschrieben, nicht ihr."

Der Schriftsteller deutet auf ein kleines Häuschen weit oben am Saum des Waldes: "Die Volksschule", sagt er, "in der ich von dem ehemaligen ORF-Star Elmar Oberhauser unterrichtet wurde. Er hat seine Laufbahn ja als Lehrer begonnen."

Der Bauernhof, in dem er selbst mit seiner Frau Christina und drei kleinen Söhnen lebt, befindet sich am Ortseingang und fällt mit blau gestrichenen Fassadenelementen ein wenig aus dem Rahmen. Mit den Tantiemen für Schlafes Bruder und dem Vorschuss für den zweiten Roman Die Luftgängerin – "es waren nicht Millionen, wie die Medien berichtet haben, aber ein hübsches Sümmchen" – hat Robert Schneider das alte Haus seiner verstorbenen Adoptiveltern, in dem er fast sein ganzes Leben verbrachte, renoviert und modernisiert. "Ansonsten bin ich mit dem Geld eher locker umgegangen. Gute Freunde haben mir geraten, es anzulegen, und haben dann selbst in der Dotcom-Blase alles verloren. Ich erfüllte mir lieber meine Bubenträume und kaufte mir, ganz klassisch, einen kleinen, roten 56er Corvette-Sportwagen."

"Was aber blieb, war die Sehnsucht, eine Geschichte zu erzählen"

Mittlerweile ist der Schlitten, der in Meschach wie der Sendbote einer fernen, merkwürdigen Zivilisation gewirkt haben muss, längst wieder aus der Garage ausgezogen und hat Platz gemacht für einen familienfreundlichen Kombi. Auch die Tantiemen sprudeln heute, naturgemäß, längst nicht mehr so üppig wie in den neunziger Jahren.

Der Erstling wurde bejubelt, dann traf den Autor die ganze Häme der Kritik

"Geld hat damals keine Rolle gespielt", sagt Robert Schneider. "Als ich für den Roman Die Unberührten recherchierte, die Geschichte von armen rheintalischen Kindern, die in den 1920er Jahren nach Amerika verschickt wurden, weil die Not in der Heimat zu groß geworden war, leistete ich mir eine Wohnung in New York, in der ich dann ein Jahr lang gelebt habe. Nur um die Schauplätze, an denen mein Buch spielen sollte, genau zu studieren: die Brooklyn Bridge, die Lower East Side, Mahoney’s Bar in der Park Row. Und irgendwann war plötzlich alles wieder vorbei." Robert Schneiders zweiter Roman, Die Luftgängerin, fünf Jahre nach dem Debüt erschienen, wurde von der Kritik rituell geschlachtet. Dieselben Leute, die sich bei dem Erstling an der archaischen und bildhaften Sprache eines Autors berauscht hatten, der buchstäblich um den Klang und die Bedeutungstiefe jedes einzelnen Wortes kämpfte, sprachen nun plötzlich von Kitsch, von Sprachverblasenheit und von einem Metaphernfriedhof.

Die Verkäufe des Gesellschaftspanoramas einer bäuerlichen Region im industriellen Wandel waren zwar immer noch gut, doch die Karriere von Robert Schneider war dauerhaft beschädigt. Mit jedem darauffolgenden Roman halbierte er seine Leserschaft und diminuierte seine Einkünfte. Was ihn nicht störte: "Ich war immer der Meinung: Das Geld muss mir dienen und nicht ich dem Geld."

Das Finanzielle war somit nie ein Problem. Bis sich eine entscheidende Peripetie im Leben des notorischen Junggesellen ereignete: Mit Ende vierzig lernte Robert Schneider seine große Liebe kennen, und der Begriff Familienplanung, der bislang nicht zu seinem Vokabular gezählt hatte, wurde plötzlich virulent: "Ich sagte zu Christina: Tut mir leid, mit meinen derzeitigen Einkünften kann ich keine Familie ernähren." Und so wurde ein Deal verabredet: Schneiders zukünftige Frau ging weiterhin ihrem Beruf als Langstreckenpilotin der Lufthansa nach, der Autor betreut bis heute die ständig gewachsene Familie. Er betätigt sich als Hausmann, fährt die Söhne in die Vorschule hinunter nach Götzis und holt sie wieder ab. Und widmet sich seiner neuen Leidenschaft: dem Dokumentarfilm.

Eigentlich ist der heute 53-jährige Robert Schneider kein Schriftsteller mehr: Sein letzter Roman Die Offenbarung wurde vor sieben Jahren veröffentlicht. Es ist die Geschichte einer zufällig gefundenen Partitur von Johann Sebastian Bach, welche die Musikwelt und das beschauliche Leben in dem ostdeutschen Städtchen Naumburg an der Saale durcheinanderwirbelt. Ein Werk, das von den wenigen Kritikern, die sich noch die Mühe machten, Robert Schneider zu rezensieren, freundlich aufgenommen wurde. Man bescheinigte dem Autor, der eher für seinen hohen Ton und seinen heiligen Ernst berühmt war, plötzlich Wortwitz und ein gewisses karikaturistisches Talent, mit dem er Figuren des Kulturbetriebes zur Kenntlichkeit entstellte. 50.000 Bücher, sagt er, seien verkauft worden, es hätte ein neuer Anfang sein können.

Nach seinem letzten Buch verbrachte er seine Zeit mit Gartenarbeit

Stattdessen ist der Schriftsteller Robert Schneider, auch durch die Traumata, die der geballte Hass des Feuilletons bewirkt hatte, wohl dauerhaft verstummt. Aber: "Ich bereue nicht einen einzigen Satz, den ich geschrieben habe. Im Gegenteil: Ich bin immer noch stolz auf meine Bücher. Auch wenn sie gar nicht mehr erhältlich sind."

Nach dem Bach-Roman habe er ein paar Anläufe genommen, ein neues Buch zu schreiben, doch nach 30, 40 Seiten war immer Schluss. Da sei keine Dringlichkeit gewesen, keine Lust, keine Notwendigkeit: "Ich habe nach der Offenbarung eine erfrischende, wohltuende, textlose Zeit erlebt. Damals arbeitete ich viel im Garten, bewegte Steine. Für mich war es immer ein ganz großer Genuss, keine Texte machen zu müssen. Was aber blieb, war die Sehnsucht, eine Geschichte zu erzählen. So kam ich ganz spielerisch auf die Dokumentarfilmerei und dachte mir: Dieses Handwerk möchte ich noch einmal richtig von der Pike auf lernen."

Die dokumentarische Arbeit ist für Robert Schneider eine Suchbewegung. Die Möglichkeit, Geschichten neu und anders zu erzählen, den Rhythmus von Mimik und Gestik zu erkunden. Sein ambitioniertestes Projekt war bisher eine Serie von Clips unter dem Namen Silent Faces, die in der Karwoche online gestellt wurden und 48 Vorarlberger Persönlichkeiten zeigen – vom ehemaligen Politiker über den Skistar bis zur zufälligen Passantin in der aufgehübschten Fußgängerzone von Götzis –, die auf eine Frage nach ihrem Sein oder Bewusstsein eine Minute lang nicht antworten dürfen. Einmal musste die Filmaufnahme abgebrochen werden, weil eine aus Bosnien stammende Teilnehmerin zu weinen begann, als sie sich an die Kriegsgräuel in ihrer Heimat erinnerte.

"Ich glaube ohnehin, dass es mit der Literatur vorbei ist"

Mit diesem Projekt verlieh Robert Schneider seinem altem Credo aus den neunziger Jahren eine neue visuelle Kontur: der Verkümmerung des Herzens im "gotterbärmlichen Opportunismus und der schwitzenden Eilfertigkeit" des Tages entgegenzuwirken; so hat er es in einem Essay für das Magazin Spiegel im Jahr 1998 formuliert.

Die Parzelle Meschach ist mittlerweile mit dem Auto in alle Richtungen durchmessen worden. Der Autor und sein Besucher haben sich am höchstgelegenen Gasthaus am Fuße der Hohen Kugel vor Wind, Wetter und Regen in Sicherheit gebracht. In der guten Stube zündet sich Robert Schneider eine Zigarette an und blickt zurück – ganz ohne Zorn: "Ich war ja so etwas wie ein One-Hit-Wonder: ein kometenhafter Aufstieg, ein rauschhafter Erfolg. Und dann eine lange Phase des Vergessenwerdens. Aber ich glaube ohnehin, dass es mit der Literatur vorbei ist. Weil das Buch einfach ein Medium des 19. Jahrhunderts ist und heute nicht mehr funktioniert. Wenn ich meine Kollegen sehe, die es immer noch wagen, einen Roman zu schreiben – und ich bewundere sie ganz tief –, ist das so ein Ferngefühl, ein Wehmutsgefühl: Sie kämpfen auf so heillos verlorenem Posten."