Die Welt brennt, da weist ausgerechnet ein Brandmal in eine bessere Zukunft. Mit dem glühenden Ring eines Schürhakens besiegeln der SS-Offizier Johannes und "Wildauge", die Hebamme des lappischen Dorfes Petsamo, im September 1944 ihre Verlobung. Um sie herum tobt der Zweite Weltkrieg. Gerade haben die finnischen Truppen vor der Sowjetunion kapituliert; sie sind nun nicht mehr Verbündete, sondern Gegner der Deutschen, die es aus dem Land zu vertreiben gilt. Hier, am Wendepunkt des Krieges, wandelt sich auch die Beziehung: Aus dem Begehren wird ein Versprechen – ein angesichts der neuen militärischen Konstellation mehr denn je bedrohtes.

Wildauge, der dritte Roman der finnischen Autorin Katja Kettu, erzählt die Geschichte einer unmöglichen Liebe. Bis in das von der Wehrmacht eingerichtete Gefangenenlager Titowka an der russischen Grenze, wohin Johannes abkommandiert wird, folgt die namenlose Hebamme, die wegen ihres intensiven Blickes Wildauge genannt wird, dem SS-Mann. Nach der Kapitulation der Finnen wird sie, zuvor Krankenschwester, schließlich selbst zur Gefangenen.

Längst sind da alle Vorstellungen von Gut und Böse verschwommen. Vorderhand steht Johannes für das Böse. Je länger man liest, desto mehr wachsen allerdings die Zweifel. Nur mit Methadon erträgt er die Gewalt; er leidet unter Wahnvorstellungen, ist seit seiner Beteiligung am Massaker in Babi Jar traumatisiert. Wildauge schenkt Leben und verkörpert damit das Gute? Mitnichten. Sie macht sich zur Täterin, weil sie im Kuhstall des Lagers, wo Gefangene vergewaltigt und für medizinische Versuche missbraucht werden, massenhaft Abtreibungen durchführt.

Die widersprüchlichen Figuren spiegeln perfekt die Situation, in der sie leben. Wildauge verfügt über animalische Kraft, körperlich wie sprachlich, und doch schwindet ihr Lebensmut, bis einzig die Sehnsucht nach Johannes, von dem sie schwanger ist, sie am Leben hält. Der Offizier tritt brutal auf, ist aber außerstande, Wildauge vor Übergriffen zu beschützen. Ihre Beziehung wirkt mal zärtlich, im nächsten Moment wieder roh wie der Krieg, innige Liebesszenen gehen nahtlos über in reine Triebbefriedigung.

Nicht gut tut dem Roman sein allzu unwahrscheinliches Ende. Hinzu kommen teils haarsträubende Pirouetten. Beispielsweise findet die nach einer Gewaltorgie zahnlose Hebamme ihre Sprache wieder, indem sie das Gebiss des getöteten Lagerkommandanten einsetzt. Wenig später entpuppt sich ein Spion im Dienste der Sowjetunion als ihr Vater. Auch die nicht sonderlich originelle Erzählweise mit fiktiver Herausgeberin und die den jeweiligen Abschnitten vorangestellten Briefe des Vaters an Wildauge haben keinen narrativen Effekt, außer den Lesefluss zu stören.

So lebt das Buch von seiner Sprache und Symbolik. Der ruppige Ton, in dem Gewalt allgegenwärtig und in dem permanent von "Mösen" die Rede ist, von "Schwänzen" und "Rammlern", passt bedrückend gut zum grausamen Geschehen. Weil der Krieg selbst in intimste Momente eine Atmosphäre größter Bedrohung trägt, produziert er Misstrauen und Angst, Abstumpfung und Brutalität – aber ebenso eine eigentümlich intensive Liebe, die Unsicherheit durch Leidenschaft kompensiert. Das Brandmal bleibt dafür nur ein Zeichen, und zwar ein besonders treffendes. Eigentlich eine Narbe, symbolisiert es auf ewig die Verbindung zwischen Wildauge und Johannes.