Stefan Schmitz blickt mit einer Tasse Kaffee in der Hand über den Campingplatz von Blanes. Viele leere Stellplätze dieses Jahr. Freie Sicht bis zum Toilettenhaus. Über die Jahre hat Schmitz verfolgt, wie das Meer seinen Strand wegfraß. Es gab Januartage, an denen saß er zu Hause im Bergischen Land und schaute im Internet den Stürmen zu, der entfesselten Wucht, mit der sie über Blanes herfielen. "Da liefen mir die Tränen runter", sagt Schmitz.

Immer mehr Stammgäste haben sich über die Jahre verabschiedet aus Blanes, weil Spanien nur Spanien ist mit einem breiten Strand. Schmitz versteht diese Leute, aber er sieht auch, wie sehr die Besitzer um ihren Campingplatz kämpfen.

Sie schaffen Lastwagenladungen voller Sand heran, um die gröbsten Verluste auszugleichen. Im vergangenen Winter verabredeten sie sich mit dem Nachbarcampingplatz zu einer gemeinsamen Aktion, um den kärglichen Reststrand vor den Angriffen des Meeres zu retten: Sie legten Sandsäcke auf den Sand. Es ist ein Stellungskrieg, und als Handwerker begreift Schmitz die Vergeblichkeit dieser Manöver.

"Dat Problem is doch, wir haben die Natur mit Füßen jetreten", sagt Schmitz.

Keine zwei Minuten von dort, wo sein Wohnwagen steht, mündet ein Fluss ins Meer, die Tordera. Sie hat die Küste von Blanes über Jahrtausende mit Sand versorgt, aber in den siebziger und achtziger Jahren, als immer mehr Familien wie die Schmitz vom Urlaub an der Costa Brava träumten, zwängten die Spanier den Fluss in Mauern, um Platz zu schaffen für Hotels und Ferienwohnungen. Heute findet der Sand, der jeden Tag hier ankommt, keinen Halt mehr. Früher legte er sich an der Mündung ab, von wo ihn die Strömung an die Strände trug. Jetzt schießt er hinaus ins Meer.

Sand ist unser Öl, sagen sie in Spanien, wo vier Fünftel aller Touristen wegen der Playas ins Land kommen. Ökonomen haben für Blanes’ Nachbarort Lloret de Mar berechnet, dass jeder Quadratmeter Strand dort 1.381 Euro im Jahr einbringt.

In Blanes haben die Besitzer der Campingplätze Demos organisiert und Unterschriften gesammelt. Der Bürgermeister weiß nicht, wie oft er schon im Umweltministerium in Madrid war und um Hilfe bat.

Es gäbe in Blanes viel zu tun für einen Mann wie Howard Marlowe.

Marlowe würde nie auf die Idee kommen, seinen Urlaub auf einem Campingplatz zu verbringen. Er hat auch kein Ferienhaus in Florida wie so viele Amerikaner, die es zu Geld gebracht haben, er surft nicht, angelt nicht, und Sonnenuntergänge am Meer kann er nicht recht genießen. Howard Marlowe kann am Strand nicht abschalten, weil er dort überall Arbeit sieht.

An einem sonnigen Tag im Juni steuert Marlowe einen Mietwagen durch Venice, ein 20.000-Einwohner-Städtchen an der Küste von Florida, das so unauffällig ist, dass die Attentäter vom 11. September beschlossen, sich hier zu Piloten ausbilden zu lassen. Breite Straßen, Fahrradwege, Golfplätze. Rentner, die vor den kalten Wintern im Norden flüchten. Marlowe war lange nicht mehr in der Stadt, die seinem Leben vor Jahren eine neue Richtung gab. "Venice", sagt er, "war mein erster Strand."

Er stellt den Wagen ab und schlurft mit schweren Schritten durch den Sand, ein älterer Herr mit Stoffhose, kariertem Hemd und Krawatte, an dessen Fingern goldene Ringe funkeln. Dann hält er inne. Geblendet von der Helligkeit, legt er eine Hand vor seine Stirn und sieht sich um. Sein Blick streift Paare, die auf bunten Tüchern liegen, die mit Flatterband markierten Nester der Meeresschildkröten, das Meer, türkis und glatt wie ein Swimmingpool, aber darauf achtet er nicht. Marlowe deutet in Richtung der Apartmentblocks gleich hinter dem Strand. "Sehen Sie die scharfe Kante in der Düne?", fragt er. "Wenn wir nichts tun, steht das in zehn Jahren alles unter Wasser."

Eine ältere Frau im Bikini stapft auf Marlowe zu. Sie mustert ihn im Vorbeigehen, dann dreht sie sich um und fragt: "Was machen Sie denn hier, in diesem Aufzug?"

"Ich besorge Ihnen einen neuen Strand", sagt Marlowe, so selbstverständlich, als wäre er der Junge aus der Unendlichen Geschichte, der neue Welten schafft.

"That’s good", sagt die Frau und schüttelt etwas irritiert den Kopf.

Marlowe lächelt.

"Ist immer das Gleiche", sagt er: "Für die Leute ist ein Strand etwas Gottgegebenes. War immer da, wird es immer sein. Kaum einer weiß, dass man was für ihn tun muss."

Sandman nennen sie Marlowe in den USA oder auch Sanda Claus, weil er für viele Städte, deren Strände schwinden, so etwas wie die letzte Hoffnung ist. Marlowe leitet eine Lobby-Agentur in Washington, die im Auftrag von Kommunen Regierungsgelder auftreibt für den künstlichen Erhalt der Strände.

Die Idee ist simpel: Wenn sich das Meer den Sand holt, dann holen wir ihn uns wieder zurück. Für Howard Marlowe sind Strände nichts Natürliches mehr. Sie sind etwas, das man plant und designt wie eine Uferpromenade. Etwas, das Ingenieure konstruieren, indem sie Millionen Tonnen Sand auf eine Küste kippen.

Marlowe ist jetzt 71, er könnte längst in Rente sein, aber die Geschäfte laufen gut. Allein in Florida, wo es rund 800 Meilen Strand gibt, sind mittlerweile gut 350 Meilen künstlich. Strände wie die in Venice, Sarasota und Palm Beach wären ohne Marlowe längst verschwunden. Zwischen 1970 und 2013 hat die amerikanische Regierung 3,7 Milliarden Dollar in 469 Strandaufschüttungen investiert.

"Bestens angelegtes Geld", sagt Marlowe.