Was ein einziger Besuch nicht alles verändern kann. Bis Dienstag dieser Woche konnte sich Sigmar Gabriel sehr sicher sein, mal wieder ein Thema gefunden zu haben, bei dem er die Mehrheit der Deutschen hinter sich weiß. Die meisten Deutschen sind gegen Waffenexporte. Also wollte auch der SPD-Chef weniger Panzer und Gewehre in andere Länder liefern. Die Rüstungsfirmen meckerten. Genauso wie die Koalitionspartner von CDU und CSU. Ein politischer Konflikt, ganz nach Gabriels Geschmack.

Bis die Jesiden kamen.

Am Dienstag empfing der SPD-Chef eine Delegation jenes Volkes, das im Norden des Iraks gerade regelrecht hingemetzelt wird – von den Milizen der Terrororganisation Islamischer Staat (IS). Die Jesiden berichteten von ihrem Leid. Und nach dem Treffen war es Gabriel, der von "Genozid" sprach und der "Vorbereitung eines Völkermords".

Im Laufe des Tages wurde dann klar: Es wird deutsche Unterstützung geben. Auch die Lieferung von Rüstung ist kein Tabu mehr. Sollen die Deutschen doch über Rüstungsexporte denken, was sie wollen.

Lange wurde in Berlin gerätselt, was genau die "neue deutsche Verantwortung" bedeutet, von der in den vergangenen Monaten zunächst Bundespräsident Joachim Gauck und dann der Außenminister und die Verteidigungsministerin sprachen. Wie – und wo – soll dieser Verantwortung nachgekommen werden? In der Zeit der schwarz-gelben Regierung waren zwar die Rüstungsexporte gestiegen, aber außenpolitisch hatte man Zurückhaltung propagiert. Und nun, da überall von "Verantwortung" die Rede war, sollten die Exporte sinken?

Am Dienstag dieser Woche brachen alle Koalitionsgrenzen auf. "Mit Protestbriefen wird man IS nicht stoppen", warnte ausgerechnet Linke-Fraktionschef Gregor Gysi. Er wurde noch von den eigenen Leuten zurückgepfiffen. Aber die Spitzen der Regierungsparteien hatten da längst beschlossen, bis an die Grenze des rechtlich Möglichen zu gehen. Eigentlich verhindern die deutschen Rüstungsexportrichtlinien Waffenlieferungen in Kriegsgebiete. Also versprach Verteidigungsministerin Ursula von der Leyen den bedrohten Kämpfern im Nordirak zunächst nur gepanzerte Fahrzeuge, Schutzwesten und Minensuchgeräte. Aber hochrangige Regierungspolitiker ließen durchblicken, man sei angesichts der Lage im Irak möglicherweise auch zu mehr bereit.

Der Krieg schafft jetzt die Fakten.

Im vergangenen Jahr genehmigte die Bundesregierung Rüstungsausfuhren im Wert von mehr als acht Milliarden Euro; allein die Zahl der exportierten Kleinwaffen stieg um 43 Prozent. Dabei zählte vor allem die Erhaltung von Jobs. Doch inzwischen geht es bei der Frage, wie Deutschland es künftig mit der Rüstung hält, um mehr. Es geht um die Frage, wo in der Welt mit deutschen Waffen getötet werden darf – und von wem. Wo sie helfen könnten, den Frieden zu sichern – und wo sie die Welt gefährlicher machen.

Denn es steigt ja nicht nur die Zahl der Konflikte rund um den Erdball. Immer häufiger wird dabei auch mit Waffen made in Germany getötet. Sie sind begehrt, und zwar längst nicht nur bei den Militärs befreundeter Staaten. Auch Rebellen, Milizen und Terroristen schätzen sie wegen ihrer Präzision und Zuverlässigkeit. So tauchen deutsche Waffen über Umwege immer wieder in Gegenden auf, in die sie laut Gesetz nicht geliefert werden dürften – und richten sich dann auch gegen Verbündete.